Der Kiosk – magischer Realismus im Postsozialismus
Besprechung von »Kioske« von Robert PichlerKioske nennt sich das Buch, zu dessen Inspiration Robert Pichler einem sonnigen Spätherbsttag 2010 in Albanien zu danken hat, als er dem Lärm und der Hektik der Großstadt Tirana ans Meer entfliehen wollte und einen ausgedehnten Spaziergang am Strand unternahm. Dabei fielen ihm zahlreiche, aus Holz gezimmerte Bauten auf, die man schnell, ohne große Planung in den Sand gepflanzt hatte. Von manchen gingen hölzerne Stiegen ins Meer und gelegentlich hatten sie einen Holz- oder Fliesenboden vor dem Bau. Es war klar, dass es sich hier um Improvisation handelte, denn an Schutz vor Witterung war kaum gedacht worden. Man hatte sie einfach verlassen und es war unklar, ob sie je wieder genutzt würden. Erst in Nachhinein, beim Durchschauen der Fotos, wurde dem Autor bewusst, dass es sich bei diesen Objekten um den Ausdruck eines Landes handelte, dessen Gesellschaft zwischen wildem Drang nach Freiheit und tiefer Verunsicherung oszillierte. Neue Chancen auf sozialen Aufstieg und Konsum taten sich nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems plötzlich auf, doch weder Infrastruktur noch Planung war auf die Umsetzung wirtschaftlicher Ziele im Tourismus vorbereitet. Ein wilder Ad-hoc-Kommerzialismus kam auf und führte zu einem wahren surrealistischen Spektakel von Unfertigem, Halbfertigem oder auch schon wieder Verfallenem. Der Kiosk wurde zum Symbol jener Aufbruchstimmung Albaniens, die der Autor über Jahre hinweg beobachtete und anhand der Veränderungen der Kioske zu Protokoll nahm. Der Kiosk steht auch für den unkontrollierten Bauboom, von dem das Land erfasst wurde, vielfach durch eine informelle Bauwirtschaft und von mangelnder Planung begleitet. Von der schnellen Errichtung von Hotels am Strand erhoffte man einen Tourismusboom, allerdings ohne Vorkehrungen zur Lösung der neuen ökologischen Probleme des Massenkonsums zu treffen. So erstellte Pichler ein stimmungsvolles Zeugnis der vergangenen Jahrzehnte anhand zahlreicher Bilder und Beschreibungen, zu denen er auch weitere Autor:innen und Kenner:innen des Landes eingeladen hat.
In den 1990er Jahren, nach der Öffnung Albaniens, breitete sich vor allem in Tirana in erstaunlichem Tempo eine Art von improvisierten Bauwerken aus. Neben dem Kiosk entstanden auch einfache Verkaufsstände, Garagen, provisorische Baracken und zusätzlich jede Menge mobiler Strukturen wie Container, Zelte oder sonstige Objekte temporärer Nutzung. Der Kairos des plötzlichen wirtschaftlichen Aufschwungs musste ergriffen werden und für Planung gab es keine Zeit. Damit wurde das Stadtbild der offiziellen urbanen Architektur durch eine Flut wilder Objekte kontrastiert und bot einen entsprechend chaotischen Anblick. Der politische Umsturz hatte die Auflösung der dafür zuständigen Behörden beschleunigt. Selbst in der zentralen städtischen Parkanlage tauchten oft über Nacht hölzerne Buden und Verkaufsstände (die der Wiener als Standl bezeichnet) auf, um die Waren, die plötzlich aus der Türkei und Italien ins Land gepumpt wurden, schnell an den Mann und die Frau zu bringen. Es schien, als wäre das gesamte Angebot eines gigantischen Supermarkts – Lebensmittel, Kleidung, Geschirr, Werkzeug, Bücher, selbst Baumaterialien – in den Park gespült und dort auf zahllose kleine Buden aufgeteilt worden. Auch auf den Hauptstraßen und Knotenpunkten des Verkehrs wurden diese mobilen Handelsgelegenheiten installiert. Autofahrer:innen konnten in Drive-in-Manier Obst, Gemüse, Zigaretten, oft auch lebende Kleintiere wie Hasen und Hühner erwerben. Diese Straßenverkäufer:innen gehen teilweise bis in die Gegenwart dieser Arbeit nach. Die improvisierte Architektur zeigt den unternehmerischen Geist der neuen Privatwirtschaft und wird zum Symbol einer Anarchie der Ware.
Man könnte auch sagen, dass hier aus der Not eine Tugend gemacht wurde, um während der wirtschaftlichen Turbulenzen der 1990er Jahre zu bestehen. Albanien hatte schon zuvor durch die Abwendung von Jugoslawien und jahrzehntelange Isolation eine merkwürdige Sonderrolle in Europa gespielt, war selbst den umliegenden kommunistischen Staaten wirtschaftlich weitgehend unterlegen und hatte in den letzten Jahren unter kommunistischer Herrschaft nur mehr Kontakt zu China. Umso begieriger war man nun auf den Umstieg von der sozialistischen Planwirtschaft zum modernen Kapitalismus. Die alten wirtschaftlichen Strukturen der Staatsbetriebe wurden zerstört, deren Einrichtungen geplündert oder fielen Vandalismus zum Opfer. Nicht selten waren es – wie üblich – die alten kommunistischen Kader selbst, die hier nun erneut im Gewand der Kapitalisten auftauchten, sich die wenig ertragreichen Unternehmen aneigneten und reich wurden. Der enorme Anstieg der Arbeitslosigkeit trieb viele Albanier:innen in die Migration. Das im Ausland verdiente Geld investierten sie oft in heimische privatwirtschaftliche Initiativen.
Der Kiosk ist ein Archetyp, den jeder kennt. Die Bezeichnung ist in zahlreichen Sprachen ähnlich und gilt im kollektiven Gedächtnis als ein einfaches Objekt (man zögert, den Begriff Gebäude zu verwenden), wo Getränke, Zigaretten, Blumen oder schnell zubereitetes Essen angeboten werden. Der Ursprung dieser Typologie liegt im offenen, freistehenden Pavillon wichtiger Parks und Residenzen der islamischen Kultur, in dem man die Natur erleben, sich aber auch vor Sonne und Regen schützen konnte.
Der Kiosk ist das Zeichen der albanischen Transformationsgesellschaft, er steht für Freiheit und Armut zugleich. Er wurde zum Medium des informellen Bauens und blühte in Stadt und Land auf, bildete Kontraste und Überlagerungen »im Stil eines magischen Realismus«. Die Reaktion auf die explosionsartige Verbreitung des Kiosks ist durch zwei oppositionelle Grundhaltungen geprägt. Entweder der Sicht eines Parasitenbefalls von Stadt und Landschaft oder aber als eine Initiative zur Aneignung des öffentlichen Raums zur Durchsetzung berechtigter wirtschaftlicher Ansprüche, die allerdings wieder privat sind. Den Autor:innen gelingt es jedoch durch eine geradezu existenzialistische Betrachtung von Architektur und Stadt diese Sichtweise zu erweitern und zu einer lesenswerten Essaysammlungüber das Leben im Postsozialismus zu machen.
--
Robert Pichler
Kioske
bahoe books: Wien, 2025
288 Seiten, 29 Euro
Manfred Russo ist Kultursoziologe und Stadtforscher in Wien sowie Redakteur von dérive – Verein für Stadtforschung; seit 1990 Dozententätigkeit an der Universität Wien (Soziologie) und anderen, u.a. Prof. an Bauhaus Uni Weimar.