Tales of the wounded land, Abbas Fahdel, Libanon 2025
Kino als Schutzraum zum Aufatmen
Besprechung der Viennale 2025Die diesjährige Viennale hinterfragt den Wert kultureller Ausdrucksformen und die Bedeutung des Kinos am derzeitigen historischen Wendpunkt. In den vergangenen 25 Jahren flossen 266 Millionen Euro via Filmfonds Wien in 3.300 Projekte. Mit Erfolg, wie die verstärkte Präsenz des österreichischen Films bei internationalen Festivals wie Cannes, Venedig oder Berlin zeigt. Film ist aus einer Stadt wie Wien, die voller Originalschauplätze steckt, nicht wegzudenken. Das Filmmuseum LAB ist Teil des »neuen Kulturclusters« im Arsenal. In unserer rasant sich verändernden Welt steigt das Verlangen nicht nur nach Entschleunigung, sondern auch nach einem offenen, zwischenmenschlichen Austausch. Die Direktorin der Viennale Eva Sangiorgi scheut in ihrer Skizzierung eines Orientierungsverlusts gesellschaftlicher Werte nicht vor einem sehr persönlichen Statement zur eigenen Fragilität und Angst vor einer spürbaren Ungewissheit zurück. Sie sieht im Kino einen Trost spendenden Ort, einen Ort zum Luftholen, einen flüchtigen Schutzraum zum Aufatmen und definiert das Kino als ein Antidot im Widerstand gegen eine vereinfachende Darstellung von Welt.
Welche Funktionen übernimmt das Kino heute in der Informationsflut und der Uneindeutigkeit von Handlungen, die verwirrend wirken? Zu einem Ort der Traumabewältigung wird das Kino im Film Tales of the wounded land von Abbas Fahdel. Der Dokumentarfilm beginnt mit Drohnenaufnahmen einer nicht enden wollenden Begräbnisprozession mit Trauernden und Särgen teils bedeckt mit Fahnen der islamistischen Terrororganisation Hisbollah. Drei Monate nach dem Waffenstillstand liegt im Februar 2025 der Süden Libanons nach israelischen Luftangriffen als Reaktion auf die Raketenangriffe der Hisbollah in Trümmern. Ein zweijähriges Mädchen – es ist Camelia, die Tochter des Regisseurs, läuft in der von einer Handkamera gefilmten Sequenz voller Lebensfreude neugierig ins Bild. Die Familie ist in ihr von der völligen Zerstörung verschont gebliebenes Haus zurückgekehrt. In Folge nimmt sie uns mit ihrer Mutter Nour, der Frau des Regisseurs und Co-Produzentin, auf eine Autofahrt durch die großteils zerstörte Stadt mit. In emotional aufwühlenden Begegnungen mit Nachbar:innen, Verwandten und Bekannten gewinnen wir Einblicke in das alltägliche Leben der von der Zerstörung ihrer Häuser und Lebensträume betroffenen Menschen. Trotz Verlust und Trauer ist die Sorge umeinander und um die Tiere geprägt von einem Überlebenswillen und der Entschlossenheit zum Wiederaufbau. Abbas Fahdel macht uns durch die direkten, durch eine spielerische Entdeckungslust angetriebenen Aufnahmen Camelias und die empathische Gelassenheit Nours zu Augenzeug:innen, welche Traumata überwindende Stärke in der Verkörperung menschlicher Würde liegt.
Eine andere Ausdrucksform im Versuch der direkten Sichtbarmachung kollektiver Traumata wählt die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania für ihren Doku-Spielfilm Die Stimme von Hind Rajab, der auf Einspielungen realer Tonaufnahmen der fünfjährige Hind Rajab basiert. Diese wird zu Beginn als rote Lautstärkenkurve über eine dünne weiße Linie auf schwarzem Screen eingespielt. Es ist die Stimme aus dem Originalanruf von Hind Rajab, der bei einer palästinensischen Hilfsorganisation am 29. Januar 2024 einlangte. Das palästinensische Mädchen ist in einem Auto mit Leichen von sechs Verwandten eingesperrt, die von der israelischen Armee in Gaza getötet wurden und das, während das Auto weiterhin unter Beschuss ist, um Befreiung fleht. Im Film wird von einer Gruppe von Schauspieler:innen der Versuch, das Mädchen durch den Einsatz eines Ambulanzwagens zu retten, reenacted. In Venedig mit dem großen Preis der Jury ausgezeichnet, löst der Film durch die Erkenntnis, dass es keine Rettung gab und sowohl Hind Rajab als auch die Fahrer des Ambulanzwagens getötet wurden, starke Beklemmungen aus. Hind Rajabs herzzerreißender Hilfeschrei durchdringt die Stille des Kinos und gibt all den unschuldig getöteten Kindern einen realen Todesschrei.
Der israelische Filmemacher Nadav Lapid, bekannt für seine schonungslose Kritik an seinem Heimatland Israel, entwirft für seinen polarisierenden politischen Film Yes ein provokantes, obszönes Szenario. Es ist sein bis dato radikalster Film, der, wie Nadav Lapid argumentiert, »auf Wahnsinn mit Wahnsinn reagiert«. Im Film sind reale, von einem Hügel aus aufgenommene Bilder des bombardierten Gazastreifens, auf dem sich ein israelisches Paar küsst, zu sehen. Als schrille sexy Entertainer:innen und Sexarbeiter:innen sind die Protagonist:innen Y und Yasmin, die tagsüber erfolglos ihrer Künstler:innenkarriere nachjagen, nachts der Geheimtipp unter den Superreichen von Tel Aviv für einen orgiastischen Event.
Y, grandios gespielt von dem Performancekünstler Ariel Bronz, erhält von einem russischen Oligarchen den Auftrag für die Komposition einer faschistischen Nationalhymne nach dem 7. Oktober 2023, deren Text über die völlig Vernichtung der im Gazastreifen lebenden Palästinenser:innen von einem Kinderchor eingesungen wird. Lapid geht hier noch einen Schritt weiter: indem er die Hymne in den Film integriert, nimmt er eine Diagnose des auch in Israel anzutreffenden übersteigerten Nationalismus vor. Die Einspielung basiert auf einem Video, das im November 2023 von einer PR-Firma veröffentlicht wurde, die von Ofer Rosenblum, dem Gründer des Civilian Front Movement geleitet wird. Eine Bewegung, die unter der Vorgabe, ›unpolitisch‹ zu sein, die Unterstützung für die israelische Armee stärken will. Unter dem Titel* Friendship Song 2023* hat sie ein berühmtes Lied des israelischen Dichters Haim Gouri, Hareit (1949), mit einem neuen Text versehen. Das Ausgangslied ist ein Lied, das oft bei Gedenkfeiern gespielt wird. Die unkommentierte Einspielung in den Film Yes stürzt Zuschauer:innen in das Dilemma einer Kompliz:innenschaft. Laut Lapid gestaltete es sich schwierig, Darsteller:innen und eine Crew zu finden. Obwohl der Film vom israelischen Staat mitfinanziert und auf dem Jerusalem Film Festival gezeigt wurde, zeigen Verleiher in Israel wenig Interesse, den Film ins Programm aufzunehmen.
Wie stark die Kunst des Überlebens derzeit starken Polaritäten ausgesetzt ist, geht die Viennale anhand von Filmen wie Promis le Ciel von Erige Sehire, Cobre von Nicolás Pereda oder Les Hapitants von Maureen Fazendeiro in unterschiedlichen Intensitätsgraden nach. Die Matrix zwischen Realitäten und Filmen wird zunehmend dünner.
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Viennale International Film Festival
16. bis 28. Oktober 2025
Ursula Maria Probst ist Kulturarbeiterin, Kritikerin und Kuratorin in Wien.