Foto: Moja Ulica / Marcin Latallo
Foto: Moja Ulica / Marcin Latallo

Entlang der Ogrodowa Straße in Łódź spannen sich zwei Welten auf: Auf der einen Seite entfaltet sich der prekäre Alltag der Arbeiterfamilie Furmańczyk, auf der anderen die glitzernde Konsumwelt von Manufaktura – dem neuen kommerziellen Zentrum von Łódź, mit Einkaufsmöglichkeiten, Restaurants, Cafes, Kinos und Hotels.

Bereits seit fünf Generationen lebt die Familie Furmańczyk in der Arbeitersiedlung, die der Fabrikant Izrael Poznański, der »König der Baumwolle«, für die Arbeiter seiner Textilfabrik im 19. Jahrhundert errichtet hat. Sein Fabrikkomplex bildet eines der Zentren einer blühenden Textilindustrie, die der Stadt Reichtum und den Menschen Arbeit beschert. Auch im Sozialismus besteht die Textilindustrie in Łódź erfolgreich weiter. Nach der Wende bricht die Produktion jedoch zusammen, zahlreiche Betriebe müssen schließen und Arbeitslosigkeit greift um sich. Heute zählt die Arbeitersiedlung gegenüber Mitteleuropas größtem Einkaufszentrum zu den sozialen Brennpunkten der Stadt.

Regisseur Marcin Latałło begleitet in seinem Dokumentarfilm »Moja Ulica« fünf Jahre lang Familie Furmańczyk durch ihren prekären Alltag. Als ehemalige Fabriksarbeiter und Bewohner der Arbeitersiedlung sind sie durch andauernde Arbeitslosigkeit von Armut betroffen. Während die Familie von der Hand in den Mund lebt, muss sie beobachten wie sich ihre Fabrik unter der Regie eines französischen Investors in einen modernen Konsum- und Freizeittempel verwandelt – in dem es für die Furmańczyks keine Arbeit gibt. Regisseur Marcin Latałło begegnet seinen Filmprotagonisten in ihrer vom postindustriellen Strukturwandel geprägten Welt, die keinen Platz mehr für sie bietet. „Zu jung, um zu sterben und zu alt, um zu leben“ fasst Marek seine Lage nach zwölf Jahren Arbeitslosigkeit mit Galgenhumor zusammen.

»Moja Ulica« verhandelt die Schicksale der Protagonisten und ihr tapferer Kampf ums Überleben als Teil einer größeren Geschichte über Gewinner und Verlierer struktureller Veränderungsprozesse. Ohne Einflussmöglichkeit der Familie entschwindet mit dem Arbeitsplatz die gesicherte Lebensführung und macht einem alltäglichen Kampf ums Dasein Platz. Zum Helden des Filmes wird auch die Stadt Łódź – eine Stadt, in der das Streben nach Entwicklung und Modernisierung immer in enger Verbindung mit der industriellen Tradition bleibt.

Als Vorfilm wird ein Frühwerk von Krzysztof Kieślowski gezeigt:

Z miasta Łodzi / Aus der Stadt Łódź
Dokumentarfilm, Regie: Krzysztof Kieślowski, Polen 1968, s/w, 17 Min, OmeU

»Z miasta Łodzi« ist der erste Dokumentarfilm von Krzysztof Kieślowski, gedreht 1968 als Abschlussarbeit an der Lodzer Filmhochschule. Der 17-minütige Kurzfilm setzt sich mit der Industriestadt Lodz und dem Alltag der Textilarbeiterinnen im sozialistischen Polen auseinander. Den Ort der Handlung bildet genau jene Fabrik, die rund 40 Jahre und viele Transformationen später im Dokumentarfilm »Moja Ulica« von Marcin Latałło als symbolischer Sehnsuchtsort im Zentrum steht.

Moja Ulica / Meine Straße
Polen/Frankreich 2006
52 min, OmeU
Regie: Marcin Latałło

Marcin Latałło geb. 1967, lebt in Polen und Paris, studierte Regie an der Filmschule in Paris und Kamera in der Staatlichen Hochschule für Film, Fernsehen und Theater „Leon Schiller“ in Łódź. Er arbeitete mit bekannten polnischen Regisseuren, wie Andrzej Wajda, Agnieszka Holland und Krzysztof Kieślowski zusammen und übersetzte ihre Filme ins Französische. Derzeit arbeitet er an einem weiterem Film über Łódź mit dem Titel „Marynarz w Łodzi“ (The Sailor's Stories / Der Seemann in Łódź).
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Z miasta Łodzi / Aus der Stadt Lodz
Polen, 1968
17 min, s/w, OmeU
Regie: Krzysztof Kieślowski

Krzysztof Kieślowski († 1996) zählt zu den einflussreichsten polnischen Regisseuren und Drehbuchautoren. Sein Werk wurde mit zahlreichen internationalen Filmpreisen gewürdigt. Zu seinen bekanntesten Werken zählen die Filmzyklen Dekalog und Drei Farben.

In Kooperation mit dem Stadtkino Wien und dem Polnischen Institut Wien.

Erreichbarkeit: U1, U2, U4 Karlsplatz, Ausgang Künstlerhaus
Eintritt: 8,50 Euro. Reservierung direkt im Stadtkino!