Peter Kloser


2004 wird Litauen ein Teil der EU werden und somit von der Peripherie des Ostens in die Peripherie des Westens wechseln. Dennoch versucht sich Vilnius mit dieser Triennale schon jetzt seinen Platz unter den internationalen Ausstellungsplätzen für aktuelle Kunst zu sichern. Mit dem Contemporary Art Center (CAC), einem bemerkenswert eleganten Museum von 1968, hat Vilnius auch die ideale Voraussetzung gefunden. Weiters wurde ein ehemaliges Druckereigebäude für die Ausstellung adaptiert, welches in Zukunft auch für KünstlerInnenateliers genutzt werden soll.
Es wird auch eine Lücke gefüllt, denn bis jetzt gab es in Osteuropa keine regelmäßig stattfindenden Großausstellungen und durch das Format der Triennale, welches noch ein Erbe der Sowjetzeit ist, wurde es möglich, dieses Projekt zu realisieren. Für Tobias Berger, Kurator der aktuellen Triennale, ist es auch die zeitgemäßeste Form, aktuelle Kunst zu zeigen. Ausgehend von der speziellen Lage Litauens – einerseits Peripherie und andererseits geografischer Mittelpunkt Europas – versucht Berger hier die Thematisierung „Zentrum“ aufzugreifen. Dieses Zentrum ist dabei kein gegebener Zustand, sondern eine variable Größe und betrifft sowohl physikalische wie auch architektonische, wirtschaftliche etc. Dimensionen.
Hendrikje Kühne und Beat Klein ordnen in ihrer Bodenarbeit „A World of Difference“ (2001) die Welt in neue Bezüge, indem sie das Jahresangebot von Tourismusreisen als Parameter ansetzen. Der so entstandene Atlas, in dem Italien sehr groß und Afrika beinahe nicht vorhanden ist, spiegelt in fataler Weise auch unsere Wahrnehmung der Welt. Dahinter hängen die zarten Diagramme von Mark Lombardi (gest. 2001). Landkarten der Wirtschaft, die sowohl die Zusammenhänge von Vatikan und Waffenhandel (Inner Sanctum, 1996) beschreiben, wie auch die geschäftlichen Verbindungen von George W. Bush mit Osama Bin Laden (George W. Bush, Harken Energy and Jackson Stevens c. 1979-90, 5th version, 1999(!)). Doch diese Karten besitzen keine Legenden, die unterschiedlich markierte Verbindungen erläutern, und man kann seinem Hang zu Verschwörungstheorien freien Lauf lassen.
Im selben Raum wird eine Arbeit von Nic Hess gegenübergestellt, auf der er Markenlogos zu einer kaleidoskopartigen Grafik zusammenstellt. Dieses Meta-Logo nimmt Bezug auf die Befindlichkeit einer Gesellschaft, die (gerade ökonomisch schlecht gestellte Schichten) durch übertriebene Zurschaustellung von erworbenen Markennamen ihren Status kompensiert. Dazu muss noch erwähnt werden, dass Vilnius das größte Shopping Center (Hyper-Maxima „Akropolis“) des ganzen Baltikums besitzt, welches inmitten von Plattenbauten neben den Ruinen eines Stadions aus der Sowjetzeit errichtet wurde.
Taro Shinoda ist mit seiner Arbeit „Milk“ (1995) vertreten, eine große Installation aus einem mit weißer Farbe gefüllten Becken. Darüber gleiten auf Schienen kleine Wagen mit Neonröhren. Berühren sich zwei Wagen, ändern sie mit leisem Klicken ihre Fahrtrichtung. Es entsteht ein sich konstant veränderndes Lichtspiel, das große Ruhe ausstrahlt. Shinoda sieht hier eine Fortsetzung seiner Arbeit als Gartenarchitekt mit modernen Mitteln. „So wie im Royan Tempel (Kyoto) die Steine auf dem geharkten Kiesel Bewegung durch Stillstand ausdrücken, wird in „Milk“ Stillstand durch Bewegung ausgedrückt“. Shinodas Arbeit ist der ruhende Pol dieser Ausstellung, in der man sich selbst ins Zentrum der Betrachtung rücken kann.
Das Bilden eines städtischen Zentrums kann in den Dokumenten von George Maciunas nachgelesen werden. Dieser litauische Emigrant, Mitbegründer der Fluxus-Bewegung, begann 1966 systematisch Lofthäuser in New York in Häuser für KünstlerInnen umzubauen und war damit wesentlich an der Entwicklung von Soho beteiligt.
Ein Stockwerk tiefer setzt sich Thomas Bayrle in „Autobahn Fence“ mit sozialen und ökonomischen Auswirkungen des Phänomens Autobahn auseinander. Sie ist für ihn zu einem Symbol der permanenten Auseinandersetzung von Arbeit, Umweltverschmutzung, Recycling etc. geworden, in der er die moderne Massengesellschaft gefangen sieht.
Diesen permanenten Strom stoppt Santiago Sierra in seiner Aktion „Closure of a Street with a Truck, Southern Highway, Mexico City“ (Video, 1998). Sierra blockierte dabei eine neuralgische Stelle einer der meist befahrenen Straßen von Mexico City für fünf Minuten.
Egle Rakauskaite dokumentiert im Video „Gariunai“ das tägliche Treiben auf dem Markt gleichen Namens, der an der Ausfallstraße von Vilnius nach Kaunas gelegen ist. Es handelt sich dabei um den größten derartigen Markt im ganzen Baltikum und vom Umsatz her um den größten litauischen Betrieb. Hier bekommt man Plastikware aus China, Sowjetkitsch aus Russland, CD-Raubkopien aus der Ukraine, Essen, Trinken und sämtliche anderen legalen und illegalen Dinge, die man zum Leben und dessen Beendigung braucht. Hier handelt jeder im grauen Bereich am Staat vorbei, aber offensichtlich mit dessen Duldung. Durch seine geografische Lage zieht der Markt Leute aus sämtlichen Baltischen Ländern, Russland, Weißrussland etc. an und gibt Vilnius die Internationalität aus früheren Tagen zurück.
Dem Phänomen der Raubkopien geht auch Darius Miksys „Home Burnt CD Collection“ nach. Jedes Wochenende findet im ehemaligen Kino Pergale in Vilnius ein CD-Markt statt, der keine Wünsche offen lässt. Für die Mehrheit der LitauerInnen ist es auch die einzig leistbare Möglichkeit, sich mit Musik einzudecken. Die Raubkopie ist hier die Antwort auf jene finanzielle Zensur, die der politischen folgte.
Franz Ackermann thematisiert in seiner großen Wandmalerei das Scheitern von Architektur. Abgerissene Eisenträger, schiefe Pfeiler und der frei schwingende Kranhaken werden von einem Wasserfall aus Farben verschüttet. Durch ein Loch in der Wand kann man ein Video mit der Sprengung des Berliner „Ahornblatts“ betrachten. Die Installation wurde noch mit Fotos ergänzt, die der Künstler in Vorstädten von Vilnius schoss.
Gleich gegenüber kann man die penible Nachbildung einer Prager Kleingartensiedlung (Colony) von Jan Mancuska sehen. Er verwendete dafür ausschließlich Haushaltswaren wie Zahnstocher, Lockenwickler, Flaschenbürsten etc., womit eine fröhlich bunte Spießigkeit erzeugt wird, wie man sie wohl auch in diesen kleinen Häuschen im Realen finden wird.
Im hinteren Teil des Raumes verschluckt das „Black Hole“ (2002) von Björn Dahlem eben diese Gemütlichkeit. Ein Sessel, ein Campingzelt, Gummistiefel und ganze Sonnensysteme aus Karton und Alufolie verschwinden hier in der Singularität der Holzlatten. Tobias Berger gelingt mit „Center of Attraction“ eine beeindruckende Ausstellung von hohem Niveau. Sie führt über eine bloße Ansammlung von Kunstwerken hinaus zu einer gegenseitigen Durchdringung und Bereicherung. Es wäre Vilnius zu wünschen, dass diese Arbeit in den nächsten Jahren fortgesetzt werden kann. Nachdem sich nun die Soros-Stiftung langsam aus den osteuropäischen Ländern zurückzieht und radikale Kürzungen in den westlichen Institutionen für kulturelle Zusammenarbeit bevorstehen, wird es in einigen Ländern schwer genug werden, Kulturarbeit zu leisten. Um so wichtiger wäre es, dass das Signal von Vilnius auch in anderen Städten östlich von Wien und Berlin gehört wird.

8th Baltic Triennial of International Art
14.9. - 3.11.2002, Vilnius