Paul Rajakovics

Paul Rajakovics ist Urbanist, lebt und arbeitet in Wien.


Gerade noch rechtzeitig zum Erscheinen von „Produkt Wohnen“ ist Kursiv Nr. 9-3/4/02 zum Thema Idylle herausgekommen. Und wieder überrascht die Kunstzeitschrift, diesmal in dunkelrosé-farbenem Cover (Andrea van der Straeten), wie locker und doch auch präzise man sich an dieses umfangreiche Thema heranmachen kann. Gleich zu Beginn führt uns Slavoj Zizek in seinem Beitrag „Bill Gates oder die schöne Welt des Kulturkapitalismus“ in das Zeitalter des „postindustriellen“ Kapitalismus, wo es zu einer vermeintlichen Verschiebung von Gebrauchs- und Tauschwert (K.Marx) kommt: „Im ‘Kulturkapitalismus’ kehrt sich das Verhältnis zwischen einem Ding und seinem Symbolwert oder Image um: das Image repräsentiert nicht länger das Produkt, sondern das Produkt repräsentiert das Image.“ Diese Umkehrung eröffnet die Felder, die das Mutmaßen von Idyllen jenseits klassischer Klischees erst ermöglicht, wobei Zizek selbst das „obszöne Über-Ich“ von Bill Gates in eine Relation mit der Ideologie eines „reibungslosen Kapitalismus“ stellt und ihn letztendlich als Produkt dessen bzw. als dessen destruktives Potential entlarvt.
Insgesamt sind es 17 Beiträge, wovon 12 dem besagten Themenkomplex gewidmet sind. Folgt man den Aufsätzen der beiden Herausgeberinnen (Jeanette Pacher und Mechtild Widrich), so widmet sich zuerst einmal Mechtild Widrich den naheliegendsten Bildern der Idylle und ihrer Bestätigung im Repräsentativen (u. a. Biedermeier, Mutterleib, Familienbild der Nazis), nicht ohne sie am Ende wieder im Mikrokosmos der „Lounger“ und DJ-Welten der 90er zu orten. Jeanette Pacher hingegen gibt in „Idylle now“ ein lexikalisches Crossover über Cluburlaube, Desksharing, Cocooning, Disneyfication, Easy Listening, Wellness-Fertiggerichte, Gated Communities, Ikea, Mall und Themenparks, Neighbourhood Watch und Quäker, Super 8, Revival und Retrowelten bis zum weiten Feld der Political Correctness. Hier überall kann man sie finden: die Idylle. Gemeinsam stecken sie in ihrem Editorial jedoch ein sehr klares Bild dieses Themenkomplexes ab, in dem sie neben den Verhältnissen der einzelnen Beiträge zueinander auch definieren, wofür „Idylle“ steht: „Im Gegensatz zur Harmonie verharrt die Idylle in einem harmonischen Stillstand, ihr implizit ist auch ein starker Hang zur Wissensfeindlichkeit, da sie den Konflikt mit dem Außen scheut und affirmativ in sich ruht. Einmal erreicht, will dieser Zustand nicht mehr aufgegeben werden, weshalb sie auch komplementär zum klassischen Fortschrittsstreben der Moderne begriffen werden kann.“ So versucht Theo Steiner in „Even your own mother and father“ an der Fragestellung der Manipulation der Gene ein tradiertes Familienidyll zu entlarven, welches letztlich nur durch die Korrektur des Glücks als „prästabilierte Harmonie“ seinen Symbolwert aufrechterhalten kann. Über die Differenz zweier unterschiedlicher Versionen des „Readymadebegriffes“ der modernen Ikone Marcel Duchamp wird das Gegenmodell über das rectified „Readymade“ entwickelt, welches dem Subjekt seine eigene Veränderbarkeit zugesteht, bevor es an dessen Biographie (als Vaterfigur) wieder implodiert.
Wenn man dieses Heft im Zusammenhang mit „Produkt Wohnen“ betrachtet, so würde man vielleicht bei Ruth Hanisch beginnen. Sie spannt einen Bogen zwischen Goethes Gartenhaus bis zu den Architekturen von Gated Communities bzw. nostalgischem New Urbanism, um letztendlich konkret an Seaside von Duany/Plater-Zyberk das „Idyll“ über den „amerikanischen“ Pensionistentraum zu analysieren. Danach stellt sie „Swamp Garden“ von West 8 als quasi hyperidyllisches „Architektur-Natur-Objekt“ dem gegenüber. Immer wieder stellt sich also die Frage, wo wir (Intellektuelle) das Idyll anprangern bzw. wo wir ihm selbst auf den Leim gehen. Über die gut gewählten Künstlerseiten von Barbara Holub (unexpected visions) und Andrew Phelps (Natur Deluxe) führt das Heft zu den „Assoziationsfeldern“, wo u.a. Petra Rathmanner über den „Müden Sonntag“ sinniert, Wolfgang Kos die Idylle im Gegenraum von Ratte und Punk ortet, oder eine antiquiert anmutende Betrachtung von Brandon Taylor zum Grau bei Gerhard Richter uns zu den Kernbereichen dieser Kunstzeitschrift zurückführt: einer spannenderen Betrachtung der Manifesta 4 in Frankfurt von Antje Krause und ein Bericht von Kurt Kladler zur Dokumenta 11 in Kassel. Eine literarische Betrachtung Japans von Leopold Federmair schließt dann das Heft.
Prinzipiell gibt es zwei Lesarten für dieses Kursiv: Eine, die chronologisch das Idyll diskursiv seziert und eine, die das Idyll des Durchblätterns und Genießens pflegt. – So kochen wir uns doch einen Tee an einem dieser düsteren Winternachmittage und setzen uns ans Fenster und blättern in diesem von Gottfried Hattinger wieder wunderbar gestalteten Heft ...

Jeanette Pacher, Mechtild Widrich (Hg.)
kursiv 9-3/4/02: Idylle (1)
In veilchensüßen Träumen
Linz 2002
144 S., dt./engl., EUR 9,45


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