Editorial dérive 103
Architektur, Städtebau und Stadtplanung sind diesmal die Themen, die sich durch die meisten Beiträge dieser Sampler-Ausgabe ziehen. Den Beginn macht ein Interview mit Maria Samek und Michael Rosenberger von der Abteilung Stadtentwicklung und Stadtplanung (MA 18) der Stadt Wien. Alle zehn Jahre veröffentlicht die MA 18 einen Stadtentwicklungsplan, in dem zentrale Leitlinien und Schwerpunkte der Entwicklung für die folgenden zehn Jahre festgelegt werden. Letztes Jahr war es wieder so weit, der aktualisierte Stadtentwicklungsplan bis 2035 wurde veröffentlicht. Im Gespräch mit den beiden redaktionell Verantwortlichen wollten wir u. a. wissen, wie auf das anhaltende Bevölkerungswachstum der Stadt reagiert wird, welche Rolle angesichts knapper Flächenressourcen Nachverdichtung, der Schutz von Grünräumen oder der Umgang mit Bestand spielen bzw. wie soziale, ökologische und kulturelle Infrastrukturen langfristig abgesichert werden.
Ein für die Stadtplanung ebenso zunehmend wichtigeres Thema greift Theresa Klingler in ihrem Beitrag Fürsorgegerechtigkeit durch Infrastrukturwandel auf. Der Bedarf an Fürsorgeleistungen ist heute bereits sehr hoch und wird in den kommenden Jahren nicht zuletzt angesichts einer alternden Gesellschaft weiter steigen. Sozialen Infrastrukturen kommt dabei eine bedeutende Rolle zu, liegt in ihnen doch ein großes transformatives Potenzial, Fürsorgebeziehungen gerechter zu gestalten und gesellschaftlich verantwortungsvoller zu organisieren. Als Beispiel einer solchen Infrastruktur stellt Klinger das Modell eines Sorgezentrums vor.
Stadtplanung bzw. Städtebau als interdisziplinäre und gesellschaftliche Aufgabe ist auch ein Thema von Martina Baum, Direktorin des Städtebau-Instituts an der Universität Stuttgart, und Markus Vogl, Professor für Städtebau und Raumplanung/Urbanistik an der Kunstuniversität Linz. Im Gespräch mit Emilia M. Bruck und Andre Krammer sprechen sie u. a. über die Zukunft des Städtebaus in Praxis und Lehre, die Bedeutung von lokalen Wissensformen und kollektiver Raumproduktion sowie die Rolle von Planer:innen und Planung als Praxis des Zuhörens, Verstehens und Ermöglichens.
Einen historischen Blick auf Städtebau bringt der Beitrag Modernist architecture as part of contemporary urban identity von Nermina Zagora, Sabina Mujkić, Lejla Kahrović-Handžić und Edib Pašić. Sie sehen sich anhand der Arbeiten von Architekten wie Jože Plečnik oder Juraj Neidhardt an, welche Auswirkungen die Moderne des International Style kombiniert mit Einflüssen klassischer Formen oder des Kritischen Regionalismus auf die städtische Identität und das Stadtbild von Ljubljana und Sarajevo in Zeiten von Globalisierung und Homogenisierung hatten und haben.
Nicht der Moderne, sondern der Postmoderne gilt der Fokus eines Buchs von Kirsten Angermann über »Architektur und Städtebau im letzten Jahrzehnt der DDR«. Jochen Becker stürzte sich mit Begeisterung in die Lektüre und stellt uns einige der »eigenwillige Realisierungen« einer Generation von Architekt:innen vor, die kein Interesse mehr hatte, die »zur Technokratie herabgesunkene historische Moderne der Zwischenkriegszeit nachzubuchstabieren«. Auf positive Resonanz stieß sie bei der offiziellen DDR, die sich nach wie vor dem Modernisierungsprojekt ›Sozialismus‹ verpflichtet sah, dabei nicht.
Um Architektur geht es auch in dem Artikel von Isabel Zintl, allerdings weniger um gebaute Architektur als um die Kritik an einem Arbeitsfeld, das von einem auf traditionelle, männliche Biografien zugeschnittenen Arbeits- und Berufsmodell geprägt ist. Obwohl Frauen rund 60 Prozent der Studienabsolvent:innen ausmachen, sind sie in den Chefetagen der Architekturbüros noch immer stark unterrepräsentiert. »Vor dem Hintergrund der Bauwende«, argumentiert die Autorin, braucht es »zukunftsfähige Planung menschlich nachhaltiger Arbeitskulturen«.
Ein Thema, das Wien seit Jahrzehnten beschäftigt, ist der Konflikt um den Bau eines Tunnels und einer Stadtautobahn im Osten der Stadt. Zur Debatte stehen dabei der Schutz eines Nationalparks und des Klimas ebenso wie die Frage, ob es neue hochrangige Straßen braucht, um Staus zu verhindern und die Bevölkerung der Region zu entlasten oder ob ein Ausbau des öffentlichen Verkehrs die zukunftstauglichere Lösung ist. Sebastian Raho fokussiert in seinem Beitrag weniger auf das Thema Mobilität in Wien als ganz allgemein auf »die Frage nach den Möglichkeiten und Qualitäten politischer Entscheidungsfindung und Prioritätensetzung in Zeiten abnehmender politischer Stabilität«.
Über Erfahrungen bei der Wohnungssuche und den generellen Unsicherheiten von Wohnsituationen am Beispiel von Manchester, Istanbul, Tiflis und Wien erzählen Catherine Raya Polishchuk, Nana Iashvili, Christopher Morris und Kubilay Aşar anhand zweier fiktiver Beispiele. Die Erzählung basiert auf individuellen ethnografischen Forschungen der Autor:innen vor dem Hintergrund eines durch Neoliberalisierung und Finanzialisierung geprägten Wohnungsmarkts.
Das Kunstinsert von Lotti Brockmann aus ihrer Serie Stolen Statues (Licked) zeigt überdimensionale Lollipops, deren Form von Abdrücken von Statuen toter, männlicher Heroen im öffentlichen Raum stammen. »In dieser subversiven Aneignung künstlerischer Werke ebenso wie hegemonialer Geschichtsschreibung«, schreibt Andreas Fogarasi, der diesmal das Kunstinsert kuratiert hat, »stecken Begehren und Ekel zugleich. Und Humor«.
Auf die Idee, am Cover eine Aufnahme des beeindruckenden Wohnquartiers Le Liégat in Ivry-sur-Seine nahe Paris der Architektin Renée Gailhoustet zu zeigen und auf diese Weise das Thema Frauen und Architektur noch einmal in den Blick zu nehmen, hat uns eine von Manfred Russo für diese Ausgabe verfasste Besprechung der Ausstellung Der Hang zur Geometrie von Gabriele Kaiser und Martin Feiersinger gebracht, von dem auch das Foto stammt.
Unser 25-Jahre-dérive-Jubiläumsjahr neigt sich schön langsam dem Ende zu, die großen Feierlichkeiten stehen jedoch noch aus. Das ist natürlich ein unhaltbarer Zustand, deswegen laden wir am 9. Mai ins Architekturzentrum Wien, wo wir uns sehr freuen, zu diesem Anlass auch die Ausstellung derive. Horizont Stadt eröffnen zu können.
Christoph Laimer
Christoph Laimer ist Chefredakteur von dérive.