Iris Meder


Slowakische Architektur – das Thema ist gar nicht so leicht einzugrenzen. Im letzten Jahrhundert, in dem sich die nationalstaatliche Definition des Landes und seine daraus folgenden Grenzlinien zumindest viermal wesentlich veränderten, war die Gegend Wirkungsstätte von ArchitektInnen mit, neben dem Slowakischen, unter anderem deutscher, ungarischer und tschechischer Muttersprache, von Ruthenen und Galiziern nicht zu reden. Die im Ringturm zu sehende Übersicht zu diesem Thema legte sich geografisch auf das Gebiet der heutigen Slowakei fest. Ausgeklammert waren daher jene Gebiete, die nach dem Zweiten Weltkrieg an die Sowjetunion fielen und heute zur Ukraine gehören; dort bauten u. a. der Loos-Schüler Helmut Wagner-Freynsheim und der tschechische Funktionalist Jaroslav Fragner. Einbezogen wurden dagegen – nicht zur ungeteilten Freude der slowakischen Architektenschaft – auch in der Slowakei entstandene Highlights der tschechischen Moderne wie Jaromír Krejcars Sanatorium Machnáč in Trenčianske Teplice, eine großartige Bauhaus-Paraphrase oder Bohuslav Fuchs' Sanatorium Morava in der Hohen Tatra.
Man muss es gestehen: Solche reinen Manifestationen des mitteleuropäischen Funktionalismus haben slowakische ArchitektInnen nicht gebaut. Auch der bei Preßburg geborene Arnošt Wiesner etablierte sich architektonisch, nach dem Studium an der Wiener Akademie, in Brünn. In seinem Sinne einer undogmatischen Sachlichkeit verpflichtet waren in Bratislava neben Emil Belluš die beiden Lokalmatadoren Fridrich Weinwurm und Ignác Vécsei, die, wie Wiesner jüdischer Herkunft, im Gegensatz zu diesem die Zeit des Nationalsozialismus (mit einer pseudo-selbstständigen Slowakei von Hitlers Gnaden) nicht überlebten.

Das Fehlen von allzu enthusiastisch propagierten lokalen Avantgardetheorien machte das Land, das bis 1918 zum ungarischen Teil der Doppelmonarchie gehörte, aber auch offen für Einflüsse aus vielen Richtungen und ließ es in seinen besten Momenten eine Drehscheibenfunktion für die Vermittlung zwischen den angrenzenden Ländern Mitteleuropas einnehmen – etwa in den dreißiger Jahren, als in Bratislava die ungarisch-deutsch-slowakischsprachige Architekturzeitschrift Forum erschien: ein Periodikum, das sich durch bemerkenswerte Offenheit bei gleichzeitiger Resistenz gegenüber allem Dogmatismus auszeichnete. Trotz der geografischen Nähe zu Wien hielten sich die Bezüge in Grenzen: Josef Hoffmanns Einrichtung einer Preßburger Villa, die Beteiligung von Ernst Schwadron an einer anderen, auch der von Peter Behrens gewonnene Wettbewerb für eine Synagoge im nordslowakischen Zilina (Sillein) blieben Einzelfälle. Anders als der ungarische Jugendstil von Ödon Lechner, der in der Slowakei mehrere Bauten realisierte, waren Einflüsse Otto Wagners selten und gingen, etwa in den slowakischen Bauten des ungarischen Wagner-Schülers István Medgyaszay, durch den Filter des halb folkloristischen, halb konstruktiven Nationalstils von Duš an Jurkovič . Farbenfrohe Originalzeichnungen aus dem Nachlass von Jurkovič wurden in der Ringturm-Ausstellung erstmals außerhalb der Slowakei gezeigt. Nach einer kurzen Episode des stalinistischen Zuckerbäckerstils knüpfte man in den Sechzigern – trotz des immer noch gerne vorgebrachten Vorwurfs des »Formalismus« – an die Architektur Oscar Niemeyers an. Zu den besten Beispielen gehören die landwirtschaftliche Hochschule in Nitra (Rudolf Miňovský, Vladimír Dedeček) und Dušan Kuzmas 1969 fertig gestelltes Mahnmal des slowakischen Befreiungsaufstandes in Banská Bystrica.
Herausragend sind auch Ivan Matušíks Krematorium in Bratislava, das an den skandinavischen Minimalismus etwa von Heikki Sirén denken lässt, und das Militär-Erholungsheim im ostslowakischen Zemplínska Sirava (Ivan Kočan, Dušan Balent, Eduard Horváth), letzteres als große Ausnahme schon während der lähmenden »Normalisierung« nach der Niederschlagung des Prager Frühlings entstanden. Da half nur noch anarchischer Zynismus: So auf der Entwurfscollage der futuristischen neuen Donaubrücke. Statt Ladas und Škodas phantasierte sich das Entwerferteam Lačko/Kušnír/Slamen schicke italienische Sportwagen in das Grau des sozialistischen Bratislava.
Nach der Selbstständigkeit der Slowakei machten sich in den neunziger Jahren – im offensichtlichen Bestreben, sich vom tschechischen Bruder abzusetzen – von neuem ungarische Einflüsse geltend, besonders in den organischen Formen des Kirchenbaus à la Imre Makovecz. Ihre Präsentation neben den Bauten von lokalen Stars wie Ľubomír Závodny, Ján Bahna, Juráni/Toma und Studeny/Kopecký, die internationale Vergleiche nicht zu scheuen brauchen, wollte nicht recht zum »Best of«-Konzept der Ausstellung passen – ein Umstand, der wohl, wie einige andere Ungereimtheiten, der unterschiedlichen Kuratierung der einzelnen Zeitspannen zuzuschreiben ist.

Architektur Slowakei.
Impulse und Reflexion

Ringturm, Wien
30.10.2003 - 29.2.2004


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