Anupama Kundoo nutzt die In-situ-Brenntechnik, um ein Ensemble zu bauen, das obdachlosen Kindern und ihren Pflegeeltern ein Zuhause bietet, Puducherry, 2008; Foto — Javier Callejas
Eine Poesie der Fülle. Die Architektur von Anupama Kundoo
Besprechung der Ausstellung »Reichtum statt Kapital. Anupama Kundoo« im Architekturzentrum WienReichtum statt Kapital ist der etwas verwirrende Titel einer beeindruckenden, von Angelika Fitz und Elke Krasny kuratierten Ausstellung im Architekturzentrum Wien über das Werk der indischen Architektin Anupama Kundoo. Der englische Titel des Katalogs Abundance not Capital kommt der Sache vielleicht etwas näher, weil darin das Wort Fülle steckt, das im religiösen und philosophischen Kontext als das Pleroma bekannt ist und die Empfindung von Vollständigkeit und Zufriedenheit ausdrückt, die das Materielle übersteigt. Der Autor dieser Zeilen versucht hier keine Haarspalterei oder übertriebene Exegese, sondern weist darauf hin, dass diese Erfülltheit eigentlich nur auf spirituelle Weise wie Meditation, Dankbarkeit und eine Ausrichtung auf das Positive gewonnen werden kann, alles notwendige Voraussetzungen, die für das tiefere Verständnis der Arbeit von Anupama Kundoo wichtig sind. Es ist relevant, dies zu erwähnen, weil man beim Besuch dieser äußerst schlicht scheinenden Ausstellung zunächst den Eindruck gewinnt, in einem ethnographischen Museum gelandet zu sein: man sieht einfache Bauelemente, Ziegel, Tontöpfe als Dachziegel oder Materialien wie Ferrozement. Ein Video zeigt die Handwerker, die diese einfache Bauweise, die weitgehend auf traditionellen Techniken beruht, ermöglichen. Zu sehen sind Bilder von wenig spektakulären, doch subtilen Gebäuden. Was zunächst kaum ersichtlich wird: die Aufnahmen stammen aus Auroville, einer außergewöhnlichen Kleinstadt in Indien, gegründet von der spirituellen Gemeinschaft des Sri Aurobindo.
Das mag in Zeiten einer ökologischen Wende interessant sein, doch was will man damit ausdrücken? Hier kommen die verschiedenen Dimensionen des Reichtums (oder der Fülle) ins Spiel, die Kundoo als »architecture as abundance« bezeichnet und als Gegenmodell zum Kapitalismus dienen sollen. Auch wenn die Entgegensetzung wohl eher metaphorisch denn ernsthaft gemeint ist, hier, im Mikrokosmos von Auroville, mag sie tatsächlich stimmen. Die Ausstellung ist um acht Kategorien des Reichtums gegliedert, die Fülle des Wissens, der Materialien, der Aspirationen und der Fülle der Freizügigkeit – um nur einige zu nennen, die sich mit Nachhaltigkeit und dem Sorgetragen, Care befassen. Aber worum handelt es sich dabei? Ist das ein architektonisches Programm, sind das religiös inspirierte Anleitungen oder nur ein Wellnessprogramm für Ökofreaks? Oder von allem etwas. Eine Antwort könnte das integrale Yoga bieten, das Sri Aurobindo als die zum Leben notwendige Praxis durch die Verknüpfung mehrerer traditioneller Yoga-Disziplinen entwickelte. Das Grundprinzip besteht nicht in der Ablehnung oder Überwindung der Welt, sondern deren Durchdringung mit dem Göttlichen. Das wird freilich in unserer neopaganen Welt auf wenig Verständnis stoßen, wenngleich es den Schlüssel zu einem anderen Bewusstsein bieten könnte.
Auch wenn Kundoo den Eindruck einer modernen Künstlerin erweckt, deren Säkularisierung außer Frage steht, ist ihr Werk nur vor dem Hintergrund von Auroville, jener Stadtgründung des Sri Aurobindo erklärbar. Sri Aurobindo war einer jener jungen Inder, die nach England zur Erziehung geschickt wurden, viel Wissen erwarben, von der Lebensweise jedoch nicht angetan waren und nach ihrer Rückkehr in den komplexen Bereich des hinduistischen Nationalismus gerieten, der in den Zeiten des britischen Kolonialismus zu einer wesentlichen Größe im Kampf für ein freies Indien wurde. Das zentrale Merkmal bestand in der Ablehnung des westlichen Säkularismus und in der Besinnung auf die nationalen Tugenden der Bescheidenheit des Volkes und der spirituellen Praxis. Mahatma Ghandi ist wohl die bekannteste Persönlichkeit jener Zeit, die im Lendenschurz aus handgesponnenem Garn für religiösen Pluralismus und gewaltlosen Widerstand eintrat. Aurobindo entwickelte sich durch die Hinwendung zum Yoga um 1910 vom Nationalisten zum Hindu-Weisen und Seher, der immer mehr Schüler um sich scharen konnte und einen Ashram gründete.
Um 1914 trat Mirra Alfassa, eigentlich eine sephardische Jüdin aus Paris, als Schülerin ein. 1926 ernannte Aurobindo sie zur ›großen Mutter‹, weil sie große spirituelle Reife bewies. Er übertrug ihr von nun an die Führung des Ashram, weil er meinte, selbst den Status des overmind erreicht zu haben, sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückzog und sich seinen Schriften und der Meditation widmete. Diese ›Mutter‹ ist nun insofern wichtig, als sie im Auftrag Aurobindos die Gründung von Auroville vollzog und 1966 den Architekten Roger Anger mit dem »galaxy plan« einer »City of Earth’s needs« beauftragte. Diese Idee einer universellen Stadt mit Bürger:innen aus allen Nationen ohne Privateigentum an Boden existierte seit den 1930er Jahren in Aurobindos Schriften, die tatsächliche Umsetzung konnte aber erst in den 1960er Jahren beginnen. So bildete sich eine ›intentional community‹, die sich naturgemäß aus unkonventionellen Menschen wie Aussteiger:innen, Anarchist:innen, Hippies und anderen Idealist:innen zusammensetzte, die bereit waren, unter außergewöhnlichen Bedingungen zu leben. Heute beherbergt die Stadt 3.300 Einwohner:innen aus 60 Nationen, zuzüglich der dort beschäftigten indischen Handwerker:innen und sonstigen Personals. Eine Grundidee des Zusammenlebens lag im geldlosen Austausch von Arbeitsleistungen und der Vermeidung kapitalistischer wirtschaftlicher Strukturen. Freilich stellte sich bald die Fragilität dieser Vorstellungen heraus. Heute erfolgt die Finanzierung hauptsächlich durch internationale Organisationen (Deutschland subventionierte etwa das Institut für angewandte Technologie) oder Stiftungen, weitere Einnahmen bringt der Tourismus (wie bei anderen Stadtutopien).
In den Gründungsjahren kam es durch das Engagement von Roger Anger, einem erfolgreichen französischem Architekten mit starkem Hang zu einem skulpturalen Modernismus, zur Ausarbeitung eines Masterplans. Daraus resultierte die Betrauung von Anupama Kundoo mit der Entwicklung der Verwaltungszone, des Town-Hall-Komplexes und einer Reihe von Verwaltungsgebäuden, einem angrenzenden Hotel, ebenso wie Wohngebäuden für die Beschäftigten. Dazu zählen auch ihre erste Wohn- und Arbeitsstätte, Hut petit ferme, und ihre aktuelle, das Wall House, das einen Schwerpunkt der Ausstellung bildet, da es ihr Konzept am deutlichsten umsetzt.
In Puducherry, einer nahe gelegenen Stadt, ist täglich ein schönes Ritual zu beobachten. Frauen zeichnen mit Reismehl geometrische Muster auf die Straße, die im Verlauf des Tages durch die Fußgänger:innen, Motorräder oder auch das Aufpicken der Vögel und der Ameisen wieder verschwinden. Es ist ein Opfer, genannt kolam, an Lakshimi, Glücksgöttin und Gattin von Vishnu, die mit Shiva und dessen Gattin Parvati die zwei Hauptgottheiten und ihre weiblichen Entsprechungen darstellen. Vishnu gilt als Bewahrer, Shiva als Zerstörer (Brahma ist der Schöpfergott).
Damit leuchtet für einen Moment jene alte Idee des Generösen trotz materieller Armut auf, die sich aus dem politischen Hinduismus heraus entwickelt hatte, um Inder:innen Identität zu vermitteln. Priester und Gelehrte der Brahmanen waren die geistigen Träger dieser Entwicklung. Kundoo schließt an diese Entwicklung eher impulsiv an und versucht sie auf ihre Architektur zu übertragen. Es geht um so etwas wie das Hervorbringen von Leben, das die funktionale Komponente der Architektur übersteigt.
Die Kuratorinnen und Herausgeberinnen des Katalogs merken zu Recht an, dass diese Lehre einer Fülle und Großzügigkeit in der kritischen, feministischen Analyse des Marxismus zur Care-Arbeit keinen Eingang gefunden hat. Dazu müsste man folgende Ergänzung liefern: Ein auf einer solchen Lehre basierendes Mindset setzt ein anderes Bewusstsein voraus, das stärker auf eine Betonung von Positivität als auf eine kämpferische Überwindung der Verhältnisse ausgerichtet sein müsste. Diese Traditionen, die der Gedankenwelt des hinduistischen Pantheons entstammen, lassen sich in die moderne, westliche Welt mit dem Kampf der Geschlechter kaum wirksam übertragen. Die westliche Subjektivität leidet darunter, sich wenig Fülle, aber viel Knappheit zu imaginieren und diese Bilder der Fülle werden höchstens als poetische Fragmente eines Atmosphärenmanagements verstanden.
Das vermindert nicht den Wert der Ausstellung als Blick auf das ›Andere‹ der Architektur. Auch ist die begleitende Lektüre des Katalogs zu empfehlen, weil sie eine Einführung in eine ethnographisch, und wohl auch spirituell geprägte Welt alternativer Architektur bietet, die durch ihre Aura beeindruckt.
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Reichtum statt Kapital. Anupama Kundoo
Kuratorinnen: Angelika Fitz, Elke Krasny
Architekturzentrum Wien
18.09.2025 bis 16.02.2026
Manfred Russo ist Kultursoziologe und Stadtforscher in Wien sowie Redakteur von dérive – Verein für Stadtforschung; seit 1990 Dozententätigkeit an der Universität Wien (Soziologie) und anderen, u.a. Prof. an Bauhaus Uni Weimar.