Ernst Gruber

Ernst Gruber ist Architekt, Vermittler und Stadtforscher.


»Ihr Selbstverwirklichungsprojekte betuchter AkademikerInnen!« Von den einen geliebt, von den anderen geschmäht. Seit es Baugruppen zu einer Akteurin in Großstädten geschafft haben, werden sie kritisiert. Und das ist gut so, denn so kann sich das Modell weiterentwickeln. Einen guten Beitrag zur aktuellen Debatte um die Legitimität von Baugemeinschaften liefert das Buch CoHousing Inclusive und setzt damit gleich im Titel die programmatische Neuausrichtung für gemeinschaftliche Wohnprojekte fest. Betrachtet werden sie aus der Perspektive ihrer Leistungsfähigkeit hinsichtlich der Inklusion, also des Prozesses, der Zugehörigkeit und das Einbezogensein in die Gesellschaft ermöglicht.
Herausgegeben wurde das Buch von Michael LaFond und Larisa Tsvetkova vom Institut id22, das seit über 15 Jahren die jährlichen Experiment Days in Berlin veranstaltet. Ihren Überblick über Co-Housing und Co-Living-Projekte merkt man dem Buch an. Den Einstieg in die Projekttexte erleichtert die sehr konsequente und zugängliche Gestaltung des Buches mit aufschlussreichen Aufschlüsselungen des Verhältnisses von Wohn- zu Gewerbe- und Gemeinschaftsflächen. Letztere liegen im Schnitt bei etwa 12 %, deutlich unter dem, was beispielsweise durch Wohnheime in Wien möglich ist.
Den inhaltlichen Kern bildet eine Sammlung von realisierten und noch nicht realisierten visionären Projektbeispielen, hauptsächlich aus Deutschland, aber auch mit zwei Beispielen aus Wien (Que[e]rbau und VinziRast-Mittendrin) sowie dem derzeit unvermeidlichen mehr als wohnen! aus Zürich. Der Fokus auf den Prozess der Inklusion ermöglicht das Entdecken neuer Facetten an auch bereits breit publizierten Projekten. So erfährt man, dass bei mehr als wohnen! in zwei Jahren mehr als 30 Quartiersgruppen aus einer Bewohnerschaft aktiv geworden sind, die mehrheitlich keinen Hintergrund in alternativen Wohnprojekten hat. Möglich wurde dies auch durch eine finanzielle Unterstützung der Genossenschaft. Eine ebenso wichtige Rolle spielt die Art der Wohnungsvergabe. Kriterien wie der Bezug zum Quartier oder die Bereitschaft, auf ein Auto zu verzichten, spielen eine wichtige Rolle. Ansätze also, die in Wien sowohl seitens der Politik als auch von BürgerInnen kritisiert werden.
Andere Projekte geben eine Durchmischung nach einem bestimmten Schlüssel vor, der Alter, Herkunft oder Behinderung der BewohnerInnen berücksichtigt und auch bei der Neubelegung ausschlaggebend ist. Projekte wie das Refugio in Berlin gehen so weit, überhaupt nur kurzfristige Mietverträge anzubieten, um ein Sharehouse einer multikulturellen Hausgemeinschaft als Willkommensort umzusetzen. Der Anteil von Menschen mit und ohne Fluchterfahrung hält sich hier die Waage. Mehr als über öffentliche Fördermittel tragen sich die meisten der vorgestellten Projekte selbst, nutzen aber günstige Grundstückskonditionen und ermöglichen Wohnkostentransfers über interne solidarische Finanzierungen.
Der Ausblick der »visionären Strategien« zeigt, dass die Projekte nicht nur größer als noch vor einigen Jahren werden und sich immer mehr auch auf kleine Nachbarschaften beziehen, sie versuchen zusätzlich, sich projektübergreifend besser zu organisieren und zu strukturieren. Das Mietshäusersyndikat International oder der Sprung des Community Land Trusts über den Ärmelkanal nach Brüssel sind bemerkenswerte Grenzüberschreitungen. Das Modell der Community Land Trusts in England schafft und sichert in hoher Zahl leistbaren Wohnraum (siehe dazu Engelsman et al in dérive 64). Allein 2016 wurde so fast die Hälfte der benötigten Viertelmillion an englischen Sozialwohnungen geschaffen. In zentralen Lagen in London bis zu ehemaligen Abbruchvierteln wie in den Liverpooler Granby4Streets lassen sich so kleinteilige Erneuerungen schrittweise umsetzen, die sich auch mit gewerblichen Nutzungen kombinieren lassen.


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