Der Sündenfall der Architektur
Besprechung von »Architektur im Anthropozän. Eine spekulative Archäologie« von Friedrich von BorriesWenn das Wort Anthropozän im Titel vorkommt, ist man in jüngerer Zeit meist vorgewarnt, etwas darüber zu erfahren oder zu lesen, was denn der Anthropos so alles an Umweltverbrechen angestellt hat. Und Friedrich von Borries enttäuscht mit seiner Architektur im Anthropozän in dieser Hinsicht keineswegs. Im Allgemeinen wurde die Architekturgeschichte der Moderne bisher eher als eine Heldengeschichte erzählt, doch nun kommt Borries und verwandelt sie in eine Verfalls- oder genauer in eine »Geschichte der Zerstörung«. Unsere gesamte Kultur muss als technofossil betrachtet werden, vom Hochhaus bis zum Rechenzentrum, aber auch Siedlungen und Einfamilienhäuser und fast alles, was zum Bestand zählt, sind Ergebnis des ›Kapitalozäns‹, in dem sich die materiellen Spuren unserer Wirtschaftsordnung niederschlagen.
Von Borries wählt die literarische Form einer Rolle als spekulativer Archäologe, der sich ansieht, was denn der Mensch unseres Zeitalters hinterlassen hat. Eine Kunstfigur namens Aia (ob das eine Anspielung oder ein unvollständiges Anagramm auf Gaia ist, die bei Bruno Latour oder Michel Serres in Erscheinung tritt, ist unklar) begleitet ihn dabei freilich. Im Stil erinnert der Text streckenweise an endzeitliche Pamphlete des Mittelalters, als man das Eschaton befürchtete und in religiösen Kategorien wie Schuld und Sünde dachte. Allerdings geht es hier nicht um die Angst vor der Allmacht Gottes, sondern vor der eigenen Technik und es wird eine Stimmung zwischen Verzweiflung und Untergang hergerufen. Der Blick auf das Anthropozän gleicht dem auf die Apokalypse. Die Technikabhängigkeit schlägt in Furcht um und ersetzt Analyse durch Selbstanklage.
Von Borries spricht bei der Architektur der Moderne vom Labyrinth der Verantwortungslosigkeit und von Architekt:innen, die sich primär durch Vermessenheit und Egozentrik auszeichneten. Einerseits ging es um die Schaffung des neuen Menschen durch Bauen im Sinne einer säkularen Religion der Moderne, weil sich die Motive der Avantgarde weniger auf pragmatische Sozialpolitik, sondern auf eine Gesellschaftsutopie mit Erlösungsauftrag bezogen. Dabei gelingen ihm durchaus erfrischende Wortschöpfungen für die Moderne nach dem Zweiten Weltkrieg als einer Kombination aus »depressivem Realismus versus hallozinogenem Futurismus«, der in der Postmoderne durch neoliberalen Marktkonformismus abgelöst wurde. Le Corbusier, Mies van der Rohe und Walter Gropius waren pragmatische, sich der Macht andienende Opportunisten, später wurde die Architektur von Robert Venturi und Denise Scott Brown in die Popkultur eingeführt und damit neoliberal und marktkonform. Philipp Johnson, mit Henry Russell Hitchcock ein Wegbereiter der modernen Architektur, der den Begriff des ›International Style‹ erfand, ist der Inbegriff dafür, wenn er als Achtzigjähriger stolz »I am a whore« deklamiert.
Die Architektur der Moderne, vor allem nach dem ZweitenWeltkrieg, ist durch industrielles Bauen charakterisiert und versprach sich davon die Lösung der sozialen Wohnfrage, begründete damit aber das falsche Versprechen der Betonarchitektur. Wer vom Bauhaus Dessau spricht, vergisst zumeist, dass dort auch die Maschinenfabrik Polysius, die den ersten Zementdrehofen zur Anlage von Zementwerken in aller Welt baute, ihren Standort hatte. Das moderne Wohnen selbst ist durch eine Ideologie des standardisierten Grundrisses und des dauernden Anstiegs der individuellen Wohnfläche geprägt. Das Scheitern der Wohnmaschine bedeutete den Abschied vom Funktionalismus und die Flucht in den Bungalow, den Traum vom schöner Wohnen. Utopische Perspektiven waren selten erfolgreich, sie inspirierten, doch wurden sie nie gebaut (Alison und Peter Smithson, Yona Friedman, Constant und andere). Ricardo Bofills Raumstadt aus clusterartigen Ministrukturen sollte im kollektiven Selbstbau errichtet werden, doch auch dieses Projekt verlief im Sand.
Borries geht über den unmittelbaren Bereich der Architektur weit hinaus, spricht von den Bereichen des Handels als einer kosmischen Infrastruktur, den Häfen und Schiffen, Eisenbahnen und Flughäfen, Straßen, Warenlagern und Logistikzentren, mittlerweile wird die Shopping Mall vom Online-Handel abgelöst. Der Müll ist die Schattenseite unserer Kultur, manche Müllberge werden sogar wieder zu Landschaften mit toxischem Kern oder zu Skihügeln verwandelt, wie in Kopenhagen.
Die Industrialisierung der Landwirtschaft erfolgt durch Massentierhaltung und Kunstdünger. In China wird derzeit eine Pig City, die 2001 von der niederländischen Gruppe MVRDV (Winy Maas, Jacobs van Rijs, Nathalie de Vries) erfunden wurde, als Hochhaus mit 21 Stockwerken gebaut, das jährlich 1,2 Millionen Schweine zur Schlachtreife bringen soll. In der Tat eine monströse Vorrichtung zur Befriedigung des menschlichen Appetits.
Von Borries zitiert auch Projekte, die mit einer Utopie beginnen und mit einer Dystopie enden. Buckminster Fuller wird in solchen Zusammenhängen gerne erwähnt, etwa mit seinem gemeinsamen Projekt mit Shoji Sadao eines Thermoheliodon, das mit einer Kuppel von drei Kilometern Durchmesser Manhattan 1959 überdecken sollte. Jay Swayze hingegen präsentierte auf der Weltausstellung in New York 1964 einen unterirdischen Bunker, das Underground Home, der hinter den Fenstern Fototapeten installierte, um ein Erlebnis vom Grand Canyon bis zur Golden Gate Bridge in San Francisco zu simulieren. Der Bunker befindet sich noch heute unter der Erde.
Er stellt auch einige Überlegungen zur Vermeidung von negativen ökologischen Folgen des Bauens an. In Deutschland beträgt die individuelle Wohnfläche 47,7 m2, wenn man sie ohne Neubau auf 30 m2 senken könnte, wäre Wohnraum für alle da. Vielleicht, so meint er, könne man sich wieder an den sowjetischen Kommunalkas als Vorbild für gemeinschaftliches Wohnen orientieren. Damals wurden die großzügigen Wohnungen der Aristokratie und des Bürgertums zimmerweise an Familien übergeben, die auch Bad und Küche gemeinsam nutzten. Wahlen dürfte man mit diesem Programm nicht gewinnen, aber zumindest den Pritzker Preis 2021, der an die Architekt:innen Lacaton und Vassal für das Konzept einer Gestaltung der Place Léon Aucoc in Bordeaux ging, das in der Empfehlung gipfelte, dort einfach nicht zu bauen, weil der Platz ohnehin funktioniert.
Ist ein urbanistischer Neustart überhaupt möglich? Die Smart City ist nichts anderes als ein unsichtbarer Layer, der über die bestehende Stadt gelegt wird und darüber hinaus ein Totalitarismus der Überwachung. Es gibt neue urbane Gesellschaftsmodelle in der Wüste wie Arcosanti, das wie ein Indianer-Kultort in Arizona gegründet wurde und jährlich eine Million Dollar im Souvenirladen einspielt. Telosa lautet der Name eines Stadtgründungsprojekts in den USA, das ein Superlativ an Nachhaltigkeit werden soll. Das saudi-arabische Projekt The Line, 200 m breit, 500 m hoch, 170 km lang, soll angeblich ein Garten Eden werden, ist aber ein Produkt der Spektakelarchitektur älterer europäischer Architekturstars, und allenfalls die Weiterentwicklung des Computerspiels Minecraft. Tröstlich nur, dass es mittlerweile schon vor der Errichtung einem Schrumpfprozess ausgesetzt ist.
Im Kapitel Eskapismus darf das Lager nicht fehlen, wobei der Container eher als die unterlassene Form der Hilfeleistung zu sehen ist. Postapokalyptische Lebensträume sollen in der schwimmenden Stadt realisiert werden. Hier sind Japaner führend und lösen die europäische Avantgarde ab. Kenzo Tange und die Metabolisten dachten über die Marine City als eine Superstruktur in der Bucht von Tokio nach. Kiyonori Kikutake erfindet 1968 die Ocean City und auch Buckminster Fuller ist mit seinem Partner Shoji Sadao wieder vor Ort, diesmal mit dem Entwurf der Tetrahedon City, einer schwimmenden, vierseitigen, transluziden Pyramide mit einer Kantenlänge von 3,2 km. Aktuelle Player auf dem Feld der schwimmenden Städte sind nun das Seasteading Institute (u. a. mit Peter Thiel) und Blue Frontiers. Hier vereinigen sich Freiheitsfantasien und kapitalistischer Technikglaube durch die Ablehnung jeder staatlichen Kontrolle. Mittlerweile ist das Projekt Oceanix gediehen, das sogar namhafte politische Akteure wie das UN-Habitat gewonnen hat. Auch die Flucht in den Weltraum wird als kosmischer Kolonialismus äußerst skeptisch betrachtet, weil seine Besiedlung wohl nur für Reiche möglich sein wird. Urheber dieser Ideen war ursprünglich die Sowjetunion, die sich im Weltraum in einer Art Metaphysik des Kommunismus verewigen wollte, wenngleich die USA mittlerweile in der Realisierung führend sind. Aber es gibt auch Hoffnung auf eine planetare Architektur, die allerdings ein »Anderswerden« voraussetzt. Ein »Verlernen« der bisherigen Aktivitäten von Selbstvermarktung, Wettbewerb und Technikglauben soll ein Vermögen zur »Unfertigkeit« erzeugen.
Das Kollektiv Forensic Architecture um den Architekten Eyal Weizman und den Archäologen David Wengrow präsentierte 2023 auf der Architekturbiennale das Forschungsprojekt The Nebelivka Hypothesis, das die Geschichte der Stadt neu begründen könnte, weil man bei den Ausgrabungen dieser 6.000 Jahre alten Siedlung in der Ukraine weder Tempel noch Paläste oder Regierungsgebäude gefunden hatte, was als die Abwesenheit einer herrschenden Klasse gedeutet wurde. Eine anscheinend egalitäre Gesellschaft und eine Stadt, die keine Außenabwehr, sondern ein leeres Zentrum aufwies. Dies sollte als das zentrale Imaginäre dienen, als ein heiliger von den Menschen unbewohnter Raum. Möglicherweise wäre solch ein Imaginäres auch ein Modell für die Zukunft, weil es der Nutzung durch den Menschen entzogen wäre. Allerdings müsste es frei von spirituellen Einflüssen sein, was aber global nicht konsensfähig und daher nicht vorstellbar wäre. In diesem Falle gähnt in der heutigen Gesellschaft nur ein schwarzes Loch, zur Definition unfähig. Hier endet Borries mit einer negativen Theologie.
Das Buch ist wohl in der Hitzeperiode des klimakritischen Diskurses verfasst worden und ein Manifest der Bedrohtheit durch die gegenwärtige Architektur. Insofern stellt es eine erfrischende Abwechslung zur üblichen Architekturliteratur dar. Man darf es daher mit einer Triggerwarnung empfehlen.
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Friedrich von Borries
Architektur im Anthropozän. Eine spekulative Archäologie
Berlin: Suhrkamp, 2024
32 Euro, 464 Seiten
Manfred Russo ist Kultursoziologe und Stadtforscher in Wien sowie Redakteur von dérive – Verein für Stadtforschung; seit 1990 Dozententätigkeit an der Universität Wien (Soziologie) und anderen, u.a. Prof. an Bauhaus Uni Weimar.