Alles ist verbunden
Kunstinsert von Martin VeselyDer Wiener Künstler Martin Vesely hat in den vergangenen 20 Jahren eine sehr spezifische Praxis entwickelt, die der Herstellung und Abbildung räumlicher Konstellationen gewidmet ist.
In seinen fotografischen Arbeiten nimmt er immer wieder den Stadtraum in den Blick, Architektur und (Bau-)Denkmäler ebenso wie informelle Strukturen, meist mit der analogen Großformatkamera aufgenommen. Seine skulpturale Arbeit besteht aus Licht-, Pult- und Regalkonstruktionen, die zwischen autonomem künstlerischen Werk und innenarchitektonischer Dienstbarkeit angesiedelt sind. Für sich und im Auftrag anderer baut Vesely aus Stahl, Glas, Neonröhren und Normteilen Möbel und Raumelemente – für die Wiener Schule für künstlerische Fotografie etwa ein Regal- und Lichtsystem, für das Wohnatelier des Künstlers Siggi Hofer eine modulare, demontierbare Treppe.
Zu Beginn seines Beitrags für dérive steht eine Ansicht des selbstorganisierten Ausstellungs- und Barraums Ve.Sch, den Martin Vesely seit seiner Gründung 2008 in wechselnden personellen Konstellationen und an verschieden Orten betreibt. Neben der Kuratierung des Ausstellungsprogramms sind die Gestaltung des Raums, seiner Oberflächen, Möblierung und Beleuchtung zentrales künstlerisches Thema Veselys, ebenso wie die Zubereitung wohlüberlegter Getränke. Nach sieben Jahren in der Schikanedergasse in Wien, in unmittelbarer Nähe der Galerien-Meile Schleifmühlgasse, wo das Ve.Sch zu einem zentralen spätabendlichen Hangout der Wiener Kunstszene wurde, übersiedelte es in eine Gewerbehalle in Kaltenleutgeben, am Waldrand außerhalb der Stadt. Für diesen roh belassenen Raum schuf Martin Vesely signifikante, wenn auch in ihrer industriellen Selbstverständlichkeit gänzlich unprätentiöse Leuchtkörper.
Auch für seine eigenen Ausstellungen und Installationen entwickelt Vesely ausgefeilte Präsentationssysteme. Für Wien Bilder, präsentiert im Sommer 2024 im Wiener Kunstraum Third Space, montierte er ein in vier Blätter geteiltes, großformatiges Foto der Westfassade des Wiener Stephansdoms in den Raum. Stahlprofile stemmen sich zwischen Boden und Decke und tragen Glasplatten, hinter denen die vier Prints gehängt sind. Die monumentale und doch fragile Installation zeigt die kürzlich renovierte Eingangsseite des gotischen Baus mit seinen aufstrebenden Bögen und Pfeilern, sie setzt sich sichtbar von der bereits gedunkelten Nordfassade ab, an der ein Banner mit der Aufschrift »Halleluja. In Wien wird wieder Tennis gespielt!« angebracht ist. Im Vordergrund des Fotos sind zahlreiche Menschen zu sehen, die ins Gespräch oder ihre Handys versunken sind, oder achtlos am Bau vorbeigehen. An der rechten Wand des Ausstellungsraums ist eine weitere Fotografie Veselys zu sehen, sie zeigt die Reiterstatue Prinz Eugens vor der Wiener Hofburg. Gerahmt ist sie in einen breitrandigen Kasten aus Rohspanplatte, das profane Display konterkariert die heroische Inszenierung im Zentrum der imperialen Macht.
Sein Insert für dérive schließt mit einer Stadtansicht, fotografiert 2004 in Mexiko-Stadt. Sie ist Teil einer Serie, die periphere Siedlungen und informelle Bauten in der Millionenmetropole dokumentiert. Aufgebrochene Straßen, unvollendete Rohbauten, aus deren Obergeschoßen Armierungseisen stehen, Graffitis und vergitterte Fenster. Über allem verlaufen die Stromleitungen, die urbane Infrastruktur durchmisst unbeirrt den Raum. Alles ist verbunden.
Andreas Fogarasi
Martin Veselys Arbeit ist ab Oktober 2026 für ein halbes Jahr im Display Cabinet der Fotogalerie Wien zu sehen.
www.vesch.org/martin-vesely
Der Ve.Sch Kunstverein ist kürzlich in ein ehemaliges Architekturbüro in der Schulhofpassage im sechsten Bezirk in Wien gezogen und hat jeweils Donnerstag abends von 18 Uhr bis spät für Ausstellungen und Barbetrieb geöffnet.
www.vesch.org
Nächste Ausstellungen:
Camila Sposati,
Volcan Moreau
03.07.—30.07.2026
Eröffnung: Donnerstag, 2. Juli
Bianca Phos, Katrin Euller
28.08.—24.09.2026
Eröffnung:
Donnerstag, 27. August
Martin Vesely ist Künstler und betreibt den selbstorganisierten Ausstellungs- und Barraum Ve.Sch seit seiner Gründung 2008 in wechselnden personellen Konstellationen und an verschieden Orten.
Andreas Fogarasi ist bildender Künstler und Redakteur von dérive.