Christoph Laimer

Christoph Laimer ist Chefredakteur von dérive.

Elke Rauth

Elke Rauth ist Mitglied des Vorstands von dérive - Verein für Stadtforschung.


Werbeplakat der ersten Crowdfunding-Aktion für das City Plaza., Foto: Werbeplakat der ersten Crowdfunding-Aktion für das City Plaza
Werbeplakat der ersten Crowdfunding-Aktion für das City Plaza., Foto: Werbeplakat der ersten Crowdfunding-Aktion für das City Plaza

Das City Plaza ist ein selbstverwaltetes Refugee-Wohnprojekt in einem ehemals leerstehenden Hotel im Zentrum von Athen. Das 7-stöckige Haus für rund 400 Menschen ist im April 2016 besetzt worden und wird seitdem von den BewohnerInnen auf der Basis von Solidarität und Selbstorganisation betrieben. dérive hat das in vielen Aspekten herausragende Projekt besucht.

dérive: Europa hat im Herbst 2015 eine unerwartete Welle der Solidarität erlebt. Wie war die Situation hier in Athen und wie hat sie sich seitdem entwickelt?
City Plaza Hotel: Im Herbst 2015 war es noch möglich, die Grenzen zu überwinden, die Balkanroute war offen und Athen eher eine Transitstation auf der Route von Süden nach Norden. In dieser Zeit waren wir in vielfältigen Solidaritätsinitiativen in der Stadt organisiert: Wir haben Volksküchen organisiert und Kleidung verteilt, wir hatten ein mobiles Ärzteteam und versuchten auf vielerlei Arten Unterstützung zu leisten. In den folgenden Monaten veränderte sich die Lage aber drastisch: Die Balkanroute wurde geschlossen, das Abkommen zwischen der EU und der Türkei unterzeichnet und die Ägäischen Inseln wurden zu einer Pufferzone zwischen Griechenland und der Türkei. Mehr als 60.000 Menschen sind damals in Griechenland gestrandet, ohne die Chance auf ein Weiterkommen.
Gleichzeitig erlebten wir auch eine kontinuierliche Abwertung der Solidaritätsbewegung: Im Herbst 2015 war die breite Solidarität in den Medien gefeiert worden und die BewohnerInnen der Griechischen Inseln wurden für ihren Einsatz in der Flüchtlingskrise sogar für den Friedensnobelpreis nominiert. Doch die selbstorganisierte, solidarische Hilfe wurde Zug um Zug stärker behindert. Den Freiwilligen wurde der Eintritt in die sogenannten Hot Spots verboten – plötzlich war eine offizielle Genehmigung notwendig, um in den Camps zu helfen. Den solidarischen HelferInnen wurde vorgeworfen, die Geflüchteten zu Demonstrationen in den Camps anzustacheln. Dabei hatten die Menschen aufgrund der miserablen Lebensbedingungen keinerlei Provokateure nötig, um ihren Protest zu formulieren.

Wie kam es zur Besetzung des City Plaza Hotel?
Die Idee für eine größere Hausbesetzung, um Wohnraum für Geflüchtete zu schaffen, war bereits im September 2015 diskutiert worden. Wohnraum war damals aber nicht das dringendste Bedürfnis der Menschen auf der Flucht. Nachdem die Grenzen dicht gemacht worden waren, wurde die Wohnungsfrage aber akut, speziell auch, weil die institutionelle Antwort auf diese Notsituation die Errichtung von Flüchtlingscamps im Nirgendwo war, fernab von städtischen Zentren und unter sehr schlechten Bedingungen.
In dieser Situation war die Entscheidung City Plaza zu besetzen ein politisches Statement: gegen dieses Grenzregime, gegen diese Kontrollpolitik und gegen den Ausschluss der Geflüchteten aus den Städten und dem öffentlichen Raum. Wir wollten klar machen, dass wir eine andere Politik verfolgen – eine Politik des Zusammenlebens und der Solidarität, statt die Menschen fernab der Städte in Isolation zu halten. Gleichzeitig wollten wir mit der Besetzung auch ein Statement gegen die De-Legalisierung der Solidaritätsbewegung setzen.

Seit wann seid ihr hier?
Wir haben am 22. April 2016 das zentral gelegene City Plaza besetzt. Das Hotel ist in Privatbesitz und stand seit 2010 leer. Die private Eigentümerschaft hat es nicht unbedingt leichter gemacht, wir sind in ständigem Kontakt mit dem Besitzer, der uns natürlich loswerden will. Aber ausnahmsweise arbeiten die Mühlen der griechischen Bürokratie in diesem Fall einmal für uns.
Zusätzlich wird die Frage der Besetzung von Privateigentum auch in der Linken kontrovers diskutiert: Öffentliches Eigentum zu besetzen wird akzeptiert, Privatbesitz scheint aber nach wie vor sakrosankt. Für uns ist die Besetzung des Hotels eine Aneignung von Produktionsmitteln, vergleichbar mit dem Kampf um Selbstverwaltung in der Vio.Me Fabrik in Thessaloniki (www.viome.org). Wir besetzen hier keine Privatwohnung oder jemandes Häuschen, wir besetzen ein Hotel. Wir finden es interessant, neben der Flüchtlingsfrage und der Frage von legalen Rechten auch die Frage von Besitzverhältnissen zu stellen. Auf eine Art fragen wir hier, was wichtiger ist: Privatbesitz zu schützen oder 400 Menschen, die ansonsten auf der Straße leben müssten, ein Zuhause zu geben. Lasst uns das als Gesellschaft beantworten: Was ist wichtiger – der Besitz oder die Menschen?

Wie kann man sich die Besetzung eines seit sechs Jahren leerstehenden Hauses selbst vorstellen – gab es noch funktionierende Infrastruktur wie Wasser oder Elektrizität?
Als wir das Haus eingenommen haben, gab es nichts: Kein Wasser, keinen Strom und alles war unfassbar schmutzig. Wir hatten 50 Personen vor der Tür postiert, um den Eingang zu bewachen. Draußen stand eine aufgebrachte Nachbarschaft, die uns hier nicht haben wollte und damit drohte, die Faschisten von Chrysi Avgi (Goldene Morgenröte) zu rufen. Nach einer Stunde kam der Hausbesitzer mit einer Kamera und filmte alle, die hinein oder hinaus wollten. Wir waren insgesamt rund 220 Personen, davon 120 Geflüchtete, die wir bereits vorher über die mobile Solidaritätsbewegung kennen gelernt hatten. Im Vorfeld hatten wir besprochen, dass wir eine Besetzung versuchen wollen, aber die Wahrscheinlichkeit, am nächsten Tag geräumt zu werden, sehr hoch ist. Wir waren uns einig, dass wir eine friedliche Besetzung machen, aber dennoch – Polizei ist Polizei. Trotzdem wollten die Geflüchteten gemeinsam mit ihren Kindern dabei sein. Also saßen wir in der ersten Nacht ohne Strom bei Kerzenlicht am Boden, aßen kaltes Essen, das eine Volksküche für uns vorbereitet hatte, und fragten uns, ob wir gerade den Fehler unseres Lebens begehen. Doch die Polizei ist nicht gekommen und so ist es bis heute geblieben. Das hat sicher auch mit der politischen Situation zu tun. Die Syriza-Regierung versucht zumindest den Anschein einer linken Politik zu wahren.

Ihr führt das Haus ohne jegliche Unterstützung – weder von staatlicher Seite, noch durch internationale NGOs. Wie geht das?
Ja, tatsächlich. Kein Geld vom Staat, kein Geld von NGOs. Natürlich nehmen wir manchmal Sachspenden von NGOs an, etwa Medikamente oder andere Dinge, die wir dringend brauchen. Im Allgemeinen versuchen wir aber, eine andere Vorgangsweise zu propagieren: City Plaza ist für uns ein politisches Projekt. Wir wissen, dass wir mit einem Haus für 400 Personen nicht die Flüchtlingskrise lösen werden. Aber wir wollen zeigen, dass es anders geht: Wir betreiben ohne Budget und ohne spezielle Expertise eine der besten Flüchtlings-unterkünfte in Athen und wahrscheinlich sogar in ganz Griechenland. Das ist also grundsätzlich möglich und das Fehlen von menschenwürdigen Bedingungen ist somit eine politische Entscheidung. Wenn wir das ohne jegliche Mittel schaffen, während es die offizielle Flüchtlingshilfe mit großen Budgets und ihrer Expertise nicht hinbekommt, dann ist das politisch gewollt. Im Zuge der Flüchtlingskrise sind rund 170 NGOs in Griechenland aufgetaucht: Wenn jede dieser NGOs nur ein Haus wie unseres aufbauen würde, wäre die Krise gelöst und niemand müsste in Camps unter unwürdigen Bedingungen leben.

Für viele Menschen auf der Flucht ist das Weiterkommen aufgrund der politischen Lage mittlerweile sehr schwierig geworden. Wie lange bleiben die Menschen im City Plaza Hotel?
Es gibt hier im Haus kein Zeitlimit, trotzdem gibt es einen konstanten Wechsel an Bewohnern und Bewohnerinnen. Grundsätzlich gilt: Wer einzieht, kann bleiben solange wie nötig. Das ist auch ein Unterschied zu den Wohnprojekten der NGOs, in denen die Menschen meist nur drei Monate bleiben dürfen. Damit wird die existentielle Unsicherheit fortgeschrieben. Wir aber wollen mit dieser Prekarität brechen. Das City Plaza Hotel ist ein sicherer Ort, an dem man zur Ruhe kommen kann. Natürlich versuchen die Menschen weiter zu kommen, Griechen­land bietet für sie keine Perspektive: Für Menschen aus Syrien – also für die im offiziellen Diskurs echten Flüchtlinge – gibt es verschiedene legale Programme zur geographischen Verteilung und Familienzusammenführung. Für alle anderen, also für Menschen aus dem Irak, Iran, Afghanistan, Pakistan, usw., bleibt nur der illegale Weg. Wer Geld hat, um Schlepper zu bezahlen, versucht es, alle anderen bleiben in Griechenland hängen.

Das Haus hat Platz für 400 Menschen. Wie entscheidet ihr, wer hier wohnen kann?
Der Plan für die Besetzung war, dass wir zuerst mit den uns bereits bekannten Familien hineingehen, das Haus gemeinsam Etage für Etage in Stand setzen und schrittweise alle zehn Tage weitere Menschen aufnehmen. Wir wollten die Infrastruktur und die Hausgemeinschaft Stück für Stück entwickeln. Doch am Morgen nach der Besetzung warteten schon 150 Menschen vor dem Eingang. Die Nachricht hatte sich in weniger als 24 Stunden wie ein Lauffeuer verbreitet. Das ist bis heute so: Das City Plaza hat eine Warteliste von über 800 Personen, die eine menschenwürdige Behausung suchen. Das ist dramatisch und hat uns von Anfang an gezwungen, Aufnahmekriterien zu entwickeln. Am Anfang wollten wir die Aufnahme im großen Plenum lösen, was nicht funktioniert hat. Alle im Haus haben irgendwo Freunde oder Familie, die unter schlechten Bedingungen in den Camps leben und alle wollen ihre Leute im Haus haben. Das hat viele Konflikte provoziert. Mittlerweile fällt die Entscheidung in der AG Aufnahme, wobei wir nicht den dominanten Kriterien der NGOs folgen: Wir fragen nicht nach Papieren oder Nationalität und wir nehmen auch Alleinstehende auf, nicht nur Familien. Bedürftigkeit ist ein Kriterium, aber nicht das einzige. Wir versuchen eine Balance im Haus zu schaffen aus Menschen, die sich im Haus engagieren können und Menschen, die hilfsbedürftig sind. Wir versuchen zum Beispiel immer auch LehrerInnen, ÄrztInnen, KöchInnen, HandwerkerInnen oder Menschen, die übersetzen können, im Haus zu haben. Die Aufnahme ist ein schwieriger Prozess, der uns ständig zwingt, unsere eigenen Stereotype zu hinterfragen. Es gibt beispielsweise den Beschluss, niemanden aufzunehmen, der sich aggressiv verhält. Aber dann zeigt die Erfahrung, dass Menschen in absoluten Notlagen sehr aggressiv sein können, und sobald sich die Situation normalisiert hat, die hilfsbereitesten und fürsorgendsten Mitbewohner sind. Existenzielle Not verändert Menschen und ein kurzes Gespräch reicht nicht für ein Urteil. Wir treffen unsere Entscheidungen im Wissen, dass jede Auswahl eine unfairer Prozess ist. Es ist auch für uns ein ständiger Lernprozess. Wir kommen alle aus der No-Border-Bewegung und sind im Alltag gezwungen, ziemlich strikte Grenzen einzuziehen, um das Funktionieren des City Plaza sicher zu stellen. Das ist ein Widerspruch, dem wir uns täglich stellen müssen.

Wie organisiert ihr euch im City Plaza Hotel?
Im City Plaza leben 380 Geflüchtete und rund 40 Freiwillige. Wir haben sieben Hotelzimmer für internationale Freiwillige, die temporär mitarbeiten und dann hier leben können. Dann gibt es noch mehrere Räume für die Kerngruppe, die von Anfang an dabei war. Manche wohnen wirklich im Haus, andere teilen sich Räume und sind zeitweise hier, zeitweise in ihren eigenen Wohnungen.
Für die Entscheidungsfindung gibt es alle zwei Wochen das große Haus-Plenum. Zwischen den einzelnen Arbeitsgruppen gibt es wöchentliche Koordinationstreffen. Diese AGs gibt es für alle Bereiche wie etwa Küche, Kindergruppe, Englischunterricht, Warenlager, etc. Die Organisationsform wechselt immer ein wenig. Im Moment haben wir eine fantastische Lehrerin aus Schottland, die für ein halbes Jahr freiwillig bei uns arbeitet. Wenn sie geht, wird sich zeigen, ob man den Englischunterricht in dieser Qualität übergeben kann. Menschen, Beziehungen, Räume – diese Dinge stehen hier in ständiger Beziehung und Veränderung zueinander.
Für den Alltag gibt es ein Rotationssystem: Jedes Zimmer muss sich einmal pro Woche an der allgemeinen Arbeit im Haus – wie Putzen der Gemeinschaftsflächen, Kochen oder Geschirr waschen – beteiligen. Das funktioniert, wie solche Dinge eben funktionieren: Manche engagieren sich von morgens bis abends, andere müssen immer genau dann weg, wenn ihre Schicht gekommen ist. Wir versuchen mit ihnen zu reden und es gibt einen Beschluss, dass Leute, die sich nie beteiligen, wieder ausziehen müssen. Aber das ist nicht immer so einfach. Insgesamt basiert aber der gesamte Betrieb auf solidarischer Selbstorganisation – die BewohnerInnen nehmen das Leben im Haus selbst in die Hand.
Jedes Zimmer ist das Zuhause einer Familie, um auch Rückzug und Privatleben zu ermöglichen. Für Alleinstehende gibt es kleinere Räume, für Familien größere. Die Hotelstruktur ist sehr praktisch, denn jedes Zimmer hat ein eigenes Bad und WC. Gekocht und gegessen wird gemeinsam und wir haben auch eine Bar, eine Arztpraxis, eine Warenausgabe, Sprachkurse, Spiel- und Aufenthaltsräume. Gleichzeitig versuchen wir, nicht alles abzudecken. Wir wollen, dass die BewohnerInnen auch hinaus in die Stadt gehen, etwa um Rechtsberatung zu bekommen, griechisch zu lernen oder wenn sie zu einer Untersuchung ins Spital müssen. Solange es kein Notfall ist, statten wir die Leute mit einem Fahrschein und einem Stadtplan aus und schicken sie los. Wir sind der Überzeugung, dass jemand, der es zu Fuß von Syrien nach Griechenland geschafft hat, auch seinen Weg vom City Plaza zum Sprachkurs finden wird. Wir wollen die Menschen nicht komplett hilflos und abhängig machen, sondern eher einen emanzipatorischen Prozess ermöglichen. Das ist zum einen nötig, weil das Haus komplett auf Freiwilligkeit und Selbstorganisation basiert – wenn nicht genug Leute in der Küche helfen, gibt es kein Essen. Zum anderen ist es eine politische Entscheidung. Wir wollen ein gleichberechtigtes Miteinander und speziell für Frauen ist das oftmals eine Erfahrung, die sie wachsen lässt.

Ihr seid hier in Keratsini, der Stadtteil gilt als Hoheitsgebiet der Rechten. Wie geht es euch damit?
Wir befinden uns mitten in einem ultra-rechten Stadtteil. Auf der sozio-geographischen Landkarte von Athen ist Keratsini die Heimat der Faschisten, die hier bis 2013 sehr stark waren. Seit der Ermordung von Pavlos Fyssas (siehe https://en.wikipedia.org/wiki/Murder_of_Pavlos_Fyssas) sind aber rund 80 Prozent der Goldenen Morgenröte vor Gericht. Seitdem verhalten sie sich ruhig, es gibt keine Aufmärsche mehr. Davor gab es in dieser Gegend durchschnittlich fünf ausländerfeindliche Attacken pro Nacht – es war kompletter Wahnsinn. Es gab große Gegendemonstrationen, aber sobald die Leute weg waren, war die Gewalt wieder da. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, hier zu besetzen, weil wir die Gegend nicht der Goldenen Morgenröte überlassen wollen. Das hat Konsequenzen. Seit Beginn gibt es einen 24h-Sicherheitsdienst, für den immer drei Personen für je sechs Stunden eingeteilt werden. Bisher ist alles gut gegangen.

Wie ist euer Verhältnis zur Nachbarschaft?
Als wir das Hotel besetzt haben, gab es großen Widerstand aus der Nachbarschaft. Die Leute meinten: »Ihr kommt hier her aus dem Norden der Stadt und sagt uns, was wir zu tun haben. Wenn ihr die Flüchtlinge wollt, nehmt sie doch mit nach Hause.« Also dachten wir: Ok, mit der Besetzung hat sich dieses Argument eigentlich erledigt. Wir leben im Hotel und nehmen somit die Flüchtlinge mit nach Hause. Mittlerweile hat sich das Verhältnis stark verändert: Wir treffen uns auf der Straße, die Kinder spielen draußen oder gehen hier in die Schule. Wir bemühen uns auch, den öffentlichen Raum zu pflegen, kehren täglich rund ums Hotel, haben Blumen vor dem Haus gepflanzt – kleine Dinge, die für die Nachbarschaft wichtig sind. Als wir dann noch einen streunenden Hund adoptiert haben, war das Eis gebrochen. Es ist verrückt, aber es war tatsächlich so: Viele Menschen, die das Schicksal der Flüchtlinge völlig kalt gelassen hat, waren von der Adoption des Hundes komplett gerührt. Frei nach dem Motto: Wer sich um arme Tiere kümmert, kann kein schlechter Mensch sein. Mittlerweile gibt es viele NachbarInnen, die Essen, Kleidung oder Schokolade für die Kinder vorbei bringen.
Im Herbst hat gleich nebenan eine öffentliche Schule für 10-14 jährige Kinder eröffnet. Wir haben uns Sorgen gemacht, wie sich das auswirken wird, weil einige der Jugendlichen sicher aus faschistischen Familien stammen, aber alles blieb ruhig. Im Dezember hat uns die Schule sogar zur Weihnachtsfeier eingeladen und es war sehr lustig.

Wie finanziert sich das Haus? Bekommen die Menschen irgendeine offizielle Unterstützung?
Leider nein, es gibt ein Gesetz, dass nur den Menschen in den Camps eine Unterstützung von rund 200 Euro bekommen. Wir haben schon versucht, dass zu ändern, aber wir sollten noch mehr Druck machen.
Für die laufenden Kosten sind wir somit komplett auf Spenden angewiesen. Als wir das Haus besetzt haben, starteten Freunde in Deutschland eine fantastische Crowdfunding-Kampagne für uns. Der Slogan lautete: »Kein Pool, keine Minibar, kein Roomservice und trotzdem das beste Hotel Europas«. Diese Kampagne hat super funktioniert und hält uns nach wie vor finanziell am Leben. Dann gibt es zahlreiche Sachspenden, für die wir eine eigene Arbeitsgruppe haben. Für frische Lebensmittel ist eine eigene AG in der ganzen Stadt unterwegs, um Abmachungen für sehr günstige oder kostenfreie Lebensmittel mit ProduzentInnen und HändlerInnen zu treffen. Wir haben etwa eine Übereinkunft mit den MarktarbeiterInnen und holen einmal pro Woche Lebensmittel ab, die kleine Fehler haben oder am nächsten Tag nicht mehr verkauft werden können. Medikamente bekommen wir von selbst-organisierten Medizin- und Apotheken-Initiativen und vielfach auch von UnterstützerInnen aus dem Ausland. Das ist immens wichtig, weil Medikamente sehr teuer sind.
Zusammen mit der Selbstorganisation schaffen wir es so, die Kosten immens niedrig zu halten: Im Moment kostet die Vollpension im Hotel City Plaza einen Euro pro Person pro Tag. Das beinhaltet neben drei Mahlzeiten auch ärztliche Versorgung, Medikamente, persönliche Hygiene-Artikel, Strom, Wasser oder Internet. In den offiziellen Flüchtlingscamps kostet die reine Essenversorgung 6-8 Euro pro Tag, das City Plaza Hotel ist also unendlich sparsam, obwohl es hier allen gut geht. Trotzdem ist auch 1 Euro pro Tag bei so einem großen Haus viel Geld: Wir brauchen monatlich rund 12.000 Euro, um das Hotel am Laufen zu halten. Wir sind also ständig auf Spenden angewiesen.

Wie wird es mit dem Hotel City Plaza weitergehen?
Wir haben nicht vor, City Plaza auf ewig zu betreiben oder eine NGO zu gründen. Wir sehen es als politisches Projekt und wollen zeigen, dass eine menschenwürdige und respektvolle Unterbringung von Menschen auf der Flucht möglich ist. Aber wir wollen nicht für alle Zeiten die Arbeit der Regierung machen. Es ist ein außergewöhnliches, ein forderndes und zugleich bereicherndes Projekt: Manchmal wird einem alles zu viel und im nächsten Moment liebt man dieses Haus wieder über alles. Viele von uns haben ihre Jobs gekündigt, um City Plaza möglich zu machen. Irgendwann wird es wieder ein anderes Leben geben, aber für den Moment ist dieses Leben genau das Richtige.

Vielen Dank für das Gespräch!

Support City Plaza Athens
Das City Plaza Hotel Athen ist ein selbstverwaltetes Wohnprojekt für rund 400 Geflüchtete in einem vormals leerstehenden Hotel, das im April 2016 besetzt wurde. Der Betrieb des Hauses basiert auf Solidarität und Selbstorganisation ohne jegliche öffentliche Förderung. Das Haus wird durch freiwillige Spenden finanziert und benötigt rund 12.000 Euro pro Monat. Wer das City Plaza Athens unterstützen will, kann das hier tun:
http://europas-bestes-hotel.eu/
https://www.youcaring.com/refugeeaccommodationandsolidarityspacecityplaza-716186

Laufende Informationen:
https://www.facebook.com/sol2refugeesen/


Heft kaufen