Lucas Pohl

Lucas Pohl ist Doktorand am Institut für Humangeographie der Goethe Universität Frankfurt am Main.


»Das Phänomen Stadt zerfällt, indem es sich entfaltet« — Henri Lefebvre

Foto: Scott Hocking
Foto: Scott Hocking

Das Vorwort zu einem Themenheft über Detroit zu schreiben gestaltet sich in etwa so schwer, wie die Gestaltung eines solchen Schwerpunktes. Schließlich wurde kaum eine Stadt innerhalb und außerhalb der Stadtforschung aus so vielen Gründen herangezogen, um urbane Phänomene in der Geschichte und Gegenwart zu erörtern, dass sich bei einer Zusammenstellung an Beiträgen über Detroit notwendig die Frage stellt, wie sich die einzelnen Texte zu einem großen Ganzen verknüpfen lassen. Als Hochburg der Automobilindustrie avancierte Detroit unter der Federführung von Henri Ford im 20. Jahrhundert zu einer der prosperierendsten und wohlhabendsten Städte der USA. Im Zuge der Krise des Fordismus und politischen Unruhen schrumpfte Detroit seit den 1950er Jahren schließlich sukzessive um über die Hälfte der Bevölkerung. Zeitweise verließ alle 48 Minuten eine Familie die Stadt, wie Joshua Akers in seinem überblicksartigen Abriss von Detroits Entwicklung für diesen Schwerpunkt festhält. Nachdem das Bild der Stadt für einige Zeit vor allem durch ausgestorbene Wohnviertel, leere Straßenzüge und verfallene Wolkenkratzer geprägt war, sorgte der Zuzug von jungen Kreativen für einen erneuten Imagewandel. Die Stadt erfindet sich neu und wird zu einem Anziehungspunkt des Do-It-Yourself-Urbanismus. Dieses Comeback bringt jedoch einige millionenschwere Investments und Spekulationsvorhaben mit sich. Ganze Viertel werden abgerissen, neugebaut und saniert, um Platz zu machen für ein neues Detroit, dessen Ausmaße sich zum jetzigen Zeitpunkt zwar noch nicht vorhersagen lassen, doch von Nora Mariella Küttel in ihrem Beitrag bereits passend mit der Frage Whose Detroit? infrage gestellt werden. Da ein Heft zu Detroit eventuell nahelegt, dass hier ein repräsentatives Bild von der Stadt gezeichnet werden würde, möchte ich eingangs dafür sensibilisieren, wie unmöglich es ist, ein solches Bild zu entwerfen. Längst sind die Zeiten vorbei, in denen Synonyme, wie Motor City oder Motown herhalten konnten, um Detroit hinlänglich zu bezeichnen und auch das Gerede von Detroit als sterbender Stadt hat ausgedient. Detroit Is No Dry Bones, um den Titel des neuen Buchs von Camilo José Vergara zu zitieren. Vergara, der in einem Interview mit Alexa Färber und Kerstin Niemann in dieser Ausgabe darüber reflektiert, wie er die Stadt seit über 25 Jahren dokumentarisch begleitet, gehörte zu den ersten Fotografen, die den Ruinen Detroits ihre Aufmerksamkeit schenkten. Doch auch wenn der Verfall immer noch omnipräsent das Stadtbild prägt und bis heute ganze Viertel verfallen und weggerissen werden, stehen gerade in der Innenstadt Detroits frisch sanierte Hochhäuser und Wohnbauten bereit, um Zugezogene willkommen zu heißen. Wo vor ein paar Jahren noch Wohnviertel waren, finden sich nun großzügige Grünflächen und zwischen Ateliers, Cafés und urbanen Gärten wirken Armut und Obdachlosigkeit, die vor einiger Zeit noch ausschlaggebend für die Debatten rund um Detroit waren, heute eher wie Randerscheinungen. Diesen zunehmend unsichtbar werdenden AkteurInnen der Stadt widmet sich Scott Hocking in seinem essayistischen Beitrag. Der Künstler baut seit Jahren Skulpturen an verlassenen Orten Detroits und gibt einen einzigartigen Einblick in seine nächtliche Arbeit in den Ruinen. Detroit ist die Stadt der Widersprüche. Vielleicht ist sie gerade deshalb in den letzten Jahren zu einem Spielfeld für die kritische Stadtforschung geworden. Während die Geisterstadt zu einem ikonischen Beweis für die Endlichkeit der kapitalistischen Stadtentwicklung wurde, liefern die großangelegten Gentrifizierungsprozesse und neoliberale Austeritätspolitik gegenwärtig vor allem das Material für kritische Reflexionen über aktuelle Trends der kapitalistischen Stadtentwicklung. Wo sich gestern noch wie nirgends sonst über die Postapokalypse fantasieren ließ, schreitet heute bereits mit aller Beharrlichkeit die Wiederherstellung des Status Quo voran – ein Gegensatz, dem ich mich in meinem Beitrag zu diesem Heft durch einen Blick auf die Wolkenkratzerarchitektur Detroits gewidmet habe. Über die Schwierigkeit, eine einheitliche Erzählung von der Stadt zu liefern, löst Detroit damit auf eindrucksvolle Weise ein, was Henri Lefebvre in seiner programmatischen Schrift La Révolution urbaine aus den 1970er Jahren als Ausgangspunkt für das künftige Denken der Stadtforschung in Aussicht stellte: die Annahme einer Unmöglichkeit von der Stadt als Ding sprechen zu können. Während Lefebvres These jedoch vor allem darauf zielte, die Stadt nicht mehr als lokal abgrenzbaren Gegenstand, sondern als global wirkmächtigen Urbanisierungsprozess zu verstehen, sensibilisiert Detroit für eine andere Tragweite dieser Unmöglichkeit. Die Stadt wird zum Unding, doch nicht, weil sie sich grenzenlos ausbreitet, sondern weil sie keine Einheit darstellt – weder heute noch zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in der Geschichte. Was uns Detroit lehrt, ist die inhärente Widersprüchlichkeit des Urbanen. In Detroit zerfallen mehr als die Gebäude, das Phänomen Stadt selbst zerfällt. Sobald man versucht die Stadt auf den Begriff zu bringen, entzieht sich ein Teil von ihr dieses Zugriffs. Von Detroit sprechen heißt demnach immer auch nicht von Detroit zu sprechen. Wie eine glibberige Masse lässt sich die Stadt nicht festhalten, sodass sie keine zusammenhängende Geschichte, sondern nur einen Flickenteppich an inkompatiblen Versatzstücken liefert. Anstelle eines übergeordneten Rahmens, geben die Texte zum Schwerpunkt Detroit einen Einblick in die unterschiedlichen und teils paradoxen Wirklichkeiten der Stadt, versammelt von ForscherInnen und KünstlerInnen aus Detroit und anderswo. Und weil kein Bild und kein Text repräsentativ dafürsteht, was Detroit im Kern ausmacht – weil jedes Narrativ vernachlässigt, ausblendet oder schlicht vergisst – lässt die Zusammenstellung von Texten, die dieses Themenheft vereint, auch keinen anderen Rahmen zu als den Namen der Stadt selbst.

Lucas Pohl ist Doktorand am Institut für Humangeographie der Goethe Universität Frankfurt am Main. Er promoviert zum Leerstand und Verfall von Wolkenkratzern und analysiert in diesem Zusammenhang, welche Konsequenzen von solchen Objekten in unterschiedlichen Städten ausgehen. Allgemeiner interessiert er sich für eine Vermittlung von Philosophie, Psychoanalyse und Stadtforschung mit Fokus auf den Arbeiten von Jacques Lacan, Henri Lefebvre, Alain Badiou und Slavoj Žižek.


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