Daniela Hohenwallner


„Dieser Roman ist Fiktion. Sämtliche Begebenheiten sind frei erfunden. Etwaige Namensübereinstimmungen oder Ähnlichkeiten beschriebener Charaktere mit lebenden Personen sind zufällig.“

Wer in Wien lebt und Augen und Ohren ein bisschen offenhält, weiß zwar mit Sicherheit, dass dieser Satz eine glatte Lüge ist; allerdings wird Franz Kneissl nicht umhin gekommen sein, diese Sätze seinem Architektur-Roman Eine Ratte Namens Apfel voranzustellen. phonoTAKTIK99, Wettbewerbsausschreibungen zur U-Bahn-Station Burggasse Stadthalle, zur neuen Stadtbibliothek, zu den Musiktheatern in Linz und Graz, die Wolkenspange von Lugner, Kippenberger und sein Schlachthaus auf Syros und eine Politologin inmitten ihrer Umbauarbeiten mit einem „südosteuropäischen Hilfstrupp für Arbeiten, die hierzulande auf reguläre Weise nicht mehr leistbar sind“ beschäftigen Kneissl in seinem Roman.
All diesen Themen übergeordnet und sie ständig begleitend: Moba. „Moba ist im übrigen die Abkürzung von management, organisation, bürokratie und administration.“ Das wird dem Leser und der Leserin übrigens auch erst relativ spät bewusst. Zu Beginn des Buches neigt man auch als Nicht-Architektin zum amüsierten Lesen, da man Räume (z. B. das rhiz) und Probleme (vor allem die des Eintragens in elektronische Gästelisten bei elektronischen Musikveranstaltungen – sozusagen eine Hypermoba, wenn auch M und O nur rudimentär vorhanden sind) wiedererkennt und sich gleich ein wenig zu Hause fühlt.
Nach diesem eher anheimelnden Gefühl stellt sich alsbald ein bisschen Frust über ein scheinbar unzusammenhängendes Aneinanderreihen von Erläuterungen zu Architekturwettbewerben, seitenlangen Schilderungen von Wettbewerbsvorschriften und die Mühsal einer Wohnungsrenovierung ein. Mehr und mehr erkennt man allerdings Struktur und System im Aufbau und in der Ausführung dieses Romans. Geschichten kehren wieder, werden fortgesetzt und beginnen sich zu Erzählsträngen zu entwickeln. In Bezug auf den Architekturwettbewerb zum Musiktheater in Linz wird das in etwa so ausgeführt: Zunächst Wettbewerbsausschreibung, dann öffentliche Diskussion über den Sinn eines solchen Musiktheaters und schließlich (man hat die Plakataktion der FPÖ in Linz noch keinesfalls vergessen) eine Volksbefragung, initiiert von der FPÖ. Ausgang: 50,05% Beteiligung; 40,31 % stimmten mit JA und 59,69 % mit NEIN. Fazit: Das Musiktheater in Linz wird nicht gebaut.
Bezüglich phonoTAKTIK99 bedeutet das einen E-Mail-Austausch mit Peter Rantasa über die Sinnhaftigkeit einer Veranstaltungsanmeldung, die über in Szene-Lokalen erhältliche Codes funktioniert, und über die Diskriminierung von NichtinsiderInnen. Zu guter Letzt werden zwei Konzerte vom Protagonisten besucht.
Was sich hier relativ banal liest, wird bei immer fortschreitender Lektüre spannend, denn man wartet, wie sich die einzelnen Geschichten, die immer wieder von Betrachtungen über Vogelwaschmaschinen, Kondome, die Wohnung der Zukunft usw. durchzogen werden, entwickeln werden. Natürlich könnte man die eine oder andere Passage weglassen, weil sie ein wenig wie Und-das-weiß-ich-auch-noch wirken (zum Beispiel der kurze Exkurs über die Probleme des Detroiter Labels Underground Resistance mit Sony auf den letzten Seiten). Fazit: Keine uneingeschränkte, aber doch eine Empfehlung.


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