Blick auf das Sonnenblumenhaus, Rostock Lichtenhagen 1979; Foto — Detlev Seemann
Kindheitsmuster. Erinnerungen an Rostocks Ostmoderne mit postmodernen Methoden
Besprechung von »Utopie Auf Platte – Archivdialoge #1« von Wenke SeemannWas bedeutet eine von der AfD doppelzüngig beschworene ›DDR 2.0‹ als nebulöse Selbstversicherung über 35 Jahre nach Auslöschung der Ost-Republik? Und kann ich mich selbst denn nach so langer Zeit noch gesichert an ›meine‹ BRD 1.0 erinnern? Wie also überlagern sich fragmentarische Erinnerungen mit diversen Fremd-Erzählungen zu einem letztlich zäh eingebackenen Halb-Wissen?
Die Künstlerin und Sozialwissenschaftlerin Wenke Seemann hat ein aufregendes Rekonstruktions-Buch zur Utopie Auf Platte veröffentlich. Zwischen 1962 und 1984 wurden entlang der S-Bahn-Trasse von Rostock nach Warnemünde fünf Neubaugebiete mit über 40.000 Wohnungen für mehr als 100.000 Menschen gebaut. Wie ihr aus dem benachbarten Lütten Klein stammender Soziologie-Kollege Steffen Mau (Lütten Klein – Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft, Berlin, 2019) ist sie selbst in Lichtenhagen und Groß Klein aufgewachsen und war beim Mauerfall elf Jahre alt. »Am Anfang standen die Straßenzüge wortwörtlich in Schlamm und Dreck. Der ganze Stadtteil blieb eine große Baustelle, bis nach und nach die Straßen asphaltiert, die Gehwege gepflastert und die Parkplätze angelegt worden waren. Spielplätze hatten da erst mal keine Priorität. (…) Die sich wandelnden Baustellen waren unsere Abenteuerspielplätze. In den Schlammpfützen haben wir Dämme gebaut und Kaulquappen gefangen.« In TV-Deutschland vermischte sich damals der ›Weltzugang‹ des Kindes, wenn ›Pitti, Schnattchen und Moppi‹ auf Rudi Carrell oder das verstörende Tatort-Intro trafen. Auch die gesamtdeutschen Exzesse gegen Geflüchtete und Vertragsarbeitende verfolgte die Pubertierende vom Fernseher aus.
»Obwohl Lichtenhagen ein zentraler Ort meiner Familiengeschichte ist, ist mein Verhältnis zu diesem Stadtteil immer ambivalent geblieben. Vielleicht, weil (…) das Pogrom 1992 für mich stellvertretend all die Gründe verkörpert, aus denen ich nach dem Abitur nur noch wegwollte aus dem Rostocker Nordwesten.« Hierbei überlagern sich Gefühls- und Erfahrungswelten: »Die soziale Entmischung und mediale Ghettoisierung der Viertel, die Präsenz von weißen Schnürsenkeln, Lonsdale-Shirts und Bomberjacken, das beständige Gefühl, auf der Hut sein zu müssen.« Früher wurden hier die begehrten Shanty-Jeans im größten textilverarbeitenden Betrieb im Norden produziert, doch dann hatte Groß Klein die höchste »Grundsicherungsbezugsquote« von ganz Rostock, und in den »Plattenbauvierteln« wurde es leerer. Inzwischen ist das Elternhaus wieder voll vermietet, zudem »nun bunter, diverser, und gemischter«.
Die präzise Erkundung der »Kindheitsmuster«, mit der Christa Wolf das offizielle Geschichtsbild der DDR von der Unschuld der Bevölkerung brach, gelingt ihr nicht zuletzt dank familiärer Dokumente. Im Nachlass ihres Vaters, der als Werbefotograf beim VEB Schiffscommerz gearbeitet und seinen Traum von der Seefahrt in tausende Fotografien »auslaufender Schiffe verbannt hat«, findet Wenke Seemann zehn Umzugskartons mit Abzügen und akkurat gestempelten Negativ-Tüten. Sie sichtet die Entstehung der Neubaugebiete im Rostocker Nordwesten in den 1970er und 1980er Jahren, was sie »auf merkwürdige Weise berührt« hat. »In diesen Bildern habe ich zum ersten Mal etwas gesehen, das ich zuvor nie mit ostdeutschen Plattenbausiedlungen in Verbindung gebracht hatte: einen Geist von Aufbruch und Erneuerung, ein Versprechen der Moderne an die Generation meiner Eltern.«.
Sieben eigenständige Serien aus Texten, Fotomontagen, Zeichnungen, Collagen, Objekten und einer Videoarbeit, welche 2022 im Schauarchiv der ostmodernen Kunsthalle Rostock in einer opulenten Ausstellung gezeigt wurden, verschränken sich als multimediale Rauminstallationen. Innen- und Außenwelt greifen dank der Grafikerin Sarah Thußbas nun auch im Buch ineinander. »Inmitten der typischen DDR-Designcamouflage floraler Muster und Farbausbrüche«, so die Kunsthistorikerin Franziska Schmidt im Katalog, sollten die blumigen Standardtapeten die Unebenheit des Betons optisch verdecken, wurden aber nach und nach durch die begehrte Raufasertapete eingetauscht.
»Die Wende hat die Allende-Klinik nicht überlebt, weder als Prinzip der ambulanten Gesundheitsversorgung noch als Gebäude in Lütten Klein«, schreibt Seemann. Die Schlafstätten der Arbeitenden wurden zu Wohnfallen der Arbeitslosen, und das Versprechen internationaler Solidarität wie auch die damit verbundenen Erinnerungen im rassistischen Ressentiment ausgelöscht: »Es war die Zeit, als das Wort Neubau durch Platte ersetzt wurde«, schreibt Buchautorin Annett Gröschner.
Seemanns montierte Langzeitbeobachtung auf Basis des väterlichen Archivs erinnert an das Projekt Ein Dorf (taz.de/Fotografien-aus-der-DDR/!6002302), bei dem die Fotografin Ute Mahler die Aufnahmen ihres Vaters Ludwig Schirmer zum künstlerisch-zeitgeschichtlichen Material gerinnen lässt: Die Erinnerungen an die Muster der Kindheit sind verblasst, nicht jedoch die Negative aus dem Nachlass. Hier wie dort wurden Amateur-Fotografien in eine Ordnung gebracht, um sie mit den eigenen Bildern und Erinnerungen zusammenzuführen. Denn »in der Ferne ist mir mein Viertel fremd geworden, ich habe begonnen, es mit den Augen der anderen zu sehen«. Allerdings findet hier keine falsche Versöhnung mit Vergangenheit und Gegenwart im Norden Rostocks statt, hält Buch und Ausstellung die familiäre Welt in der spezifischen Durcharbeitung weiterhin auf Distanz.
Was erwecken die fotografischen Dokumente neu? Seemann nutzt die Dekonstruktion als postmoderne Methode und greift tiefer als Ein Dorf ins familiäre Archivmaterial ein, überlagert es mit Tapetenmustern, Grundrissen, altargefalteten Zeitpanoramen und Erinnerungstexten. Sie schaut auf die städtebaulichen Differenzierungen durch ringförmige Anlage der Wohnblöcke, Wandornamentik oder Farbgestaltung und verschafft sich mit Mitteln der grafischen Künste, der Architekturskizze, des Archivs und der Stadtsoziologie Klarheit, um der versprochenen wie gebrochenen Utopie der (Ost)Moderne nachzuspüren: »Im Zerlegen und erneuten Arrangieren von Bildern und Flächen, im Visualisieren von Mustern und Strukturen, im reflektierenden Schreiben werden die visionäre Idee der Platte als ursprünglich utopisches Modell und der damit einhergehende Wandel erneut sichtbar und auf ungewöhnliche Weise erfahrbar gemacht«, kennzeichnet Franziska Schmidt treffend Seemanns Vorgehen. »Stadtpläne und Geländekarten werden mit Bildausschnitten und farbigen Folien überlagert, in denen eine futuristische Vision von Stadt und eine ästhetische Entsprechung zur modernistischen Idee der industriellen Bauweise zum Ausdruck kommen.«.
Seemanns berührend nicht-identitärer Ansatz einer Lektüre familiärer Aufnahmen, die ihr erst posthum und im massiv bearbeiteten Material wieder näher rücken, folgt dem Versprechen der Moderne: Es soll besser werden. »Meine Eltern leben in den eineinhalb Dachzimmern im Haus meiner Großeltern. Sie heizen mit Kohle und waschen im Winter die Wäsche mit der Hand. (...) Der Wasseranschluss ist aus Angst vor Frostschäden abgestellt.« Auch im Westen galt die Altbauwohnungen als marode und die Neubausiedlungen am Rand der Stadt mit nahem Grün waren anfangs beliebt. Andererseits war die Nivellierung der Klassenunterschiede in der DDR weiter fortgeschritten – durch Abwanderung der alten ›Bonzen‹, durch Mangel und normierende Einheitsplanung, sodass der Fernseher in jeder Wohnung an exakt der gleichen Stelle stand. Und so überrascht Detlef Seemanns Aufnahme eines kleinen TV-Monitors, der abseits auf einem Schränkchen steht. Warum wurden die ostdeutschen Neubaugebiete mit ihrem Versprechen nach Gleichheit, Versorgung und Weitblick nach der Wende so massiv abgewertet, und warum hat die Künstlerin/Soziologin selbst hierzu Distanz gesucht? »Särge passten kaum durch die schmalen Treppenhäuser. Aber Tod und Einsamkeit waren immer dabei (...) Auch waren Suizide nicht selten«, erinnert Annett Gröschner im Katalog an das wahre Elend. Eigentlich hat der Vater fast alles aus der Distanz geschossen, vom Balkon als Hochsitz. Auf dem abgedruckten Foto schaut die kleine Wenke noch mühsam über die Brüstung auf eine schlammige Baustelle. Vierzig Jahre später steht sie auf durchgepflügtem Grund.
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Wenke Seemann
Utopie Auf Platte – Archivdialoge #1
Bierke-Verlag: Berlin, 2025
152 Seiten, 36 Euro
Jochen Becker ist Autor, Kurator und Dozent in Berlin. Er ist Mitbegründer von metroZones – Zentrum für städtische Angelegenheiten und der station urbaner kulturen/nGbK Hellersdorf.