Design als soziale und ökologische Praxis
Anmerkungen zum SchwerpunktWas ist Design? Früher war die Antwort klar. Design war die Form; die Gestaltung von Dingen, von Möbeln, Haushaltsgeräten, Gebäuden und ganzen Stadtteilen. Der Designbegriff steht in engem Zusammenhang mit der Industriellen Revolution. Designer:innen waren meist Künstler:innen, denen die Fabrikbesitzer das nötige ästhetische Gespür zutrauten, um Produkte für die anonyme Masse zu gestalten. Heute hat sich dieses Verständnis erweitert. Design ist längst mehr als bloße Formgebung. Neue Ansätze verstehen Gestaltung als offenes, transdisziplinäres Feld, das vermittelt, interveniert, verhandelt und zur gesellschaftlichen und urbanen Transformation beiträgt.
Der Designbegriff ist eng mit der Produktion von Waren verknüpft – und mit seiner wichtigsten Fertigungsmethode, der Massenproduktion. Design war – genauso wie etwa Werbung – einer der Motoren zur Durchsetzung und Ausbreitung der kapitalistischen Ökonomie. Gleichzeitig formte der Kapitalismus die Art und Weise, wie designt wurde. Design sollte vor allem Profit generieren. Angesichts eines Wirtschaftsmodells, das auf Gewinn basiert und diesem alles andere unterordnet – wie etwa eine intakte Umwelt, eine nachhaltige Nutzung von Ressourcen, ein gesundes Klima, politische Stabilität und vor allem ein menschenwürdiges Leben für alle –, stellt sich die Frage, ob es für Designer:innen nicht längst an der Zeit ist, ihre Rolle als stabilisierender Faktor dieses Systems zu hinterfragen.
Denn Design operiert, ob es will oder nicht, immer im Feld des Politischen. Es ist an der Herstellung und Veränderung sozialer Verhältnisse beteiligt, wie Jesko Fezer, Professor für Experimentelles Design an der HFBK Hamburg, schreibt. Statt vermeintlich neutrale Designansätze zu verfolgen, die Konflikte zu entschärfen suchen oder sie in konsensorientierte Beteiligungs- und Moderationsformate überführen, plädiert Fezer für ein offenes ›Parteiisches Design‹. Dieses versteht »Design nicht als Tätigkeitsfeld distanzierter oder einfühlsamer Beobachter:innen oder mutiger wie auch sensibler Interventionist*innen, sondern […] [verortet] das Entwerfen direkt in den Konflikten, in den dort verhandelten Dingen und Themen und bei den Akteur:innen dieser Auseinandersetzungen und ihren Haltungen« (Fezer 2018, S. 220).
So wie Design einst zur Etablierung der modernen Konsumgesellschaft beigetragen hat, sollte es sich heute damit auseinandersetzen, wie es sich an deren Transformation zu einer ökologischeren und sozialeren Gesellschaft beteiligen kann. Es geht nicht mehr nur darum, Waren zu gestalten, es braucht ein anderes, transdisziplinäres Verständnis einer kollektiven Gestaltung, zu dem in einer erweiterten Betrachtungsweise auch die Stadtplanung gehört, wie die Stadtplanerin Nina Gribat im ersten Beitrag dieser Schwerpunktausgabe betont. Wie Design muss auch Planung als politische Praxis begriffen werden, die sich innerhalb gesellschaftlicher Machtverhältnisse bewegt und diese mitprägt.
Gribat verweist auf ein grundlegendes Spannungsverhältnis: Planung ist traditionell auf Problemlösung ausgerichtet. Zu einer gesellschaftspolitisch engagierten Planung gehört es aber auch, Unsicherheiten auszuhalten und zu hinterfragen, was überhaupt ein Problem ist. Statt dem Zwang zur schnellen ›Lösung‹ zu folgen, kann ein bewusstes ›Nicht-Entscheiden‹ oder ›Sich-Zeit-Nehmen‹ als Qualität verstanden werden, um Problemdefinitionen, Interessenlagen und mögliche Handlungsoptionen kritisch zu reflektieren (vgl. Heindl & Robnik 2024).
Ein bewusstes Nicht-Bebauen, der Erhalt des Bestands, die Umnutzung und die Reparatur werden zu gestalterischen Tugenden – genauso wie der Verzicht auf den Neubau. Der Designtheoretiker Friedrich von Borries (2017) fordert in diesem Zusammenhang, Städte nicht länger als »formbare Objekte« im Sinn von Marktökonomien und Immobilieninteressen zu begreifen, sondern als lebendige Labore des Wandels. In ihnen können zirkuläre Materialkreisläufe (Postwachstum), partizipative Stadtproduktion (Commons) und neue Formen des Zusammenlebens erprobt werden. Städtische Praktiken sollen von Solidarität und emanzipatorischem Gemeinschaftssinn getragen sein und der politischen Resignation entgegenwirken, indem sie Hoffnungshorizonte schaffen und gleichzeitig, wenn auch im Kleinen, konkrete Veränderungen, herbeiführen. Beharrlichkeit, Schönheit und Vernetzung kann, wie Kris Krois im Gespräch im vorliegenden Schwerpunkt ausführt, die Grundlage für einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel werden.
Vom Objekt zum Prozess
Dass Gestaltung gesellschaftliche Wirkung entfaltet, ist nicht neu. Für das Bauhaus, 1919 vom Architekten Walter Gropius gegründet, war Produktdesign gesellschaftsrelevant. Unter dem Leitmotiv ›form follows function‹ lehrte und praktizierte die Kunstschule ein neues Verständnis von Design: Funktionale und ästhetische Alltagsobjekte, die durch ihre industrielle Fertigung für alle erschwinglich sein sollten. Design muss, so die Überzeugung am Bauhaus, zur Demokratisierung beitragen.
Mit diesem streng funktionalen Dogma brach die Postmoderne. Design wurde, in Wechselwirkung zu Entwicklungen des Kapitalismus, zunehmend emotionalisiert. Die Produktsprache ›individuell‹ gestalteter Güter sollte Konsument:innen vermitteln, dass sie durch Konsumartikel Status und Individualität ausdrücken können. Der Designer Victor J. Papanek, 1939 vor den Nazis aus Wien nach Amerika geflohen, forderte in seinem 1971 erschienenen Buch Design for the Real World: Human Ecology and Social Change, dass sich Design an realen gesellschaftlichen Problemen orientieren und nicht von Macht, Status und Konsum getrieben sein sollte. Seine Möbel etwa verstehen sich als offene Systeme, die Nutzer:innen selbst bauen und verändern können. Papaneks Ansatz markiert damit den Versuch, Design nicht als abgeschlossenes Objekt, sondern als offenes System zu denken.
Als Konsequenz auf die negativen Folgen einer globalisierten kapitalistischen Wirtschaft hat sich das Designverständnis in vielen Bereichen vom Objekt entfernt. So wurde der Prozess zum Gegenstand der Disziplin, in dem Designer:innen nicht nur Dinge entwerfen, sondern auch Handlungsspielräume, Beteiligungsformate und Situationen, die soziale Interaktionen ermöglichen.
Technologische Innovation und ökonomisches Wachstum garantieren heute keine gesicherte Zukunft mehr. Die moderne Fortschrittsgeschichte, die eng an die Industrialisierung geknüpft ist, wird seit dem Aufkommen wachstumskritischer Ansätze (wie etwa von Ivan Illich und seinem Konzept der ›Selbstbegrenzung‹) in Frage gestellt. Diese Ansätze erfahren heute, rund 60 Jahre später, mit dem De-Growth-Diskurs neue Aufmerksamkeit. Wichtiger als Wachstum scheint die Frage, wie wir als Gesellschaft zusammenleben wollen und dabei spielt Design eine tragende Rolle. Die Disziplin Design ist zu einer Möglichkeit geworden, gesellschaftliche Veränderungsprozesse zu gestalten. Die Arbeit an sozialen Beziehungen, Infrastrukturen und institutionellen Rahmenbedingungen ist zu einem wesentlichen Aspekt einer sich neu ausdifferenzierenden Disziplin geworden, die zusätzlich zu traditionellen Aufgabenfeldern von Produktdesign nun Zukunftsfelder entwirft.
Die Klimakrise und das mittlerweile auch in der breiteren Öffentlichkeit wachsende Bewusstsein für die Endlichkeit verfügbarer Ressourcen von Rohstoffen fordern Designer:innen und die Wirtschaft heraus, ökologische Aspekte als Kernthema zu berücksichtigen, Re-Use-Strategien und Kreislaufwirtschaft miteinzubeziehen und entsprechend zu planen und zu handeln. Jede gestalterische Entscheidung hat unmittelbar auch ökologische Konsequenzen. Diese Herausforderungen ermöglichen neue Zugänge zu Design, etwa im Umgang mit vorhandenen Materialien und Ressourcen.
Der französische Soziologe und Philosoph Bruno Latour (1947–2022) forderte angesichts der Klimakrise einen grundlegenden Paradigmenwechsel: Die Erde dürfe nicht länger als Kulisse des menschlichen Handelns verstanden werden, sondern als ihre Existenzgrundlage. Mit seinem Konzept der ›Ökologischen Klasse‹ entwarf Latour die Vision einer neuen gesellschaftlichen Allianz, die sich über ihr Interesse am Erhalt der planetaren Lebensgrundlage definiert. Die ökologische Frage sei die zentrale Herausforderung unserer Zeit. Design, eng verbunden mit industrieller Produktion, Konsum und Wachstum, müsse sich dieser Realität stellen.
Die Beiträge des Schwerpunkts zeigen aus unterschiedlichen Perspektiven, wie breit sich das Feld von Social Design bis Transformationsdesign erweitert hat, und wie Alternativen für einen verantwortungsvollen Umgang mit ökologischen und gesellschaftlichen Herausforderungen geschärft werden können.
Paul Rajakovics und Christina Schraml sind Mitglieder der dérive-Redaktion und haben den vorliegenden Schwerpunkt gemeinsam zusammengestellt.
Paul Rajakovics ist Urbanist, lebt und arbeitet in Wien. Er ist seit 2001 Redaktionsmitglied von dérive – Zeitschrift für Stadtforschung und hatte von 2023—2024 die Verwaltungsprofessur für Transformationsdesign an der HBK Braunschweig inne.
Christina Schraml lebt und arbeitet als Stadtforscherin in Wien. Sie ist Mitglied der dérive-Redaktion und forscht und lehrt seit 2012 am Social Design Studio der Universität für angewandte Kunst Wien.
Borris, Friedrich von (2017): Interview mit Friedrich von Borries. In: Sommer, Bernd & Welzer, Harald (Hg.):
Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne. München: oekom verlag, S. 139—144.
Fezer, Jesko (2018): Parteiisches Design. Beiträge zur Gestaltung öffentlicher Interessen. In: Rodatz, Christoph & Smolarski, Pierre (Hg.): Was ist Public Interest Design? Bielefeld: transcript Verlag, S. 215—226.
Heindl, Gabu & Robnik, Drehli (2024): Nonsolution. Zur Politik der aktiven Nichtlösung im Planen und Bauen. Hamburg: adocs.
Illich, Ivan (1975): Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik. München: C. H. Beck.
Latour, Bruno & Schultz, Nikolaj (2022): Zur Entstehung einer ökologischen Klasse. Ein Memorandum. Berlin: edition suhrkamp.
Papanek, Victor (1971/1985): Design for the Real World: Human Ecology and Social Change. 2nd edition. London: Thames and Hudson.