Elke Rauth

Elke Rauth ist Mitglied des Vorstands von dérive - Verein für Stadtforschung.


Gemeinschaft boomt. Nach Jahrzehnten der forcierten Individualisierung, des schneller – besser – höher als Glücksversprechen an die Generation Selbstoptimierung, scheint der Glaube an die Kraft des Einzelnen zu sinken. Denn während sich das allgemeine Hamsterrad mit 180 Sachen Richtung Highspeed-Gesellschaft gedreht hat, haben jene, die bereits höher waren, sich den Kuchen ganz entspannt Stück für Stück einverleibt. Leistungsgesellschaft? Wohl eher Der Papa wird’s scho richten wie Oscar Bronner und Helmut Qualtinger bereits 1958 bemerkt haben. Die mittlerweile auch im Mittelschichts-Alltag angekommene Ungleichverteilung und die rasant ansteigende Vermögenskonzentration auf einige Wenige führen zu existenziell spürbaren Verwerfungen – am Arbeitsmarkt ebenso wie beim Wohnen. Besonders in den Städten ist ein leistbares Dach über dem Kopf zum Glücksfall und Beziehungs-Schnäppchen geworden, seit globale Immobilien-investments die Warenförmigkeit von Wohnraum zur obersten Priorität erkoren haben.
Das wird auch der Autorin Barbara Nothegger klar, als sie sich in Erwartung ihres ersten Kindes auf die Suche nach einem neuen Nest für die Kleinfamilie macht: Absurde Preisvorstellungen bei Miete und auch durch etabliertes Arbeitseinkommen nicht mehr finanzierbares Wohnungseigentum führen die Journalistin schließlich zu einer Baugruppe, dem Wohnprojekt Wien. In Wien, der sozialdemokratisch regierten Hauptstadt des sozialen Wohnbaus, hatten Baugruppen-Projekte lange Zeit einen schweren Stand – wozu sollte selbstbestimmte Schaffung von Wohnraum gefördert werden, wenn doch die Stadt ohnedies für ihre Bürger sorgt? Erst seit ein paar Jahren macht sich auch die Stadt Wien den Pioniergeist von Hausprojekten für die Stadtentwicklung zunutze und vergibt in großen Stadtentwicklungsgebieten Grundstücke für Baugruppen. Diese müssen sich in einem Wettbewerbssystem bewerben und mittels Konzept ihren Mehrwert für den neu entstehenden Stadtteil darlegen, um den Zuschlag zu erhalten. Anders als in Deutschland schaffen Baugruppen in Österreich überwiegend kollektives Eigentum – das Haus gehört meist einem Verein, der an seine Mitglieder vermietet. So entstehen keine individuellen Eigentumsrechte und damit auch keine Verwertungsmöglichkeit für Einzelne.
Auch das im Buch als anschauliches Fallbeispiel verhandelte Wohnprojekt Wien wurde vom Verein für nachhaltiges Leben 2009 im Geist des Kollektivismus gegründet und hat 2010 den Bauträgerwettbewerb für das Stadtentwicklungsgebiet am ehemaligen Nordbahnhof-Gelände gewonnen. Von der Gründungsphase bis zu Fertigstellung im Jahr 2013 liegen vier lange Jahre Arbeit durch die Baugruppe, bestehend aus 65 Erwachsenen und 35 Kindern. Schließlich will nicht nur das Gebäude geplant, gebaut und finanziert, sondern auch die Hausgemeinschaft entwickelt werden. Denn die Frage »Wie wollen wir wohnen?« mutiert in Baugemeinschaften schnell zur viel grundsätzlicheren Überlegung: »Wie wollen (oder sollen) wir leben?« Neben einer ökologischen Bauweise verfolgen viele Wiener Baugruppen die Idee einer solidarischen Nachbarschaft und ressourcenschonender Konzepte des Teilens und Tauschens. Die Palette reicht vom gemeinsam genutzten Car-Pool oder kollektiv verwalteten Lastenrädern, über Gemeinschaftsräume wie Gästezimmer, Bibliothek, Proberaum, Dachterrasse, Sauna, Garten oder Werkstatt bis zu Gemeinschaftsküchen oder Veranstaltungsräumen. Was im Einzeleigentum meist ein nicht finanzierbarer Traum bleiben muss, lässt sich im Kollektiv realisieren: Ein Gästezimmer, das sich 20 Wohnungen teilen, ist einfach ökonomischer, genauso wie eine Werkstatt oder eine Sauna, die gemeinsam eingerichtet und genutzt wird. Luxus für alle durch alle.
Diesen alltäglichen Luxus gibt es allerdings nicht umsonst. Der Traum vom guten Leben abseits anonymer little boxes wird erst durch viele Stunden Arbeit in Selbstorganisation wahr – rund 500 Arbeitsstunden werden die BewohnerInnen in Notheggers Baugruppe bis zum Einzug jeweils investiert haben. Ohne Blood, Sweat and Tears keine lebendige Nachbarschaft, keinen Gemeinschaftsgarten am Dach und keine funktionierende Werkstatt oder Foodcoop im Keller. Auch nach Einzug werden im Wohnprojekt Wien alle Bereiche selbstverwaltet organisiert: Wer im Haus wohnt hat die Verpflichtung 11 Wochenstunden pro Monat für die Hausgemeinschaft zu arbeiten und darüber ein Stundenprotokoll anzulegen. Das ist eine hohe Anforderung, die leicht zur Überforderung führen kann. Und es ist eine Bedingung, die zusätzlich zu den oft hohen finanziellen Einstiegshürden in sich exklusiv wirkt: Nicht jeder verfügt über die zeitlichen Ressourcen, um sich in einem solchen Ausmaß einzubringen. Baugruppen erfordern somit nicht nur enorm hohes Engagement durch die Beteiligten, sondern auch grundsätzliche Lebensumstände, die eine Beteiligung erst einmal möglich machen.
In der lebendigen Beschreibung der vielen Anforderungen rund um Baugruppen-Prozesse liegt auch eine der Stärken von Sieben Stock Dorf. Wohnexperimente für eine bessere Zukunft. Barbara Nothegger kramt in ihren Erinnerungen, spricht mit anderen BewohnerInnen und offenbart in anschaulicher Erzählweise die Achterbahnfahrt zwischen Euphorie, Überlastung, Panik, Freude, Überforderung, Glück und Verunsicherung, die einem Baugruppen-Prozess innewohnt: Der Kaufvertrag, der ohne Bankgarantie unterschrieben werden muss, die plötzliche Pleite der als Generalunternehmer beauftragten Baufirma, Unstimmigkeiten und Glückshormone. Denn neben planerischen und baulichen Herausforderungen, die im Laufe von vier Jahren Bauzeit immer wieder auftauchen, gilt es auch die sozialen Prozesse zu gestalten. Es müssen Diskussions- und Abstimmungsmodi gefunden werden, die alle einbeziehen und die Gruppe trotzdem handlungsfähig halten. Es muss ein Umgang mit Konflikten entwickelt und trotz aller Hektik Raum für Wertschätzung, Lob und das Feiern großer und kleiner Schritte geschaffen werden. Erst wenn ein geteiltes Verantwortungsgefühl für das Projekt in der Baugruppe Platz greift, lassen sich die vielen Hürden nehmen, die in Wohnprojekten (wie in jeder Bauaufgabe) den Normalfall darstellen.
Nothegger verknüpft ihre persönlichen Berg- und Talfahrten im Wohnprojekt-Alltag mit viel Fachwissen aus dem mittlerweile reichen Erfahrungsschatz von mehreren Jahrzehnten des selbstorganisierten Bauens und Wohnens in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Das Buch stellt unterschiedliche Organisations-Konzepte von Genossenschaft bis Syndikat und Methoden wie Soziokratie vor. Es berichtet von den Erfahrungen einzelner herausragender Projekte wie des vielzitierten Kraftwerk 1 in Zürich oder der ebenso legendären Wiener Sargfabrik. Aber auch Probleme in Projekten wie die Finanzierungs-Turbulenzen der Möckernkiez-Genossenschaft in Berlin-Kreuzberg oder die Auseinandersetzungen rund um das Berliner Spreefeld dienen der Autorin als Erfahrungsraum. Wer sich durch die oft witzige und immer nachvollziehbare Mischung aus persönlichem Erlebnisbericht und Status Quo zu Selbstorganisation im Wohnbau liest, bekommt sowohl Lust auf ein eigenes Wohnprojekt als auch realistische Informationen darüber, wie viel Energie, Zeit und vor allem auch Wissen eine Baugruppe aufbringen und aufbauen muss. Für die Autorin Barbara Nothegger hat es sich gelohnt: Sie hat ihren Traum eines anderen Zusammenlebens mit dem Wohnprojekt Wien erfüllt. Für die kommenden Jahre wird die Frage spannend werden, ob und wie eine Öffnung von selbstorganisierten Bau- und Wohnprojekten für breitere Gesellschaftsschichten gelingen kann bzw. wie und ob die positiven Erfahrungen aus diesen Pionierprojekten auf den öffentlichen Wohnbau übertragbar sind. Projekte wie Mehr als Wohnen in Zürich zeigen bereits den Weg, wie ökologische und soziale Nachhaltigkeit, Selbstbestimmung und aktive Nachbarschaft mit einem repräsentativen gesellschaftlichen Querschnitt an BewohnerInnen gelingen kann. Eine lebendige Nachbarschaft ist nicht nur eine fruchtbare Erfahrung für die einzelnen BewohnerInnen, sondern strahlt auch auf das Viertel aus und erhöht dessen Resilienz. Mehr Selbstbestimmung, Solidarität im Alltag und kollektive Gestaltungsmöglichkeiten sind auch Schritte Richtung eines notwendigen gesellschaftlichen Wandels. »Das Gute Leben wagen« nennen das die BewohnerInnen im Wohnprojekt Wien. Möge das Experiment gelingen.


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