Erik Meinharter


Es gibt in der Landschaftsarchitektur einen Wendepunkt im Umgang mit städtischen Parks. Die IBA Emscher Park hat in den 1990er Jahren mit dem richtungweisenden Entwurf von Peter Latz für den Landschaftspark Duisburg Nord, der auf einem ehemaligen Stahlproduktionsgelände entstand, einen neuen Zugang zu Transformationsflächen geprägt. Ganz im Gegensatz zu den herrschaftlichen Gärten, welche im 19. Jahrhundert für die Bevölkerung geöffnet wurden, und den Volksparks des 20. Jahr- hunderts begann hier die Diskussion um den Park der Zukunft, geschaffen aus den urbanen Relikten der Vergangenheit.
Bereits in den frühen neunziger Jahren war das Gleisdreieck, der aufgelassene Anhalter Bahnhof in Berlin, durch den beeindruckenden Kontrast zwischen Infrastrukturrelikten und der diese überwindenden Natur geprägt. Diesen jahrelang durch Bürgerinitiativen bewahrten Raum in einen urbanen Park zu verwandeln war eine große Herausforderung, über die im vorliegenden Buch berichtet wird. Offen beschreibt der Landschaftsarchitekt Leonard Grosch den Zugang des Ateliers Loidl bei der Entwicklung eines urbanen Parks, welcher den Ansprüchen der Stadtgesellschaft wie auch dem bestehenden Charakter eines »verwachsenen« Bahnhofs und den Reglements der Entwicklung von Parks und Grünan- lagen in Berlin zugleich Rechnung tragen musste. Es ist ein Plädoyer für mehr Aufmerksamkeit bei der Entwicklung neuer Parks. Eine klare Stellungnahme, warum bei der Entwicklung neuer Parks besonders auf den Ort, eine vielfältige Programmierung, um Angebote zu schaffen, ausreichend Natur-erfahrungen, Aushandlungsprozesse und unterschiedliche Atmosphären im Park anzubieten, Bedacht genommen werden muss.
Constanze A. Petrow von der TU Darmstadt ergänzt die Ausführungen um die kontextualisierende Sichtweise der Forschenden. Insbesondere die Vergleiche mit anderen Parkentwürfen und deren offensichtlichen Mängeln machen die zwölf beschriebenen Stellschrauben für ein erfolgreiches Entwickeln eines Bürgerparks des 21. Jahrhunderts nachvollziehbar. Parks, welche nur inszenatorische Vielfalt repräsentieren und mit allen Elementen vor allem auf den Bild-Effekt ausgerichtet sind, können keine adäquaten Strategien für neue Parkanlagen liefern. Gefordert wird ein perfor- mativer Ansatz, der den Park nicht als Gegenpol zur Stadt begreift. Urbanität verlangt eine Vielschichtigkeit in der Programmierung, und daher ist der Park im besten Sinne urban. Die Landschaftsarchitektur als urbanistische Disziplin kann einen Beitrag zur Vielschichtigkeit der Stadt leisten.
Die am Ende des Buches kurz dargestellten qualitativen Untersuchungen von Frieder Beckmann, Meike Haken und Antonia Muschner verknüpfen die davor genannten Ansprüche der PlanerInnen, Atmos-phären zu schaffen, mit den Wahrnehmungen der tatsächlichen NutzerInnen. Ob diese die intend- ierten Atmosphären überhaupt wahrnehmen können, scheint jedenfalls aufgrund der Vielfalt der Angebote und deren klarer Lesbarkeit sekundär. Andererseits erscheint es geradezu revolutionär, dass 4 % des Errichtungsbudgets für eine weitere kooperative Parkentwicklung reserviert wurden und ein NutzerInnenbeirat die weitere Programmierung des Parks begleitet. Mit dieser und vielen weiteren strategischen Ansätzen leistet das Buch einen Beitrag, das Verständnis der Herausford- erungen bei der Entwicklung von Parks im 21. Jahrhundert zu verbessern und die Relevanz und Vielfältigkeit unterschiedlicher Stellschrauben auf diesem Wege klarer zu sehen.


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