Bilder zu Istanbul 1950er / 60er Jahre, zur ersten Welle der Landnahme und selbstgesteuerten Siedlungsentwicklung auf staatlichen Böden. © Urbanitiez
Bilder zu Istanbul 1950er / 60er Jahre, zur ersten Welle der Landnahme und selbstgesteuerten Siedlungsentwicklung auf staatlichen Böden. © Urbanitiez

Die (Re-)Kommunalisierung des Bodens steht auf der Agenda zahlreicher Berliner Stadtinitiativen. Viele Neuberliner*innen jedoch entstammen Ländern Südosteuropas, wo Bodeneigentum aus historischen Gründen grundsätzlich staatlich ist. Hier konnten Staaten auf weite Bodenressourcen zurückgreifen und die historisch vage Formalisierung des Privateigentums hat urbane Diskurse und Praktiken im kalten Krieg sowie danach geprägt. Das staatliche Bodeneigentum erleichterte nicht nur den Aufbau der sozialistischen Stadt; es war zugleich Grundlage für die kreativ-kollektive Aneignung des Bodens auf der kapitalistischen Seite. Die Konkurrenz um günstige und flächendeckende Wohnraumversorgung in der Wachstumsphase der Städte brachte in den 1960er- und 1970er-Jahren neue Erfahrungen der Urbanisierung hervor, wie etwa die Gecekondu Istanbuls oder die sozialistischen Wohnsiedlungen in Belgrad. Sie wurden im Westen, rückblickend aus dem 21. Jh., wiederentdeckt und gehypt, wenn auch unter ganz unterschiedlichen Gesichtspunkten.

Da, wo sie im Original schon längst nicht mehr existierten und durch neue urbane Formationen ersetzt wurden, mutierten sie im Westen zu Geographien des “learning from”. Heute unter dem gemeinsamen Nenner des Neoliberalismus geeint, ist der ehemalige Segen Staatseigentum nicht selten zu einer Quelle staatlicher Übergriffe mutiert: Der Boden der die Bewohner sowie aktive urbane Bewegungen dieser Städte heute verbindet. Er ist Anlass für eine vielschichtige Diskussion von Urbanitiez mit Experten aus dem ehemaligen Osten und Westen.

Modul 1
„Urbanisierung im Südosteuropa der 1970er-Jahre als Thema der Nostalgie: War der kalte Krieg ein Goldenes Zeitalter?“, Betrachtungen zur Region aus Berliner bzw. westeuropäischer Sicht. Mit lokalen Expert*innen, die sich in dem Gebiet näher engagiert haben, gehen wir auf die Rezeption der Urbanisierungsgeschichte in SO-Europa ein. Eine offene Runde zum gemeinsamen Brainstorming.

Modul 2
„Vom Umgang der Staaten mit ihrem Erbe des Bodeneigentums vor dem, im und nach dem Kalten Krieg: Vorstellungen von Sozialismus und Anti-Sozialismus und ihre Transformation im neoliberalen Kapitalismus“, Inputs von Miloş Jovanoviç (Historiker) zu Belgrad und Orhan Esen (Historiker / freier Forscher / stadtpolitischer Aktivist) zu Istanbul, mit anschließender Diskussion.

Modul 3
„Die Bodenfrage und das Recht auf Stadt: Südost-Europa heute“. Eine Diskussion in offener Runde, mit Dobriça Veselinoviç (Stadtaktivist, Mitgründer des Ministry Of Space |Belgrad), Dimitra Siatitsa (Architektin, Planerin und Aktivistin |Athen), Tuba Inal çekiç (Planerin und Raumforscherin | Istanbul) u.a. sowie Berlinern aus der Region.


Land issues in Southeastern Europe

Concepts of Socialism, Anti-Socialism and Capitalism

The (re-)municipalisation of land is on the agenda of numerous Berlin city initiatives. Many Neuberliners however, come from countries in Southeastern Europe, where land ownership is basically state property for historical reasons. Here states were able to draw on vast land resources, and the historically vague formalisation of private property shaped urban discourses and practices during and after the Cold War. State land ownership not only facilitated the construction of the socialist city; it was also the basis for the creative collective appropriation of land on the capitalist side. In the 1960s and 1970s, the competition for cheap and comprehensive housing during the growth phase of the cities produced new experiences of urbanization, such as the Gecekondu Istanbul or the socialist housing estates in Belgrade. In the West, looking back from the 21st century, these were rediscovered and hyped, albeit from very different points of view. When the originals had long since ceased to exist and had been replaced by new urban formations, they mutated into geographies of "learning from" in the West.

United today under the common denominator of neoliberalism, the former blessing of state property has often mutated into a source of state aggression: The soil that connects the inhabitants and active urban movements of these cities today. This occasion provides for a multi-layered discussion between Urbanitiez and experts from the former East and West.

Module 1
"Urbanization in Southeastern Europe in the 1970s as a theme of nostalgia: Was the Cold War a Golden Age?", reflections on the region from a Berlin or Western European perspective. With closely involved local experts we will discuss the reception of the history of urbanization in Southeastern Europe. An open round for joint brainstorming.

Module 2
"How states deal with their heritage of land ownership before, during and after the Cold War: Concepts of socialism and anti-socialism and their transformation in neoliberal capitalism", inputs from Miloş Jovanoviç (historian) to Belgrade and Orhan Esen (historian, activist) to Istanbul, with subsequent discussion.

Module 3
"The land question and the right to a city: Southeast Europe today". An open discussion with Dobriça Veselinoviç (Activist and co-founder of the Ministry Of Space | Belgrade), Dimitra Siatitsa (architect, planner, activist | Athens), Tuba Inal çekiç (researcher, urbane movements, urban commons, participatory planning/governance | Istanbul) and Berliners from the region.