Elke Rauth

Elke Rauth ist Mitglied des Vorstands von dérive - Verein für Stadtforschung.


Peter De Bruyne
Peter De Bruyne

117.000 EinwohnerInnen zählt die belgische Stadt Brügge, 22.000 davon leben in der zum UNESCO Weltkulturerbe erhobenen Innenstadt. Dazu gesellen sich 5,3 Millionen TouristInnen jährlich. Wer Brügge besucht, schiebt sich gemeinsam mit Heerscharen von betagten Besuchern und Besucherinnen durch eine pittoreske Szenerie an mittelalterlichem Bestand, perfekt gepflegt und wie es scheint komplett widerspruchsfrei. Keine Tags, keine Sticker, keine Graffiti stören die touristische Vermarktung. Nur die Autos, die selbst durch die dichtest frequentierten Straßen brausen dürfen, sorgen für Brüche in der Idylle.
Just in diesem Ambiente entscheidet sich die Stadt zur Abhaltung einer Triennale für zeitgenössische Kunst und schließt damit an ähnliche Großevents ab den 1960er Jahren an. Unter dem Titel »Urb Egg – Brügge als Megapolis« machen sich die beiden Kuratoren Till-Holger Borchert und Michel Dewilde gemeinsam mit »18 international renommierten Künstlern« Gedanken über die Zukunft der Stadt. Seltsamerweise spiegelt der Ausgangspunkt ihrer Überlegungen keine realen, Brügge als größere Mittelstadt tatsächlich betreffenden Problemlagen wider. Stattdessen reproduzieren die Kuratoren den seit 2007 stets beliebten Stehsatz »... erstmals mehr Menschen in den Städten« und fragen sich, was mit Brügge passieren würde, sollten die 5,3 Millionen TouristInnen beschließen zu bleiben. Die Antworten fallen in Form von künstlerischen Interventionen im öffentlichen Raum aus, die es zu erwandern gilt.
Herausragend in ihrer poetischen Kraft sind die Baumhäuser von Tadashi Kawamata, schwebend in den Baumkronen eines jahrhundertealten, von Stille und Kontemplation durchfluteten Beginenhofs. Song Dong installiert neben der St. Salvator Kathedrale eine Skulptur aus Fenstern zerstörter chinesischer Häuser – ein Kommentar zu rasendem Wachstum und Umgang mit kulturellem Erbe. Städtische Infrastruktur liefern Studio Mumbai mit einer Brücke zum Wohnen, Essen und Schlafen, die allerdings auf dem Festland liegt. Was passiert, sollte das Kunstwerk tatsächlich von Bedürftigen belegt werden, bleibt offen. Heftige Nutzung erfährt dafür der »Canal Swimmer‘s Club« von Studio Bow-Wow, eine schwimmende Holz-Plattform zur (Wieder-)Erschließung des Wassers für die BewohnerInnen Brügges. Eine Infrastruktur-Nutzung ganz anderer Art installieren [O+A] mit ihren sinnlichen Hör-Expeditionen »Quiet is the New Loud«: Entlang von drei »Songlines« lenken die »akkustischen Denker« Bruce Odland und Sam Auinger die Aufmerksamkeit auf die außergewöhnliche Soundkulisse der mittelalterlichen Stadtstruktur, die vielfältige Hörerlebnisse eröffnet, wie sie in modernen Städten längst nicht mehr möglich sind.
Insgesamt sind die künstlerischen Arbeiten jedoch nur schwer unter einen Hut zu bringen. Was genau Brügge mit dieser Triennale will, erschließt sich nicht wirklich, und Antworten auf drängende Fragen bleibt die Kunst ein weiteres Mal schuldig. Vielleicht will sich Brügge unter dem ehemaligen flämischen Tourismusminister als Bürgermeister aber auch nur dem grassierenden Biennale- und Triennale-Stadtmarketing-Hype anschließen. Sie wären ja nicht die einzigen.

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Triennale Brügge 2015
20.5. — 18.10.2015 \ http://www.triennalebrugge.be


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