Editorial dérive 105
Die Straße gehört zur Geschichte der Stadt wie die Rille zur Schallplatte, ist im Editorial der 2013 erschienenen, fünfzigsten Ausgabe von dérive zu lesen, deren Schwerpunkt der ›Straße‹ gewidmet war, und daran hat sich natürlich nichts geändert.
Es bleibt das Problem – wie wir alle wissen –, dass die Schallplatte, die abgespielt wird, in der Regel immer die gleiche ist: motorisierter Individualverkehr. Die 105. Ausgabe von dérive erspart es sich weitgehend, dieses Drama neuerlich einer Kritik zu unterziehen, sondern zeigt Alternativen auf und diskutiert Schritte, um aus dem Verkehrsraum Straße wieder einen lebendigen Stadtraum zu machen. Die Vorteile für die Stadtbevölkerung – insbesondere von wachsenden Städten wie Wien – sind offensichtlich und zahlreich: mehr Platz, weniger Lärm, bessere Luft, weniger Hitze, weniger Unfälle, höhere Aufenthaltsqualität, lebendigere öffentliche Räume, mehr Umsatz für lokale Geschäfte …
Das Potenzial, den Straßenraum tatsächlich wieder in einen attraktiven, lebendigen Stadtraum zu transformieren,
ist enorm, und in vielen Städten existieren bereits beeindruckende Projekte. Aglaée Degros und Stefan Bendiks haben sich bereits vor 20 Jahren in dérive (2006, Heft 25) Gedanken dazu gemacht, für den vorliegenden Schwerpunkt blicken sie aus aktueller Perspektive erneut auf die Frage, wie Verkehrsraum radikal als öffentlicher Raum zu denken ist. Präfigurative Ansätze dafür sind Straßenexperimente aus der Werkzeugkiste des taktischen Urbanismus wie Pop-Up-Radwege, Open Streets oder Superblocks zur Neuverteilung des öffentlichen Raums. Ob die Beliebtheit dieser Maßnahmen auch daran liegt, dass sie günstig und reversibel sind, ist eine der Fragen, die in Gunnar Grandels Beitrag Mit Straßenexperimenten zur Mobilitätswende? gestellt wird.
Wie der kulturelle Shift gelingen und die urbane Mobilitätswende rascher vorankommen kann, haben die dérive-Redakteur:innen Emilia M. Bruck und Andre Krammer mit den Mobilitätsforscher:innen Meredith Glaser und Harald Frey erörtert. Die beiden Expert:innen reflektieren die aktuelle Situation in u. a. Amsterdam und Wien und sprechen über wichtige Ansätze und Schritte für die notwendige Transformation. Denn trotz vieler Maßnahmen, die in den letzten Jahren in zahlreichen Städten gesetzt wurden, fungiert die Straße nach wie vor überwiegend als Verkehrsraum mit besonderer Bevorzugung des Autos.
Ein typisches Beispiel dafür ist der Wiener Matzleinsdorfer Platz und die daran anschließende Triester Straße. Der Künstler Tomash Schoiswohl, der in dérive N°99 bereits eine »Liebeserklärung« an den Matzleinsdorfer Platz verfasst hat, widmet diesem im vorliegenden Heft eine vierseitige künstlerische Arbeit, die im Zusammenhang mit seiner Intervention für Kunst im öffentlichen Raum Wien beim urbanize!-Festival »Matz Über. Auflauf und Parade« steht. Den Fotografen Paul Sebesta wiederum fasziniert die Triester Straße, eine historische Verkehrsader, deren vielfältige (Un-)Orte er dokumentiert. Einige dieser Arbeiten gibt es im Schwerpunkt begleitet von einem Text von Claudia und Laura Frediani, in deren Kunstraum FREDIANE.space derzeit eine Ausstellung der Fotos zu sehen ist.
Die Rückeroberung der Straße hatte sich beginnend in den 1990er Jahren auch die Bewegung Reclaim the Streets (RTS), der wir schon einmal einen dérive-Schwerpunkt (2000, Heft 2) gewidmet haben, auf die Fahnen geschrieben. Für das vorliegende Heft haben wir Oliver Pohlisch um eine Einordnung dieser Bewegung zwischen Anarchismus, Rave und Ökologiebewegung gebeten, weil sie trotz ihres Scheiterns dazu beitragen könnte, der derzeit fehlenden »kollektiven Imaginationskraft« für eine zeitgemäße Bewegung »auf die Sprünge zu helfen«, wie der Autor meint. Denn die Straße als gesellschaftspolitischer Freiraum ist unter Druck – Kommerzialisierung und Touristifizierung, Überwachung und Ordnungspolitik schränken viele Handlungsfreiheiten ein.
Auch das Kunstinsert Followers von Wolfgang Lehrner hat mit Stadtstraßen zu tun. Es basiert auf einer Videotrilogie, die der Künstler 2022 in Mexico City realisiert hat.
Im Magazinteil stellt das künstlerisch-wissenschaftliche Forschungsprojekt Resonanz & Widerstand: Dem Klang der Wiener Gegenkultur auf der Spur im Zusammenhang mit der antinazistischen Jugendkultur der Swing-begeisterten Schlurfs auch Fragen nach einer zeitgemäßen Erinnerungskultur. Die Künstlerin Conny Zenk verbindet in ihrem Beitrag die Spurensuche nach Treffpunkten der Schlurfs mit der Frage, wie sich eine »nur fragmentarisch überlieferte Jugendkultur heute im Stadtraum hörbar machen lässt«.
Für Aufsehen hat 2025 der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz gesorgt, als er von Problemen des Stadtbilds gesprochen hat. Die Kunsthistorikerin und Kuratorin Isabel Hufschmidt hat anlässlich der Debatte gemeinsam mit Studierenden der Transkulturellen Studien der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf das Stadtbild psychogeographisch
mit der Kulturtechnik des dérive untersucht. Nachzulesen sind die Eindrücke und Beobachtungen im Magazinteil.
In dieser Ausgabe von dérive startet die Serie Wiedergelesen: Architekt Andreas Zeese unterzieht in jeder dérive-Ausgabe ein einflussreiches Werk zu Stadt und Stadtgesellschaft einer erneuten Betrachtung aus heutiger Sicht. Zum Start steht Alexander Mitscherlichs 1965 erschienenes Pamphlet Die Unwirtlichkeit unserer Städte am Programm.
Wir sehen uns beim urbanize!-Festival, das von 13.–18. Oktober in Wien stattfindet.
Join us and Reclaim the Streets, meint
Christoph Laimer
Christoph Laimer ist Chefredakteur von dérive.