Foto — Deutsche Wohnen & Co Enteignen; Julia Tulke, CC BY-NC-SA 2.0
Der Ursprung des Privateigentums
Soziale Enteignung und MonetarisierungKeine Enteignung ist auch keine Lösung lautete der Titel eines inzwischen vergriffenen Buchs von Sabine Nuss. Sie sah die Debatte, die die Initiative Deutsche Wohnen & Co. enteignen ausgelöst hat, als »Chance, Vergesellschaftung jenseits ausgetretener Pfade neu zu bestimmen«. 2024 hat sie eine erweiterte Neuauflage des Buchs unter dem Titel Wessen Freiheit, welche Gleichheit? Das Versprechen einer anderen Vergesellschaftung veröffentlicht, aus dem wir das dritte Kapitel hier abdrucken. Eines ihrer Anliegen ist es, den »zentralen Unterschied zwischen produktivem Eigentum und konsumtivem Eigentum« darzulegen. Wenn sie von Privateigentum spricht, meint sie also weder mein Fahrrad noch dein Radio, diese bezeichnet sie als »persönliches Eigentum«, sondern die »Verfügungsgewalt über die Mittel, mit denen eine Gesellschaft sich erhält und reproduziert (Produktionsmittel, Rohstoffe, Grund und Boden etc.)«.
Es gibt verschiedene Auffassungen darüber, wie alt die kapitalistische Produktionsweise ist, die Schätzungen variieren zwischen 300 und 5.000 Jahren.[1] Das ist ein Klacks, gemessen an der Geschichte der Menschheit, die – je nachdem, was als ›Mensch‹ definiert wird – auf 100.000 bis zwei Millionen Jahre geschätzt wird. Es gibt in der Literatur auch keine Einigkeit darüber, wann, wie, weshalb und wo der Kapitalismus sich historisch durchgesetzt hat bzw. was die entscheidenden Triebkräfte waren. Der griechische Ökonom Jannis Milios hat allein innerhalb der marxistischen theoretischen Debatte vier verschiedene Ansätze unterschieden. Demnach sehen manche die Entwicklung von Technologien, Bildungsstand und Spezialisierung als treibende Kraft, andere einen spezifischen Expansionsdrang, durch den der Kapitalismus erst als globale gesellschaftliche Struktur seine endgültige Form gefunden hat. Wieder andere legen das Gewicht auf die Umwälzung der Eigentumsverhältnisse oder auf eine spezifische Herausbildung staatlicher Macht (Milios 2021, S. 74).
Vertreibung und Einhegung
Einer der wesentlichen Unterschiede der kapitalistischen Produktionsweise zu vorhergehenden sozialen Formationen ist allerdings weitgehend unumstritten: Arbeitskraft und Boden sind Ware geworden. Die Historikerin Ellen Meiksins Wood datierte die Anfänge dieses langwierigen Prozesses auf das ausgehende 16. Jahrhundert und verortete die Entwicklung vor allem in England. Dabei gehörte England verglichen mit den zu jener Zeit reich gewordenen Handelsstädten (zum Beispiel Florenz) nicht unbedingt zu den ökonomisch fortgeschrittensten Ländern. Wood zufolge hat eine historisch einzigartige politische Konstellation die umfassende Vertreibung der Landbevölkerung ermöglicht (2015, S.124), die als ›enclosures‹ (Einhegung) bekannt geworden ist. Menschen wurden von ihren landwirtschaftlich genutzten Flächen vertrieben, unter anderem indem diese eingezäunt (eingehegt) wurden und den Bewohner- und Nutzer:innen der Zugang zu ihnen verwehrt wurde. Die Vertreibung erfolgte durch die feudalen Grundherren, die die Ackerfläche profitabel nutzen wollten: »Einhegungen blieben eine Hauptursache von Konflikten im frühneuzeitlichen England, sei es wegen der Schafzucht oder des zunehmend profitablen Ackerbaus. Aufstände wegen der Einhegungen durchzogen das 16. und 17. Jahrhundert« (ebd., S. 128). So wurden jahrhundertealte Gewohnheits- und Nutzungsrechte an Grund und Boden, die ihren Landbewohner:innen Nahrung und Rohstoffe zum Überleben gesichert hatten, beseitigt und damit die Klasse der Eigentumslosen geschaffen. Marx hat sich ausführlich mit diesem historischen Prozess der Enteignung beschäftigt. Er beschreibt, wie die so um ihre Lebensgrundlagen gebrachten Menschen schließlich gezwungen waren, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, weil ihnen das bis dahin für die meisten wichtigste Produktionsmittel geraubt worden war: »So [...] schuf der große Feudalherr ein ungleich größeres Proletariat durch gewaltsame Verjagung der Bauernschaft von dem Grund und Boden, worauf sie denselben feudalen Rechtstitel besaß wie er selbst, und durch Usurpation ihres Gemeindelandes.« (Marx 1956, S. 746)
Der Wandel von einer subsistenzorientierten hin zu einer agrarkapitalistischen Landwirtschaft zog sich über mehrere Jahrhunderte hin und war sozial ausdifferenzierter, als es die Gegenüberstellung von Feudalherr und Leibeigener oder Bauer nahelegt. So gab es Bauern, die von den Einhegungen profitierten, sie auch selbst durchführten, und Bauern, die dadurch verarmten. Der kanadische Politikwissenschaftler David McNally, der untersuchte, wie Geld historisch in engem Zusammenhang mit Sklavenhandel, Krieg und Kapitalismus entstand, schreibt, dass bis Mitte des 16. Jahrhunderts vermutlich 45 Prozent der englischen Ländereien eingehegt wurden. Die Hauptnutznießer seien dabei freie Großbauern gewesen, gewerbliche Landwirte, die »in Einhegungen, Viehbestand, das Mergeln[2] und andere ›Verbesserungen‹ investierten, spezialisierte landwirtschaftliche Waren für den Markt produzierten, dafür häufig Lohnarbeiter anstellten und die Rechte und das Eigentum ihrer ärmeren Nachbarn beschnitten« (McNally 2023, S. 138). Zwischen 1560 und 1625 habe sich die Zahl der vagabundierenden Bevölkerung in England verzwölffacht, was das Ausmaß der ablaufenden Vertreibungsprozesse erahnen lässt (ebd.). Im 18. Jahrhundert folgten schließlich durch die Parlamente ›legale‹ Einhegungen, inklusive der Abschaffung »störender Besitzrechte, die der Akkumulationsmacht irgendeines Grundherrn im Wege standen« (Wood 2015, S. 128).
Die ›sogenannte‹ ursprüngliche Akkumulation
Marx nannte diesen Teil der Vorgeschichte des globalen Kapitalismus »die sogenannte ursprüngliche Akkumulation« (Marx 1956, S. 741 ff). Als »ursprüngliche Akkumulation« bezeichnete er den Prozess, durch den sich zum einen Reichtümer in wenigen Händen konzentrierten, die dann als Kapital für die weitere Produktion vorgeschossen werden konnten, und durch den die Menschen zum anderen von ihren Produktionsbedingungen getrennt wurden, sodass ihnen nichts anderes übrig blieb, als ihre Arbeitskraft an die Besitzer des Reichtums zu verkaufen, um durch ihre Arbeit diesen Reichtum noch weiter zu vermehren. Während es nach Ansicht liberaler Ökonomen in den Anfängen des Kapitalismus die Arbeit der Kaufleute und Feudalherren gewesen war, die durch den »Fleiß, die Sparsamkeit und die Intelligenz einer bestimmten Elite« den Reichtum geschaffen habe (ebd., S. 741), kann Marx im Kapital zeigen, dass in der »wirklichen Geschichte« die ursprüngliche Akkumulation im Wesentlichen auf »Eroberung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt« (ebd., S. 742) beruhte.[3] Die Vertreibung der Menschen aus ihren tradierten Produktionsverhältnissen war der Ursprung des modernen Privateigentums und schuf die Voraussetzungen für die Entwicklung eines kapitalistischen Marktes, wie wir ihn heute kennen, bei dem auch Arbeitskraft und Boden zur Ware wurden. Dies ging mit einem weiteren Prozess einher, der häufig bei der Befassung mit der historischen Entstehung von Privateigentum unterbelichtet bleibt. McNally bezeichnet diese Entwicklung als ›Monetarisierung‹. Indem die Menschen von ihrer Subsistenz, der unmittelbaren Versorgung mit den Früchten der Arbeit auf den Feldern und der Haltung von Vieh getrennt wurden, waren sie gezwungen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um einen Lohn zu erhalten. Den Lohn bekamen sie in Form von Geld. Nur damit konnten sie sich von nun an auf einem Markt mit dem versorgen, was ihnen zuvor die überkommenen Nutzungsrechte an Land geliefert hatten. Die Entwicklung von einer subsistenzorientierten zu einer agrarkapitalistischen Landwirtschaft vervielfachte oder verallgemeinerte daher auch die sozialen Beziehungen bzw. Interaktionen, in denen Waren gegen Geld getauscht wurden.
Dass Güter mit Gewinnabsicht gekauft und verkauft werden, das war nicht neu. Von Kapitalismus in einem modernen Sinn oder als ökonomisches System können wir daher nur dann sprechen, wenn nicht nur der Handel gewinnorientiert ist, sondern auch der überwiegende Teil der Produktion und damit alle von dieser Form der Produktion abhängig werden. Oder in den Worten des Philosophen Søren Mau: »In vorkapitalistischen Gesellschaften spielten die von der Logik des Kapitals beherrschten Prozesse für die gesellschaftliche Reproduktion kaum eine Rolle. Ab dem 16. Jahrhundert vollzog sich ein grundlegender Umbruch: Die Logik des Kapitals begann, sich in das Gefüge des gesellschaftlichen Lebens einzuflechten, und erreichte schließlich den Punkt, an dem die Menschen für ihr Überleben von ihr abhängig geworden waren.« (2022, S. 48)
Die Vermarktlichung und Monetarisierung der sozialen Beziehungen beförderte den Aufstieg »einer von einem abstrakten Raum bestimmten sozialen Welt«, so McNally (2023, S. 147). Land sei in erheblichem Ausmaß kommodifiziert worden, sein ›Wert‹ nicht mehr durch gemeinschaftliche Erinnerungen und ein Zugehörigkeitsgefühl definiert gewesen, vielmehr wurde er jetzt durch Pachtzinsen und Preise ermittelt. McNally verweist zur Illustration auf ältere bäuerliche Praktiken, in denen man den sozialen Raum durch jährliche Umzüge bestimmte. Die Mitglieder einer Gemeinschaft schritten die Grenzen der Gemeinde ab und erinnerten dabei mündlich an Grenzen, an gemeinsame Rechte und Praktiken (ebd.). Das eingehegte Land hingegen wurde abgegrenzt, vermessen und monetarisiert. Die Kartierung, vor 1500 in England auf dem Land praktisch unbekannt, spiegelt nach McNally eine Restrukturierung des Landes in abstrakte Raumeinheiten wider. Das eingehegte und kommodifizierte Land war durch das geometrische Wissen von abstrakten Formen und Räumen bestimmt: »Durch die Reduktion von allem auf ›Zahl, Gewicht und Maß‹ ahmten die baconschen Reformer des 17. Jahrhunderts die quantifizierende Rationalität des Marktes nach, auf dem alles in der monetären Logik abstrakter Zahlen gemessen wird.« Nun stand »kommodifiziertes Land [...] dem Meistbietenden offen und sollte zur Erwirtschaftung des größtmöglichen monetären Überschusses genutzt werden.«[4] Hier wird der spezifische Charakter des modernen Eigentums, wie er sich als historisches Novum herausbildete, deutlich: Eigentum bedeutet nicht einfach nur private Verfügungsgewalt über Produktionsmittel. ›Privat‹ darüber zu verfügen schließt die Absicht ein, das eingesetzte Kapital für die Produktionsmittel sowie für Arbeitskraft und Rohstoffe zu vermehren (worauf später noch einzugehen sein wird).
Geld als dominierende Vermittlungsinstanz
Mit dem Aufstieg des Kapitalismus wurde Geld zur dominierenden Vermittlungsinstanz ökonomischer Transaktionen. Damit einher ging die Kolonialisierung des Lebens durch die abstrakten Mengengrößen von Waren und Preisen: »In
fundamentalster Hinsicht ist die Monetarisierung also ein Sieg des Abstrakten über das Konkrete.« (ebd.) Dem Geld ebenso wie dem Eigentum war in vorkapitalistischen Epochen der hohe Grad an Abstraktion völlig fremd, den beide in ihren modernen Formen haben. Der Mediävist Ludolf Kuchenbuch hat deswegen auch in seiner Untersuchung des Denars[5] zwischen den Jahren 700 und 1000 unserer Zeit auf die Benutzung zweier moderner Begriffe verzichtet: auf das Substantiv »Geld« und auf das Verb »bezahlen« (Kuchenbuch 2016, S. 13). Kuchenbuch spricht dagegen von »Münz-Wirtschaft« und will damit verhindern, die moderne Bedeutung von Geld, ihren hohen Abstraktionsgrad, zurückzuprojizieren.
Auch der Philologe Eske Bockelmann weist in seiner Geschichte des Geldes darauf hin, dass es im mittelalterlichen Europa zwar Münzen gegeben habe, doch »weder in diesen Münzen noch in irgendwelchen anderen Dingen, mit denen man bei einem Kauf bezahlen konnte, hat man Geld gesehen« (Bockelmann 2020, S. 18). Es habe im Mittelalter kein einziges Wort gegeben für das, was wir heute so selbstverständlich Geld nennen. Es geht Bockelmann aber nicht nur einfach um das Fehlen eines Wortes, sondern das »europäische Mittelalter [...] hat keinen Begriff, es hat keine Vorstellung davon [...] das heißt: Sie kannten kein Geld« (ebd., S. 19). Bockelmann macht den Unterschied zwischen dem mittelalterlichen Feudalismus und dem kapitalistischen Wirtschaften der Moderne daran fest, dass ehedem Kauf und Verkauf zwar bekannt waren, aber nur als Nebensache, während im Kapitalismus »das Leben eines jeden zwingend von Kauf und Verkauf abhängig gemacht ist« (ebd., S. 157).
Der Politikwissenschaftler Ingo Stützle hat darauf verwiesen, dass nicht nur bei der Durchsetzung von Privateigentum Gewalt eine wesentliche Rolle spielte, sondern auch bei der Herausbildung des modernen Geldsystems: »So wie Eigentum und Geld in der bürgerlichen Gesellschaft als selbstverständliche und überhistorische Phänomene gelten, so ist ihre Genealogie nicht ohne besondere Berücksichtigung der Rolle der unmittelbaren Zwangsgewalt zu haben.« (Stützle 2020, S. 221) Die sich formierende Arbeiterklasse musste nicht nur gezwungen werden, sich der erforderlichen Fabrikdisziplin oder anderer moderner Formen von Lohnarbeit sowie den dazugehörigen Lebensweisen, Moral- und Leistungsvorstellungen unterzuordnen; sie mussten auch dazu gezwungen werden, Geld auf eine fest vorgeschriebene Weise zu benutzen, überhaupt Geld zu benutzen, als Voraussetzung für das sich formierende historisch neue Herrschaftsverhältnis der bürgerlichen Marktgesellschaft. Das bedeutete unter anderem, dass das Gewaltmonopol des Staates über die jeweilige nationale Währung erst einmal gebildet werden und von da an gewährleistet bleiben musste.[6]

Liberalismus und die Legitimation von Gewalt
Das auf Gewalt und Vertreibung basierende Privateigentum bedurfte einer Legitimation. Ideengeschichtlich spielte noch bis in das 17. Jahrhundert hinein das Naturrecht eine wichtige Rolle, wonach Gott die Erde den Menschen gemeinsam gegeben habe. Eine individuelle Aneignung war nicht vorgesehen und konnte nur jenseits des Naturrechts erfolgen, sie galt als nicht ›natürlich‹. Erst der englische Philosoph John Locke hat, nicht zufällig in der Zeit der Enclosures, die individuelle Aneignung im Naturrecht verankert und sie zugleich auf eine Weise gerechtfertigt, die das Naturrecht überstieg und bis heute Gültigkeit hat.[7] Diese Legitimation wurde zur »weltlichen Bibel« des Bürgertums (Rifkin 2000, S. 107).
Das erste ›Naturgesetz‹, mit dem Locke in seiner Zeit konfrontiert war, lautete: Die Schöpfung und damit auch der Mensch muss erhalten werden. Locke argumentierte: Um sich zu erhalten, muss sich der Mensch in irgendeiner Form Nahrung verschaffen. Diese Tätigkeit, das Pflücken einer Frucht beispielsweise, betrachtete Locke als individuelle Aneignung, und diese Aneignung – dies ist der springende Punkt – begründete zugleich das Recht auf Eigentum. Da der Mensch im Naturrecht Eigentümer seines Körpers ist, wird durch die Vermischung seines Körpers mit der Natur, qua Arbeit, die Natur zu seinem Eigentum: »Was immer er also dem Zustand entrückt, den die Natur vorgesehen und in dem sie es belassen hat, hat er mit seiner Arbeit gemischt und ihm etwas Eigenes hinzugefügt. Er hat es somit zu seinem Eigentum gemacht.« (Locke 1998, S. 216)
Mit dieser Konstruktion eines rein physischen Vorgangs – die Vermischung von Arbeit und Natur – hat Locke die Arbeitstheorie des Eigentums begründet. Danach ist es die eigene Arbeit, die das Privateigentum rechtfertigt. Zugleich behauptete Locke eine gegenüber dem Gemeineigentum größere Produktivität: Wenn Arbeit das Recht gibt, das Ergebnis der Arbeit als Eigentum zu behalten, besteht auch ein größerer Anreiz, überhaupt zu arbeiten. Die berühmte Formel des Privateigentums lautet bis heute: Arbeit = Eigentum = Anreiz = Effizienz = Wachstum. Die Engführung von Eigentum und Arbeit führte Locke sogar so weit, Gemeineigentum mit unbearbeitetem Boden gleichzusetzen.
Diese Legitimation von exklusivem, individuellem Eigentum, die Locke durch seine Konstruktion der Vermischung von Arbeit und Natur noch im Naturrecht verankern konnte, in der eigentlich die Erde den Menschen gemeinsam gehörte, war ein radikaler Bruch in der Geschichte der Eigentumstheorien und hatte ungeheure Folgen. Dass Arbeit das Recht auf Eigentum begründet, wird bis heute als selbstverständlich, ja natürlich empfunden, als eine übergesetzliche Gewissheit.[8] Locke hat die individuelle Aneignung nicht nur naturrechtlich gerechtfertigt, sondern er hat zugleich die Grundüberzeugung der liberalen ökonomischen Theorie ausgesprochen, dass Privateigentum zu Wachstum und damit zu allgemeinem Wohlstand führe. Er gilt deshalb als »Vater des Liberalismus«.
Aber nicht nur das, Locke hat auch soziale Ungleichheit als natürlich legitimiert. Er war ganz Kind seiner Zeit, wenn er schrieb: »Das Gras, das mein Pferd gefressen, der Torf, den mein Knecht gestochen, und das Erz, das ich an irgendeiner Stelle gegraben, wo ich ein Recht darauf in Gemeinschaft mit anderen habe, wird auf diese Weise mein Eigentum ohne die Anweisung oder die Zustimmung irgend jemandes.« (Locke 1998, S. 217) Er verstand unter ›meiner‹ Arbeit automatisch auch die ›seiner‹ Knechte. Der Rechtfertigung privater Aneignung ist das Herrschaftsverhältnis des Herrn über Natur und Knecht als natürlich vorausgesetzt. Mit der Behauptung, Geld sei schon im Naturzustand durch stillschweigende Übereinkunft der Menschen ein Wert beigemessen und es als Zahlungsmittel eingeführt worden, erscheint auch die Anhäufung von Reichtum als natürlich. Der israelische Historiker Ishay Landa konstatiert, Eigentum und kapitalistische Produktion seien bei Locke keine Vereinbarungen gewesen, die man politisch modifizieren konnte, vielmehr waren sie dem Naturrecht eingeschrieben, sie gingen dem Politischen voraus (Landa 2021, S. 31).
Mit dem Verlust von Grund und Boden als Grundlage von Nahrung und Behausung war der Klasse der Beherrschten im Feudalismus die Lebensgrundlage entzogen. Es handelte sich daher um eine Enteignung in einem historischen, nicht um eine Enteignung in einem juristischen Sinne, wie sie heute diskutiert wird; das bürgerliche Recht war ja noch nicht durchgesetzt, es galten ganz andere Eigentumsverhältnisse, genauer: Es existierten andere soziale Beziehungen der Aneignung, die im Zuge der Einhegungen zerstört wurden und die mit der heutigen Kategorie des Eigentums wenig zu tun haben. Obwohl das moderne Eigentum, das Privateigentum, erst auf Grundlage der Zerstörung der ehemaligen feudalen Aneignungsverhältnisse entstehen konnte, ist die Geschichtlichkeit dieses Entstehungsprozesses wie ausgelöscht. Das Privateigentum präsentiert sich als ein quasi-natürliches Verhältnis, das anscheinend immer schon vorhanden war.
Die Zerstörung der vorkapitalistischen gesellschaftlichen Zusammenhänge war in diesem Sinne eine ungeheure ›soziale Enteignung‹. Ihr Ergebnis ist seither Grundlage der modernen kapitalistischen Produktionsweise. Während im Feudalismus noch für jeden ersichtlich war, dass der untergeordnete Landarbeiter nur einen Teil seiner Arbeitsfrüchte für sich nutzen konnte und einen anderen Teil dem Grundherrn abtreten musste, so sieht es im Kapitalismus so aus, als würden alle gleichermaßen die Früchte ihrer Arbeit ernten. Das ist, wie man gesehen hat, eine der zentralen Annahmen der Verfechter des Privateigentums. Von Marx wurde diese Auffassung einer grundlegenden Kritik unterzogen.
Milios zufolge geht manch Vertreter der Weltsystemtheorie davon aus, dass sich die entscheidenden Kennzeichen der globalen kapitalistischen Produktionsweise mindestens 5.000 Jahre zurückverfolgen lassen; vgl. Milios 2021, S. 93. ↩︎
Mit Ton und Sand (Mergel) düngen. ↩︎
Daher nennt Marx diesen historischen Prozess in ironischer Absicht die ›sogenannte‹ ursprüngliche Akkumulation: »In der sanften politischen Ökonomie herrschte von jeher die Idylle.« (Ebd.) ↩︎
McNally verweist auf William Petty, einen Pionier der politischen Ökonomie. Dessen berühmte Katastervermessung habe Irland seinerzeit »der quantifizierenden Logik des Geldes [unterworfen] — und all dies unterstützt von Waffen und Terror«. Die Welt sei tatsächlich neu betrachtet worden: durch die Brille des Profits und der Enteignung; vgl. ebd., S. 148. ↩︎
Denar bezeichnet eine Münze, die in der Antike und im Mittelalter bis zur frühen Neuzeit gebräuchlich war. ↩︎
Der englische Philosoph John Locke, von dem gleich die Rede sein wird, sorgte dafür, dass sein Freund, der Physiker Isaac Newton, zum Aufseher der Londoner Münzanstalt wurde. McNally zufolge nahm Newton die Aufgabe begeistert an, Münzfälscher und -verschlechterer aufzuspüren und zu verfolgen: »Ausgerüstet mit der Todesstrafe, die auf Münzmanipulationen ausgesetzt war, startete der große Physiker eine obsessive Kampagne gegen Geldschneider und -fälscher. Er organisierte ein Spionagenetz und reiste persönlich und oft verkleidet in Gasthäuser, Schenken und Gefängnisse, um Fälscher ausfindig zu machen.« (McNally 2023, S. 183) Zur Rolle des unmittelbaren Zwangs bei der Durchsetzung moderner Geldverhältnisse, vgl. ausführlich Stützle 2020, S. 230 ff. ↩︎
In der Literatur gibt es keine Einigkeit darüber, ob Lockes ›Naturzustand‹ jemals existierte oder eine argumentative Fiktion ist. Seine Bedeutung liegt dessen ungeachtet in seiner Legitimationsfunktion: Das als ›natürlich‹ erkannte Verhalten ist naturrechtlich begründet (die ›Natur des Menschen‹ ist vorgegeben) und daher unabänderlich. Daraus abgeleitete staatliche Strukturen sind in der Konsequenz unanfechtbar. Das Naturrecht kann vom bürgerlichen Recht nicht aufgehoben werden, es kann ihm nur entsprechen. Dies gilt dann natürlich auch für das Eigentumsrecht: Ist es — wie auch immer — naturrechtlich begründet, bleibt es ehernes, überpositives und unumstößliches Gesetz. ↩︎
Auch die heutige Eigentumsgarantie des Art. 14 GGU (Anm.: deutsches Grundgesetz) hat eine ›übergesetzliche‹ Begründung; so schrieb der Bundesgerichtshof Ende der 1950er Jahre dem Recht auf Eigentum eine »von staatlicher Rechtssetzung unabhängige Geltung zu«, zitiert nach: Manfred Brocker: Arbeit und Eigentum. Der Paradigmenwechsel in der neuzeitlichen Eigentumstheorie, Darmstadt 1992, S. 345. ↩︎
Sabine Nuss ist Politologin und Publizistin.
Bockelmann, Eske (2016): Geld. Was es ist, das uns beherrscht. Berlin: Matthes & Seitz.
Kuchenbuch, Ludolf (2016): Versilberte Verhältnisse. Der Denar in seiner ersten Epoche, Göttingen: Wallenstein Verlag.
Landa, Ishay (2021): Der Lehrling und sein Meister. Liberale Tradition und Faschismus. Berlin: Karl Dietz Verlag.
Locke, John (1998): Zwei Abhandlungen über die Regierung. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Milios, Jannis (2012): Eine zufällige Begegnung in Venedig. Die Entstehung des Kapitalismus als Gesellschaftssystem. Berlin: Karl Dietz Verlag.
Marx, Karl (1956): Das Kapital. Erster Band. In: Marx, Karl & Engels, Friedrich: Werke, Berlin 1956ff. [MEW], Bd. 23. Berlin: Karl Dietz Verlag.
Mau, Søren (2022): Stummer Zwang. Eine marxistische Analyse der ökonomischen Macht im Kapitalismus. Berlin: Karl Dietz Verlag.
McNally, David (2023): Blut und Geld. Krieg, Sklaverei, Finanzwesen und Empire. Berlin: Karl Dietz Verlag.
Rifkin, Jeremy (2000): Access. Das Verschwinden des Eigentums. Warum wir weniger besitzen und mehr ausgeben werden. Frankfurt a. M.: Campus.
Stützle, Ingo (2020): »Blut- und schmutztriefend«: Der diskrete Charme der Staatsgewalt: Genese und Geltung von Eigentum und Geld. In: Prokla. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft 199, 2/2020.
Wood, Ellen Meiksins (2015): Der Ursprung des Kapitalismus. Eine Spurensuche. Hamburg: Laika.