»Die Städte sind zu riesigen Maschinen geworden«
Besprechung von »Fèlix Guattari – Die subjektive Stadt. Schriften zu Architektur und Urbanismuse« hg. von Volker Bernhard & Henning SchmidgenEs hat beinahe etwas von einer Flaschenpost an sich, die Jahrzehnte nach ihrem Abschicken aus der Zeit der 68er-Bewegung in einer veränderten Welt ankommt, wenn ein Buch mit dem Titel Die subjektive Stadt von einem Autor wie Fèlix Guattari erscheint. Genau gesagt handelt es sich dabei um eine Sammlung von Aufsätzen zum Thema Stadt und Architektur, die im Verlauf von einigen Jahrzehnten in verschiedenen französischen Zeitschriften erschienen sind und nun in Herausgabe und Übersetzung durch Volker Bernhard und Henning Schmidgen in Buchform, mit einem informativen Nachwort versehen, vorliegen.
Das ist in mehrfacher Hinsicht zu begrüßen, denn als Autor zum Thema Stadt ist Guattari in den 1970er bis 1990er Jahren im deutschen Sprachraum nicht in Erscheinung getreten, vielmehr war es Henri Lefebvre, der diese Position eingenommen hatte, auf den man übrigens auch erst nach seiner Wiederentdeckung durch amerikanische Stadtforscher:innen wie Edward Soja aufmerksam wurde. Nun war Guattari bekanntlich vor allem als Co-Autor und Freund von Gilles Deleuze weltweit bekannt geworden und seine Handschrift ist bei den gemeinsamen Büchern wie Anti-Ödipus, Tausend Plateaus oder Was ist Philosophie unverkennbar. Der Anspruch dieser Werke war radikal, es ging um die Überwindung der herkömmlichen Philosophie des Substanz-Akzidenz-Denkens und die Einrichtung einer totalen Immanenzebene, die auch die Metaphysik ablösen sollte. Begriffe beziehen sich nicht mehr auf Gattung oder Art, sondern auf Ereignisse. Der maßgeblichere Denker war wohl Deleuze, der vor allem durch seine Arbeit über Spinoza dieses Feld vorbereitet hatte, aber Guattari, auch in dessen Eigenschaft als Psychiater als kongenialen Autor betrachtete. Der Mensch ist nach Spinoza eine Ausdehnung Gottes, die aus Geist und Körper besteht, ohne Dualismus oder Unterordnung des Körpers unter den Geist. Gott ist das Ganze, aber kein Schöpfer und wird auch durch seine unendliche Ausdehnung mit der Natur identifiziert. Und es war wohl Guattari, der den Begriff des organlosen Körpers und der Schizoanalyse einführte, wenn er ihn als Wunschmaschine im Anti-Ödipus beschreibt, der sich gegen Freuds Ödipus-Theorie richtet. Der Körper ist die erste Substanz, der alles andere folgt, aber nicht untergeordnet, sondern auf gleicher Ebene angesiedelt ist. Es ist ein radikaler Materialismus, der den Körper ins Zentrum stellt, der wie eine Maschine agiert, sich ständig deterritorialisiert und wieder reterritorialisiert. Oder allgemeiner: im Grunde ging es wohl um so etwas wie die Intensität des gelebten Augenblicks.
Später erweiterte Guattari in seinem Buch Die drei Ökologien sein Spektrum um die ökologische Frage, die damals bereits in frühen Ansätzen gestellt wurde. Er rückte sie in den Zusammenhang mit einer Kunst des Öko, dem Wohnen und dem Lebensraum insgesamt, allesamt Quellen, auf die sich die Texte der subjektiven Stadt beziehen. Vor allem aber fühlte er sich auch als Aktivist der Umsetzung seiner politischen Arbeit als Psychiater verpflichtet und setzte sie durch seine Präsenz in zahlreichen Arbeitsgruppen, Zeitschriften, Initiativen und Forschungsgruppen um. Konkret forderte er auch Architekt:innen zum Engagement in jenen Gruppen und Vierteln auf, für die gebaut wird.
Guattari spricht in späteren Texten von der Höllenmaschine des modernen Kapitalismus, des Wirtschaftswachstums, des Konsums und der daraus notwendig werdenden Wiedergewinnung einer Subjektivität, die die Komplexität der Objekte des menschlichen Begehrens rehabilitiert. Eine Ökosophie, die Vielfalt und Ökologie vereinigt. Erst eine neue Subjektivierung und die daraus erfolgende subjektive Stadt könnten dies leisten. Allerdings ist es schwierig, diese Subjektivität, vom US-amerikanischen Psychoanalytiker Daniel Stern als »auftauchendes Selbst« bezeichnet, zu fassen, weil es eine Phase der frühkindlichen Entwicklung ist, und daher ständig neu erfunden werden muss. Eine mögliche Illustration dieses Gedankens könnte ein Erlebnis darstellen, das Guattari bei einem Spaziergang in São Paolo widerfuhr und ihn an die Fixierung Prousts an die schwangeren Momente erinnerte. Bei der Überquerung einer Kreuzung hört er plötzlich, dass ihn jemand laut ruft, ohne diesen lokalisieren zu können. Diese Kreuzungen von Straßenzügen, die sich in der Art von Stadtautobahnen auf verschiedenen Ebenen überkreuzen, erinnern ihn an die Pont Cardinet, die über zahlreiche Schienenstränge führte, die in den Gare Saint Lazare einmünden. Er fühlt eine synchrone Faltung von heterogenen Räumen, die sich im synästhetischen Erlebnis so ausdrückt, als wäre er für Momente in die trostlose Landschaft seiner Kindheit versetzt worden. Die eigentliche Pointe dabei ist, dass durch die große Höhe jener Kreuzung in São Paulo eine Erinnerung an die Pont Cardinet hervorgerufen wurde, die sich nur mehr in der kindlichen Wahrnehmung befand, denn in Wirklichkeit weist diese Pariser Brücke lediglich eine durchschnittliche Höhe auf, die nur als Kind übergroß wahrgenommen wurde. Die aktuelle Wahrnehmung wurde durch eine kindliche Erinnerung verdoppelt, ohne dass dies zu einer Beeinträchtigung oder einem Konflikt der Repräsentationen führte.
Daniel Stern beschrieb die Entwicklung eines Selbst des Säuglings in vier Schichten, die für Guattari nun in einer Wiederholung auftauchen können und dieses bewegende Gefühl einer Entdeckung der Welt des frühen Kindes an die Oberfläche bringen und zugleich die anderen Selbst-Modalitäten neu formatieren. Darin besteht die Faszination dieser schwangeren Momente und die Stadt ist der Raum, der diese partielle Subjektivierung im Rahmen der Begrifflichkeiten Territorium und Existenz ermöglicht. Dies ist auch die Schnittstelle zu den mannigfaltigen Territorien der Existenz, Wohnung, Haus, Viertel, Region, Nationalstaat, Kontinent, habitable Zonen, die zu seiner Ökosophie und dem Gegensatz zwischen Planetarem und Lokalem überführen. Hier ist es der Oikos, der durch eine Kunst des Öko vor den Bedrohungen der kapitalistischen Wirtschaft bewahrt werden muss. Das bedeutet aber keine Fetischisierung von Heimatgedanken und übertriebener Identifikation, sondern die neue Konstruktion existenzieller Territorien.
Guattari ist strikter Befürworter kollektiver Einrichtungen, symbolisch ausgeprägt durch die psychiatrische Klinik, die schon vor ihm durch die Umwidmung im Schloss La Borde eingerichtet wurde. Herrschaftliche Architektur wurde so einer neuen Bestimmung zugeführt, erfuhr eine Neugestaltung durch die dort lebenden Leute und veränderte ihren räumlichen Charakter.
Eine andere Art des Maschinismus sieht Guattari in bestimmten Architekturen, insbesondere bei seinem Favoriten Shin Takamatsu, dem er »existenzielle Übertragungen« bescheinigte. Man muss hier darauf hinweisen, dass dies nichts mit Le Corbusiers Wohnmaschine und deren funktionalistischer Dimension zu tun hat, im Gegenteil, diese widerläuft dem Denken Guattaris strikt. Die Faszination der japanischen Architektur ergibt sich aus den Möglichkeiten der Verwandlung zum Kind-Werden, Pflanze-Werden, Tier-Werden und schließlich Maschine-Werden, wie es der mit Deleuze gemeinsamen Philosophie entspricht.
Guattari verbrachte acht Aufenthalte in Japan, inwieweit hier Roland Barthes Buch vom Reich der Zeichen das Interesse für die japanische Semiotik inspirierte, ist nicht bekannt, die extreme Zeichenhaftigkeit Takamatsus Architektur spricht jedenfalls dafür. Hier ein Ausschnitt aus dem Aufsatz dazu: »Aufstieg zum Himmel, der ins Leere führt; Schlundöffnung und schließlich vor allem, Einpflanzung von okularen Strukturen in die Fassaden und Innenräume.« (S. 65) Es handelt sich nur um einen winzigen Auszug aus der gesamten Beschreibung. Takamatsu beginnt immer mit dem Äußeren und versucht damit das Innere zu verstärken, für Guattari ein Hinweis darauf, dass die Subjektivität nicht nur aus dem Innen kommen soll.
Das Buch beinhaltet auch interessante Interviews und Diskussionen unter Beteiligung von Foucault und Deleuze und anderen zum Thema Stadt und zeigt den Stand des avancierten Diskurses jener Zeit. Einen solch lebendigen Diskurs wie damals findet man heute selten. Es gibt kaum vergleichbare Intellektuelle, das heutige Denken ist anders ausgerichtet und eher in einen technokratischen Diskurs übergegangen, der zwar Fragmente mancher der damals erörterten Ideen abarbeitet, aber phantasielos und bürokratisch. Das heißt nicht, dass diese vielfach utopischen Ansätze besonders überzeugend gewesen wären, sie waren auch damals schon stark umstritten und nicht restlos akzeptiert. Aber sie zeugten zumindest von einer Kraft des Denkens, die man heute selten findet, um zu den Fragen der Zeit Antworten zu liefern.
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Volker Bernhard und Henning Schmidgen (Hrsg.)
Fèlix Guattari – Die subjektive Stadt. Schriften zu Architektur und Urbanismus
Wien: transversal texts, eipcp, 2025
196 Seiten, 12 Euro; kostenloses PDF:
www.transversal.at/media/die-subjektive-stadt.pdf
Manfred Russo ist Kultursoziologe und Stadtforscher in Wien sowie Redakteur von dérive – Verein für Stadtforschung; seit 1990 Dozententätigkeit an der Universität Wien (Soziologie) und anderen, u.a. Prof. an Bauhaus Uni Weimar.