Editorial dérive 104
Der Begriff Design ist wie ›Architektur‹ oder ›Philosophie‹ ein Terminus, der weit über seinen engeren Bedeutungszusammenhang in der Alltagssprache Verwendung findet, dennoch bringt man ihn in erster Linie mit der Gestaltung von Objekten in Verbindung. Genau in dieser Funktion ist Design bis heute ein zentraler Akteur der kapitalistischen Warenproduktion und trägt im Besonderen zum Fetischcharakter von Waren bei. Der heute vielfach kritisierte Massenkonsum hat, was nicht vergessen werden soll, ursprünglich dazu geführt, die Arbeiter:innenklasse mit Produkten zu versorgen, die lange Zeit nur dem Bürgertum und dem Adel vorbehalten waren. Er hatte insofern eine durchaus demokratische Wirkung. Es dauerte jedoch nicht lange und der Gebrauchswert der Waren verlor an Bedeutung, was in den späten 1960er Jahren zur Kritik an der Konsumgesellschaft führte und die Debatten über die Verantwortung von Design in diesem Zusammenhang auslöste. Victor Papaneks Anfang der 1970er erschienenes Werk Design for the Real World ist eines der bekanntesten Bücher aus dieser Zeit, das sich kritisch mit der Rolle von Design auseinandergesetzt hat. Diese Kritik ist seither nicht mehr verstummt und hat in der jüngeren Vergangenheit zu einer Ausdifferenzierung des Designbegriffs geführt und neue Richtungen wie Transformationsdesign, Social Design, Civic Design oder Eco-Social Design entstehen lassen.
Gestaltung erscheint nicht länger als Disziplin der Lösung, sondern als Praxis des Aushandelns. Sie operiert inmitten der Spannungen einer krisenhaften Gegenwart und muss sich dabei stets neu erfinden. Design versteht sich als
eine Praxis, die neue Bedingungen des Zusammenlebens hervorbringt und die Gesellschaft verändert. Gerade darin liegt die Verantwortung – aber auch das Potenzial: nicht die Welt zu optimieren, sondern sie unter veränderten Bedingungen immer wieder neu zu verhandeln.
Der vorliegende Schwerpunkt widmet sich genau dieser Entwicklung und beginnt nach dem einleitenden Text der beiden Schwerpunktredakteur:innen Christina Schraml und Paul Rajakovics mit einer Design-Standortbestimmung in Form eines Gesprächs, das die beiden mit der Architektin und Stadtplanerin Nina Gribat, der Designforscherin Bianca Herlo und dem Eco-Social Designer Kris Krois geführt haben.
Wie die erweiterte Design-Theorie in die Praxis überführt werden kann, zeigt die Architektin Saskia Hebert am Beispiel des Wohnens. In ihrem Beitrag Transformative Wohnformen beschreibt sie die aktuelle Wohnungskrise als komplexes Spannungsfeld sozialer, ökonomischer und ökologischer Anforderungen und stellt neue, transformative Wohnprojekte vor.
Jesko Fezer, Professor für Experimentelles Design an der HFBK Hamburg, greift in seinem Beitrag Tendenz und Parteilichkeit im Design eine »lange andauernde Auseinandersetzung darüber, wie sich Gestaltung zu den vorherrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen verhalten« kann und soll auf, die sich um den »ärgerlichen Widerspruch« dreht, einerseits einen »Anspruch auf soziale Transformation« zu erheben, dabei aber anderseits gleichzeitig »eine gewisse Neutralität« zu bewahren.
Brigitte Felderer, Leiterin des Social Design Studios an der Universität für angewandte Kunst Wien, schließlich diskutiert in ihrem Beitrag Social Design als Programm? die institutionelle Verantwortung eines Lehrgangs, der sich »weniger als klar definierte Disziplin, sondern als offenes Programm, das gesellschaftliche Dringlichkeiten aufgreift«, versteht.
Der Magazinteil dieser Ausgabe beginnt mit einem Nachruf auf Jürgen Habermas. Autor Manfred Russo, für den Habermas in seinen Studienzeiten eine »Leitfigur des Denkens« war, zeichnet ausgehend von dessen Theorie des kommunikativen Handelns seine jahrzehntelange Auseinandersetzung mit der Rolle, Bedeutung und Funktionsweise von Öffentlichkeit nach.
Günther Prechter, Architekt und Stadtplaner in Bregenz, schwingt sich in seinem Beitrag Weiterbauen historischer Arbeitersiedlungen am Beispiel der Südtirolersiedlungen (Vorarlbergs), die aufgrund ihrer Entstehung im Nationalsozialismus oft reflexhaft als ›Nazi-Architektur‹ tituliert werden, zu einer Würdigung ihrer Qualitäten auf.
Der abschließende Beitrag The touristification of work: Coworking spaces and digital nomads in Barcelona widmet sich mit ›Workation‹ einem Phänomen, das so gar nichts mit dem zu tun hat, was wir gemeinhin unter Arbeitsmigration verstehen. Vielmehr ist es »a hybrid phenomenon that blurs traditional boundaries between work and tourism«, wie die Autoren José Ignacio Sánchez-Vergara und Marko Orel schreiben.
Martin Vesely, der sich in seiner Arbeit »der Herstellung und Abbildung räumlicher Konstellationen« widmet, wie Andreas Fogarasi schreibt, zeigt in seinem Kunstinsert Alles ist verbunden drei Arbeiten; darunter ein Leuchtkörper für den selbstorganisierten Ausstellungs- und Barraum Ve.Sch, den Vesely seit seiner Gründung 2008 in wechselnden personellen Konstellationen und an verschieden Orten betreibt. Mit dieser Ausgabe beenden wir etwas erschöpft, aber ebenso glücklich und erfreut das lange 25-Jahre-dérive-Jubiläumsjahr mit seinen wunderbaren Ausstellungen und Feierlichkeiten, schließlich beginnt mit diesem Heft bereits der 27. Jahrgang und vor der Tür steht das nächste urbanize! Festival. Es widmet sich vom 13. bis zum 18. Oktober unter dem Titel Reclaim the Streets! einem unserer Lieblingsthemen: der Straße.
Christoph Laimer
Christoph Laimer ist Chefredakteur von dérive.