Followers
Kunstinsert von Wolfgang LehrnerDas Insert dieser Ausgabe basiert auf einer Videotrilogie, die der Künstler Wolfgang Lehrner 2022 in Mexico City realisiert hat. In zwei Bezirken sowie auf dem unmittelbar an Mexico City angrenzenden Cerro de Tenayuca verfolgt der Künstler Menschen mit der Kamera. In den ersten beiden Videos lässt er sich einerseits von der Durchgängigkeit der Straßennamen und anderseits in einem weiteren Bezirk von der Konsequenz der Namensgebung berühmter Philoso- phen und Dichter leiten. Im dritten Video folgt er nur einer einzigen Person auf den Cerro de Tenayuca folgt. Während die Straßen im Viertel Nápoles im Stadtteil Benito Juárez nach Städten benannt sind, sind es in Polanco große Persönlichkeiten, die ihnen ihre Namen geben. An sich wäre dies noch nicht außergewöhnlich, wäre die Benennung der Straßen in den Vierteln nicht jeweils ausnahmslos nach diesen Kriterien organisiert: hier Städtenamen, dort Persönlichkeiten. Hinzu kommt das orthogonale Grundraster, das die Straßen auf dem auch im Insert gezeigten Plan zunächst austauschbar erscheinen lässt. Diese formale Ordnung bildet die stringente Grundstruktur, der der Künstler folgt. Bei genauerer Betrachtung entfalten sich jedoch zwei parallel verlaufende Erzählstränge, die konsequent durch die Videos führen. Einerseits folgt man den Personen, andererseits den sich ebenfalls verändernden Stadträumen.
Lorena Moreno Vera, deren sehr schönes Essay zu diesem Projekt auf Wolfgang Lehrners Website zu finden ist, fokussiert vor allem auf die unbekannten und dadurch geheimnisvollen Personen, die bisweilen die strenge Syntax der Erzählung durchbrechen. Tatsächlich gibt es dabei wunderbare Momente, etwa das unerwartete Trompetenspiel eines ›Verfolgten‹ in San Francisco. Überhaupt vermittelt der Originalton der Kamera immer wieder eindrückliche mexikanische Impressionen.
Natürlich interessiert uns von dérive nicht minder die Ebene der wechselnden Stadträume. In Polanco wird man durch einen Bezirk des gehobenen Mittelstandes geführt, dessen Vierteln sich zwar in ihrem Aussehen unterscheiden, zugleich aber eine eigentümliche Monotonie und psychogeografische Abweisung vermitteln. Die Kamera dringt hier nie in den Innen- raum eines Gebäudes vor. Anders in Juárez und Nápoles, wo abwechslungsreiche Stadträume und Momente innerstädtischen Lebens nur kurz, aber prägnant sichtbar werden. So wird etwa ein älterer Mann in ›Marsalla‹ gezeigt, wo sich schließlich auch »frontale Blicke« auftun.
In Ausstellungen werden Wolfgang Lehrners Videoarbeiten wie Followers parallel auf mehreren Monitoren gezeigt. Die hier vorgestellte Trilogie Followers kann als signifikant für seine Arbeitsweise betrachtet werden.
Lehrners Arbeit führt ihn immer wieder in neue Städte, in denen er beharrlich seine Themen weiterverfolgt. So erstreckt sich die Arbeit The City as a Climate Machine über drei Städte: Sarajevo, Belgrad und Tirana. Die Arbeit war 2025 im Rahmen von Imagine Climate Dignity im Wiener Künstlerhaus zu sehen. Auf sechs Videoscreens werden Klimageräte bei ihrer Arbeit in den drei Städten gezeigt. Was zunächst wie eine Kritik erscheint, entwickelt im weiteren Verlauf eine subtile Ästhetik durch die Kontextualisierung des konkreten Ortes und seiner Geräusche.
Paul Rajakovics
Wolfgang Lehrner lebt und arbeitet in Wien. Der im Grenzland des Burgenlandes aufgewachsene Künstler beschäftigte sich bereits früh mit der Differenz und dem Austausch zwischen Kulturen. Dieses bis heute andauernde Interesse führt ihn an die Orte seiner künstlerischen Recherche. Er studierte transmediale Kunst bei Brigitte Kowanz an der Universität für angewandte Kunst Wien. Derzeit arbeitet Lehrner an einem Projekt über die Vereinten Nationen und ihre weltweiten Standorte. Vom 19.11.2026 bis zum 23.05.2027 ist eine Arbeit Lehrners im Rahmen der Ausstellung Air Conditioned – Architektur zwischen Behaglichkeit und Klimawandel im Architekturmuseum der TUM in der Pinakothek der Moderne in München zu sehen (www.architekturmuseum.de/ausstellungen/air-conditioned).
Paul Rajakovics ist Urbanist, lebt und arbeitet in Wien. Er ist seit 2001 Redaktionsmitglied von dérive – Zeitschrift für Stadtforschung und hatte von 2023—2024 die Verwaltungsprofessur für Transformationsdesign an der HBK Braunschweig inne.
Wolfgang Lehrner lebt und arbeitet in Wien. Der im Grenzland des Burgenlandes aufgewachsene Künstler beschäftigte sich bereits früh mit der Differenz und dem Austausch zwischen Kulturen. Dieses bis heute andauernde Interesse führt ihn an die Orte seiner künstleri- schen Recherche. Er studierte transmediale Kunst bei Brigitte Kowanz an der Universität für angewandte Kunst Wien.