Costance Weiser


Mit diesem weiteren Band zum Jahresprogramm des Postgraduate Kollegs der Stiftung Bauhaus Dessau reiht sich die Edition Bauhaus in die Reihe „dicker Bücher“ im Rahmen von internationalen Architektur-Ausbildungsstätten, wie sie Rem Koolhaas mit dem Harvard Design School Guide to Shopping begonnen hat. Zur Debatte steht die in Mode gekommene Verknüpfung von Event und Stadt im Zuge der Erlebnisorientierung unserer Freizeitgesellschaft. Welche Auswirkungen haben die Praktiken des Konsums und Vergnügens innerhalb der neu entstandenen künstlichen Erlebnisräume und inszenierten Urbanität auf Stadtkultur und Stadtgestaltung? Das Buch gliedert sich in vier Themenbereiche und versammelt sowohl Beiträge internationaler WissenschaftlerInnen aus den Bereichen Architektur, Soziologie, Kunst- und Kulturtheorie wie auch exemplarische Projekte der KollegteilnehmerInnen zur Stadt Frankfurt. Im Kapitel „Ortseffekte“ werden Städte und Stadtentwicklung unter dem Einfluß globaler Ökonomie betrachtet. Denn im Sinne lokaler Effekte globaler Entwicklungen ist der urbane Raum nach wie vor Austragungsort gesellschaftlicher Konflikte und sozialer Spannungen. Gerade in Metropolen als Zentren der Globalisierung und der zunehmenden Vernetzung durch Informations- und Telekommunikationstechnologien manifestieren sich die Auswirkungen dieser ökonomischen Prozesse, der Kapital- und Warentransfers, aber auch der großen Migrationsbewegungen. Bei den großen Städten zeigen sich die Veränderungen der Sozialstruktur besonders deutlich, wobei die Desintegrations- und Segregationsprozesse von der Vernachlässigung einzelner Stadtgebiete bis zur Ausgrenzung und „Zero Tolerance-Politik“ gegenüber Randgruppen und Obdachlosen reichen (von Neil Smith am Beispiel von New York beschrieben). Urbanität und öffentlicher Raum sind aber auch durch den Bevölkerungsrückgang alter Städte infolge von De-Industrialisierung, Suburbanisierung und der Abwanderung von Produktion und Konsumation aus den Stadtzentren in Frage gestellt. Als Gegenstrategie oder auch möglicher Lösungsansatz für all die Probleme, vor allem aber als attraktivitätssteigernde Maßnahme im gegenseitigen Wettbewerb um die Aufmerksamkeit internationaler InvestorInnen und TouristInnen greifen Städte vermehrt auf Selbstinszenierung über verkaufsträchtige Images zurück. In den Kapiteln „Ökonomie der Wünsche“ und „Orte aus Bildern“ wird diese Inszenierung der Urbanität durch Theming behandelt, also Raumgestaltung zum Zweck besserer kommerzieller Verwertbarkeit. Mit den Simulationsstrategien zeitlicher Verdichtung und räumlicher Raffung erfolgt die Verführung durch Entführung aus der Realität, wie es beispielsweise Las Vegas mit seinen urbanen Implantaten inmitten der völligen Kontextlosigkeit der Wüste perfekt beherrscht. Sämtliche kulturellen und ästhetischen Ressourcen werden mobilisiert, alte Strukturen revitalisiert, als Themeparks à la Disney neu interpretiert und als Standortqualitäten der Erlebnislandschaft Stadt vermarktet. Ganz im Sinne der Entertainment-Kultur, des Event Marketings und der Festivalisierung werden auch traditionelle Feste wiederbelebt, neue inszeniert und Freizeit-Shopping zum Erlebniskonsum mit dem Versprechen von Genuss, Spaß und der Möglichkeit zur Selbstverwirklichung aufgewertet. Scheinen die AutorInnen hier oft nur die positiven Aspekte der Entwicklung zu suchen und (wie Koolhaas in dem abgedruckten Interview) die Abhängigkeiten von der Ökonomie als Faktum hinzunehmen, so gibt es im Kapitel zur „Coolen Urbanität“ auch wieder kritischere Ansätze zu den Auswirkungen der Kommerzialisierung. Abgesehen von der Relativierung des Ortes durch die beliebige Austauschbarkeit der Szenarien und der Omnipräsenz globaler Marken folgen der Gentrifizierung meist die zunehmende Hierarchisierung des sozialen Raumes mitsamt den repressiven Verdrängungspraxen im halböffentlichen Raum der Shopping Malls und Freizeitzentren. Und wenn Staat und Wirtschaft zwar Kultur und Kreativität der Einzelnen als Motor für wirtschaftlichen Aufschwung (Branding) missbrauchen, gleichzeitig aber systemische Probleme durch den Abbau des sozialen Netzes individualisieren, ist das ein voller Sieg für den Neoliberalismus.


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