Lageplan Wohnquartier Le Liégat, Renée Gailhoustet (1929 — 2023), Ivry-sur-Seine 1971 — 1981
Die Liebe zur Geometrie
Besprechung der Ausstellung »Der Hang zur Geometrie« im kunsthaus muerzWenn die Liebe zur Geometrie erwacht, sollte man bereit gewesen sein, von Wien aus den Sprung über den Semmering zu wagen, um im Kunsthaus Muerz fündig zu werden, wo Werner Feiersinger und Gabi Kaiser ihre ähnlichnamige Ausstellung Der Hang zur Geometrie präsentierten. Dort ist die Ausstellung leider vorbei, sie wird allerdings nächstes Jahr im Innsbrucker aut gezeigt werden. Eher noch als Liebe ist es Leidenschaft, die im besten Sinne des griechischen pathein, des Erleidens, die Protagonist:innen beflügelte, diese architekturhistorische Auswahl und Auslegung zu gestalten und in temperamentvollen und abwechslungsreichen Führungen zu aktualisieren. Beim Architekten Werner Feiersinger war es nach eigener Aussage bereits sein HTL-Lehrer, der ihn mit einem Palladio-Virus infizierte (wie das Foto der Villa Pisani belegt) und damit den Grundstein für die weitere Laufbahn als Architekt mit künstlerischem Anspruch legte. Die Kunsthistorikerin Gabi Kaiser spielte die komplementäre Rolle durch Textgestaltung und wissenschaftliche Guidance und sie war es auch, die Feiersinger zu dieser gemeinsamen Arbeit und Ausstellung ermunterte. Feiersinger erkundet schon seit langem geometrische Formen, die außerhalb der mächtigen Typologien von Kirche und Regierungspalast liegen. Die Ausgangsposition bezog sich daher auf das Interesse an Räumen des Privaten und Häuser, die Architekt:innen für sich selbst gestaltet haben, zugleich aber auch mit Einsichten in historische Referenz und Theorie unter Berücksichtigung aktueller Praxis. Eine wesentliche Frage lautet daher, wie sich Geometrie zur Bewohnbarkeit verhält, wie aus abstrakten Formen Individuelles abgeleitet und fruchtbar gemacht werden kann. Die Basis der Ausstellung liegt zunächst auf Zeichnungen, Raumkörpern und Proportionsmodellen, wobei die Nachzeichnung insbesondere für Feiersinger Lebenselixier ist, »Kein Tag ohne Linie«.
Man kann in diesem kurzen Text die Fülle des Gebotenen nur andeuten. Die Ausstellung setzt mit den Polyhedristen (Polyeder galten in der Kunst und Wissenschaft des 16. Jahrhunderts als Sinnbild geometrischer Virtuosität) ein, die durch Leonardo da Vincis Illustrationen zu De Divina Proportione inspiriert wurden. Freilich bezieht sich auch da Vinci auf die platonischen einfachen Körper, da für Plato die Geometrie auf der Stufenleiter der Verwirklichung der Idee dieser am nächsten kam. Sie zählt zum höchsten Grad der Dianoia, des Nachdenkens und ist den niederen Formen des Denkens wie des Glaubens und der Meinung weit überlegen, weil sie der Noesis, der Einsicht zur Idee jener mythisch verklärten und höchstmöglichen Stufe des Denkens am nächsten ist. Die platonischen Körper wurden in der Renaissance durch neue mathematische Erkenntnisse zu den virtuosen Gebilden der Polyeder ausgestaltet, die Architekt:innen bis in die Gegenwart faszinieren.Ein gut bekanntes Beispiel liegt hier mit Adolf Loos’ Pendelleuchte in der Form des Dodekaeders, der aus Fünfecken zusammengesetzt ist, vor, die er in Wohnungen und Geschäften einsetzte. In diesem Zusammenhang wird Loos noch positiv kontextualisiert.
Die US-amerikanische Architektin Anne Tyng perfektionierte die Aufstockung ihres kleinen Backsteinhauses durch eine komplexe, rein auf platonischen Gesetzen beruhende Konstruktion. Sie bewohnte im wahrsten Sinn des Wortes die Geometrie, die sie in ihrem Forschungsprojekt Anatomy of Form. The Divine Proportion in the Platonic Solids (1965) beschrieb. Auch Buckminster Fuller ist hier zu erwähnen, der eine Kuppel für den Tokyo Yomiuri Golf Club als eine Struktur aus konzentrischen Kleinkreisen (Kreise auf Kugeloberflächen, deren Ebenen nicht den Kugelmittelpunkt enthalten) und sphärischen Dreiecken konzipierte. Sein Privathaus, der Prototyp der geodätischen Kuppel, ist heute weltbekannt.
Ein großer Sprung führt uns nach Frankreich. In der kommunistischen Hochburg Ivry-sur-Seine im Süden von Paris plante man eine Modellstadt mitten im Bestand: mit Wohnungen, neuem Kulturzentrum und Läden. Die Realisierung des Masterplans dauerte mehr als 25 Jahre; und so lange dauerten auch die Kontroversen um den richtigen Ausdruck für die Architektur innerhalb der kommunistischen Partei. Es ging um den Vergleich zwischen Ivrys berühmtestem Nachkriegs-Sozialwohnungsbau, der vierzehnstöckigen Cité Maurice Thorez, benannt nach einem berühmten Kommunisten, mit ihren roten Terracottaziegeln, die von lokalen Architekten (Henri & Robert Chevallier) in den ersten Jahren des Kalten Kriegs entworfen wurde, und der nun nachfolgenden neuen Architektur. Die Architektin Renée Gailhoustet (1929 – 2023), die mit ihrem Lebenspartner Jean Renaudie mit dem Masterplan beauftragt wurde und bereits zwei große Hochhausscheiben errichtet hatte, entwickelte mit den darauffolgenden Bauten eine völlig neue architektonische und städtebauliche Gestalt: sternförmige Grundrisse, die durch Schnitt- und Drehbewegungen zu einem bewohnten und begehbaren Hügel geschichtet werden. Man sprach von der Überlappung von molekularer Biologie mit strukturellem Marxismus, die Jean Renaudies Konzept der Stadt als Kombinatorik als Manifest für eine städtische Theorie offener Architektursysteme umsetzte.
Gailhoustets Wohnbau Le Liégat (1971 – 1981) sollte als Wohnhügel die Mannigfaltigkeit des sozialen Lebens durch geometrische Vielfalt (siehe Foto am Cover dieser Ausgabe) repräsentieren: Die Struktur des Stahlbetonskeletts besteht aus Hexagonen, die von jeweils sechs Rechtecken und gleichseitigen Dreiecken umringt werden und Zwölfecke bilden. Diese Archimedische Parkettierung erlaubt ein statisches Grundraster mit Spannweiten von 3 x 7,5 Meter und ermöglicht zugespitzte Terrassen, Patios und überraschende grundrissliche Spielräume, die 130 gut belichtete Duplex- und Triplexwohnungen mit unorthodoxen Zuschnitten ergeben.
Ein zentrales Thema der Ausstellung stellt das Haus für sich selbst dar, ein klassischer Topos der Architekturtheorie, der mit zahlreichen Beispielen illustriert wird. Von Andrea Mantegna bis zu Eileen Grays Minimalwohnung, von Francesco Graziolis Wohnatelier bis zu Yo-ji Watanabes metabolischem Gebäude. Paolo Portoghesi verstand sein von Röhren gesäumtes Haus Papanice für einen Bauunternehmer als Hommage an Francesco Borromini. Portoghesi variierte dabei den Zylinder auf alle erdenklichen Arten, zumal er behauptet, »im Grunde genommen habe ich mich mein Leben lang mit der Krümmung befasst«. Er war vielleicht derjenige, der mit seinen Spielereien der Kreisfigur am weitesten den platonischen Idealismus ausreizte, der ohne die Vorstellung eines Mittelpunkts nicht auskommen kann. Allerdings erklärt er den Unterschied zwischen gerader und gekrümmter Linie mit Einsteins Feldtheorie. Die gerade Linie erzeugt einen neutralen Raum, während die gekrümmte Linie den Raum teilt: auf der einen Seite komprimiert und auf der anderen Seite ausgedehnt. Mit diesen Überlegungen nähern wir uns komplexer Physik, die das Verhältnis von Linien und Körpern zum umgebenden Raum denkt und auf Krümmung beruht. Schon Leibniz stellte fest, dass die Materie flüssig und die Körper elastisch sind und durch Spannkraft erhalten werden. Die von den platonischen Mathematikern der Renaissance angenommene Kohäsion der Körper ist jedoch ein schöner Idealismus, der bis in die Gegenwart lebendig bleibt.
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Der Hang zur Geometrie
Konzeption: Martin Feiersinger, Gabriele Kaiser
Ausstellungsgestaltung: Martin Feiersinger
kunsthaus muerz, www.kunsthausmuerz.at/wp-content/uploads/Presse_Der-Hang-zur-Geometrie-kunsthaus-muerz.pdf
Nächster Termin: aut. Architektur und Tirol, Frühjahr 2027
Manfred Russo ist Kultursoziologe und Stadtforscher in Wien sowie Redakteur von dérive – Verein für Stadtforschung; seit 1990 Dozententätigkeit an der Universität Wien (Soziologie) und anderen, u.a. Prof. an Bauhaus Uni Weimar.