Latvian Pavilion, Landscape of Defense, Meitenes; Foto — Elīna Kursīte
Intelligenz ist nicht alles
Besprechung der Biennale Architettura 2025Die Architektur-Biennale in Venedig ist bekanntlich die größte und bedeutendste internationale Ausstellung zu Themen, Entwicklungen und Fragen der Architektur. An die 300.000 Besucher:innen zählt die Schau alle zwei Jahre. Dementsprechend groß ist die Aufmerksamkeit, die sie erfährt. Ab dem ersten Tag wird vom Fachpublikum darüber diskutiert, welchen Beitrag sie zum Diskurs leistet, welche Fragen sie stellt und welche Antworten sie gibt, ob es ihr gelingt, Weichen neu zu stellen. Chef-Kurator der Biennale ist diesmal Carlo Ratti. Er lehrt am Senseable City Lab des MIT und ist Professor für Urban Studies am Politecnico di Milano. Der zentrale Begriff seines Programms ist ›Intelligenz‹, den er sehr breit und vielfältig verstanden wissen will. Mit »natural, artificial, collective intelligence« soll es gelingen, Wege zur Lösung von aktuellen und künftigen Problemen wie etwa der Erderwärmung aufzuzeigen. Ausgangspunkt dafür sind vier Prinzipien bzw. Methoden: Transdisziplinarität, ein Living-Lab-Approach, ein Raum für Ideen und ein »circularity protocol«, das Ziele für Nachhaltigkeit festlegen soll. Klingt eigentlich so, als würde sich jemand den drängenden Fragen der Zeit stellen. Dabei tut sich jedoch ein Problem auf. Denn weitgehend ausgeblendet wird der Umstand, dass all die Probleme, für die Lösungsansätze vorgeschlagen werden, auch ihre Ursachen haben und für die interessiert sich die Ausstellung herzlich wenig.
Wenn es doch so etwas wie ›Ursachenforschung‹ gibt, zeichnet sich diese nicht durch eine kritische Analyse aus, sondern sieht die westliche Philosophie und das westliche Denken per se oder den Menschen an sich als Ursache aller Probleme. Gleichzeitig wird ›Natur‹ dogmatisch überhöht und als Vorbild und Orientierungspunkt für alles gesehen. Da und dort finden sich auch biologistische Ansätze. Der ›artificial intelligence‹ wird breiter Raum eingeräumt. Wie schon beim Smart-City-Hype vor etlichen Jahren stehen dabei allzu oft die technischen Möglichkeiten und nicht die tatsächlichen Probleme im Vordergrund. Bei aller Kritik muss betont werden, dass es bei einer Fülle von knapp 300 Projekten von 750 Teilnehmer:innen unmöglich ist, sich jedes einzelne genauer anzusehen, will oder kann man nicht mehrere Tage in der Ausstellung verbringen. Es ist also durchaus möglich, dass man das eine oder andere Projekt übersieht, das sich von den vielen anderen durch eine kritische Analyse abhebt.
Neben der zentralen Ausstellung, für die Carlo Ratti verantwortlich zeichnet, gibt es weitere 65 Ausstellungen in nationalen Pavillons, die diesmal ebenfalls wenig vielfältig sind. Unbestritten, die Auseinandersetzung mit der Klimakrise und damit zusammenhängenden Themen wie Ressourcenschonung und Bestand ist dringlich und wichtig, aber allzu oft erfährt man nicht viel mehr als jede:r durchschnittliche Medienkonsument:in ohnehin weiß. So freut man sich, wenn in dem einen oder anderen Pavillon andere Themen eine Rolle spielen. Dem US-amerikanischen Pavillon kann man natürlich Eskapismus vorwerfen, wenn er sich in Zeiten wie diesen der ›Porch‹ als Thema annimmt, trotzdem ist sie ein interessanter architektonischer Raum zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, der viel Potenzial und eine interessante Geschichte hat.
Interessant und gut gelungen sind die Pavillons von Finnland und Dänemark, die beide ihre Sanierung thematisieren. Im finnischen Pavillon stehen die dafür arbeitenden Menschen im Zentrum, im dänischen die unterschiedlichen Materialien. Der vielfach gelobte serbische Pavillon ist tatsächlich sehenswert, gelingt ihm doch eine künstlerische Vermittlung des Themas Ressourcen/Kreislaufwirtschaft, die eindeutig nachhaltigeren Eindruck hinterlässt als irgendwelche Tabellen und Zahlen, die man schnell vergisst oder ohnehin schon kennt. Hervorzuheben ist auch der lettische Pavillon, der seinen Fokus auf die Militarisierung von Lettlands Grenze zu Russland legt. Seit der Invasion der Ukraine hat sich das Leben für die in der 30 km breiten, militarisierten Zone der NATO-Außengrenze lebenden Lett:innen schlagartig verändert: Landscape of Defense.
Dass der israelische Pavillon, gegen dessen Teilnahme letztes Jahr bei der Kunst-Biennale heftig protestiert und eifrig Unterschriften gesammelt wurden, dieses Jahr – angeblich wegen Umbau – geschlossen ist, ist auf der Biennale kein Thema. Gegen das erstmals mit einem eigenen, neu errichteten Pavillon teilnehmende, die Hamas-Führung beherbergende Katar protestiert niemand.
Thematisch eine große Ausnahme ist auch der österreichische Pavillon, der sich als einziger der Wohnungsfrage widmet, was es zu würdigen gilt. Die Kurator:innen haben sich dafür entschieden, zwei Modelle der Wohnraumversorgung bzw. -beschaffung zu präsentieren, die sie idealtypisch mit den Städten Wien und Rom verknüpfen. Wien steht mit dem Gemeindebau und dem gemeinnützigen Wohnungsbau selbstredend für das Top-down-Modell, Rom für den selbstorganisierten, oft informellen Bottom-up-Ansatz. Wobei betont werden muss, dass in Rom aktuell zwar rund 10.000 Menschen in besetzten Häusern wohnen (in Wien hat es in den letzten Jahrzehnten wohl kaum einmal mehr als ein paar Dutzend gegeben), was allerdings – ohne die Zahl kleinreden zu wollen – bloß 0,36 Prozent der Bevölkerung sind. In Wien leben rund 60 Prozent der Bevölkerung in einer kommunalen oder einer von der Stadt geförderten Wohnung; in Rom wahrscheinlich ein ähnlicher Anteil in Eigentumswohnungen. Dass die Trennung zwischen den den beiden Städten zugeordneten Modellen nicht so exakt ist, wie es die räumliche Aufteilung suggeriert, zeigt, dass im Wien-Teil auch die Siedlerbewegung (am Rande) und aktuelle, selbstorganisierte Hausprojekte (relativ breit) ihren Platz finden. Die aktuelle italienische Regierung hat übrigens zuletzt ein sogenanntes Sicherheitsgesetz verabschiedet, das Hausbesetzer:innen künftig mit bis zu sieben Jahren Gefängnis bestraft. Die Räumung von besetzten Häusern wird mit demselben Gesetz erleichtert. Es steht zu befürchten, dass die Möglichkeit, sich ungenutzte Räume anzueignen, unter Druck gerät, sobald das Gesetz, gegen das in Rom derzeit große Demonstrationen stattfinden, tatsächlich beschlossen wird. Gut, dass sich etliche Gruppen in Italien mit dem Modell des Mietshäuser Syndikats beschäftigen.
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Biennale Architettura 2025
Intelligens. Natural. Artificial. Collective
10. Mai bis 23. November 2025
www.labiennale.org/en/architecture/2025
Christoph Laimer ist Chefredakteur von dérive.