Ein Haus für alle
Besprechung von »Zentren geistiger Stadterweiterung. Die Architektur der Wiener Volkshochschulen« von Carina Sacher & Lukas VejnikTöpfern. Italienisch für Anfänger. Fit mit Baby. Brotbacken. Ein Filmvortrag über die Lombardei. Die Wiener Volkshochschulen haben ein breites Angebot, niederschwellig und günstig. Sie sind ein Ort der sanften Weiterbildung in fast jeder Lebenslage. Mehr Hobby als Karriereleiter. Weniger Selbstoptimierung als Abendprogramm. Das ist großartig und doch nur ein Teil der Wahrheit. Denn die Idee, die Bevölkerung mit einem reichen Kursangebot zu bilden, war nie der einzige Zweck der Lehranstalten. Die Gebäude, quer über die Stadt verteilt, hatten von Anfang an eine weitere, mindestens gleichbedeutende Funktion. Sie waren Treffpunkte über Milieu-Grenzen hinweg: Häuser der Begegnung, gebaut, um Menschen zusammenzubringen.
Davon handelt eine neue Publikation: Zentren geistiger Stadterweiterung. Die Architektur der Wiener Volkshochschule von Carina Sacher und Lukas Vejnik, erschienen 2025 im Album Verlag. Die Autor:innen erzählen die Architekturgeschichte der Volkshochschulbauten – und dabei die Geschichte unseres Demokratieverständnisses gleich mit. Auf 200 Seiten dröseln sie die Historie der Wiener Institution akribisch auf: von den Anfängen um die Jahrhundertwende über die Hochblüte im Roten Wien, der brutalen Zäsur der Nazis bis zur Renaissance der Volksbildung nach 1945 – und schlagen dabei eine Brücke in die Gegenwart, zu einer hochaktuellen Debatte: Wieviel Raum braucht die Demokratie? Wo findet Öffentlichkeit statt? Und ist es Aufgabe des Souveräns, diese Orte bereitzustellen?
Sacher und Vejnik entfalten ihre Analyse entlang der unterschiedlichen Bautypologien: von der klassischen Volkshochschule mit klarem Bildungsauftrag über die nachbarschaftlich orientierten Volksheime und großen Häusern der Begegnung, beide nach 1945 errichtet, in der Nachkriegszeit, dem Schwerpunkt des Buchs. Jede Typologie wird zu den sich stetig verändernden städtebaulichen Leitbildern und Entwicklungen in der Erwachsenenbildung in Beziehung gesetzt. Dafür haben die Autor:innen tief in Archiven und Bibliotheken gegraben. Das Buch erzählt nicht nur von Vorzeigeprojekten, sondern auch von gescheiterten Vorhaben, nicht realisierten Planungen, verschwundenen Einrichtungen und verloren-gedachten Ideen.
Der Ursprung der Wiener Volkshochschulen liegt in den frühen 1900er Jahren. 1905 eröffnete, begleitet von internationalem Interesse, die erste Abendvolkshochschule in Ottakring – initiiert nicht von der Stadtverwaltung, sondern von Stadtbewohner:innen selbst. Weitere Einrichtungen folgten. Als autonome Vereine organisiert, gestalteten sie ihr Programm eigenständig. In diesen frühen »Volkshochschulen« lehrten oft namhafte Professor:innen, eine Universität für alle, auch ohne Schulabschluss. Ein Bottom-up-Prozess, lange bevor der Begriff existierte. Die lokale Bevölkerung war selbst ermächtigt, sie eignete sich Wissen, Öffentlichkeit und Mitbestimmung an und erfuhr, wie Demokratie funktioniert. In alltäglicher Praxis, nicht als abstraktes Konzept. Im Roten Wien wurde die Idee politisch unterfüttert: Bildung als Schlüssel gegen die soziale Ungleichheit. Die Arbeiter:innenschaft sollte, unter der sozialdemokratischen Stadtregierung, zur emanzipierten Gesellschaft gedeihen. Der neue Mensch brauchte Wohnraum, Fürsorge und vor allem Bildung, flächendeckend zur Verfügung gestellt. Die Volkshochschulen waren Teil dieser Vision. Mit der zunehmenden Institutionalisierung ging jedoch allmählich die Selbstverwaltung verloren. Nach einem Bruch in der NS-Zeit wandelten sich die Volkshochschulen nach 1945 von reinen Bildungsbauten zu Nachbarschaftszentren: den Volksheimen. Sie rückten von den reinen Abendkursen ab, öffneten ihr Angebot für alle Altersgruppen und schufen so Gemeinschaft. Die Klubräume konnten flexibel genutzt werden – für nachbarschaftliche Zusammenkünfte oder private Zwecke, als Erweiterung der kleinen Wohnungen. Bereits in die Per-Albin-Hansson-Siedlung, den ersten großen kommunalen Wohnbau der Nachkriegszeit, stellte die Stadt so ein Volksheim. In den Häusern der Begegnung setzte sich die Idee in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre baulich fort. Roland Rainers Planungskonzept sah eine polyzentrale Stadtstruktur mit neuen Bezirkszentren vor. Die neuen Häuser vereinten Bildung, Kultur, Bücherei, Musikschule, Jugendzentrum, Bezirksverwaltung und Gastronomie unter einem Dach und dienten so als tägliche Anlaufstellen.
Der historische Abriss macht klar: In der Nachkriegszeit war man sich der Bedeutung dieser Orte bewusst. Schon im Wiederaufbau investierte die Stadt, trotz eklatanter Knappheit, in diese soziale Infrastruktur. Inmitten der neuen Wohnsiedlungen oder als Ankerzentren im Bezirk, errichtete sie Schlüsselbauten für Bildung und Begegnung, quer über Wien verteilt, oft in der Peripherie, aber auch in bestehenden Gründerzeitvierteln. Die Gebäude fungierten als soziale Knotenpunkte, geplante, konsumfreie Orte – viele davon sind bis heute im Stadtkörper verankert. Ihre Biographie steht für Wandelbarkeit und Experimentierfreudigkeit.
Im letzten Kapitel schlagen die Autor:innen in der Gegenwart auf. 32 Volkshochschulgebäude stehen in Wien. Im Jänner 2026 kam die VHS am Sophienpark hinzu. Ein wienweites Konzept für den Umgang mit dem Bestand, seine Nutzung, Sanierung und Erhalt fehlt bisher. Einige Gebäude stehen unter Denkmalschutz, etwa die Wiener Urania, anderen droht der Abriss, etwa dem brutalistischen Bau in der Donaustadt. Viele stehen vor der Generalsanierung. Für Sacher und Vejnik ist das eine Chance, sich der Anfänge zu besinnen.
Das Buch macht dieses Potenzial für die Gegenwart sichtbar, nicht zuletzt im beigelegten Fotoessay von Florian Rainer. Der Fotograf setzt aktuelle Blicke ins Innere der Bauten den historischen Abzügen gegenüber. Die Ausschnitte lassen Raum für Projektionen: für das, was ist, und für das, was (wieder) werden könnte. Zentren geistiger Stadterweiterung. Die Architektur der Wiener Volkshochschule ist ein Buch über eine Wiener Institution. Und ein Buch über Demokratie und ihre Orte, die es heute dringender braucht denn je.
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Carina Sacher & Lukas Vejnik
Zentren geistiger Stadterweiterung. Die Architektur der Wiener Volkshochschulen
Fotoessay: Florian Rainer
Wien: Album Verlag, 2025
202 Seiten, 30 Euro
Christina Schraml lebt und arbeitet als Stadtforscherin in Wien. Sie ist Mitglied der dérive-Redaktion und forscht und lehrt seit 2012 am Social Design Studio der Universität für angewandte Kunst Wien.