Werner Feiersinger, Untitled (Fregene), 2015, Fine art print, Courtesy der Künstler & Galerie Martin Janda, Wien
Materielle Narration
Besprechung der Ausstellung »The Material Show« im MQ FreiraumDie Neubauten auf der grünen Wiese nehmen ab, Bauen im Bestand hingegen boomt. Der partielle Abriss, Umbau oder Zubau wiederum lenkt den Blick verstärkt auf das verwendete Material, das die Möglichkeiten der Neu- und Uminterpretation des Gegebenen bestimmt. Andreas Fogarasi beschäftigt sich bereits seit 2019 in seiner fortlaufenden Serie 9 Buildings, Stripped mit dieser materiellen Ebene der Architektur, für die er Relikte abgerissener oder umgebauter Gebäude wie ein collagiertes Porträt urbaner Transformationen präsentiert – als Schichtung historischer Baukomponenten, als zeitspezifischer Ausdruck von Geschmack und Stil, technischer Innovation oder Repräsentationsanspruch. Das Fragment entfaltet in seiner Freistellung hier gleichermaßen narratives wie architekturhistorisches Potenzial. In der Fluktuation des Materials und in den Details seiner Verarbeitung verdichtet sich Baukultur als Prozess.
Die von Fogararsi gemeinsam mit Astrid Peterle im Freiraum im Wiener Museumsquartier kuratierte Material Show mit dem prägnanten Untertitel We build houses. We take them apart. überträgt dieses Prinzip jetzt quasi auf das Ausstellungsformat und kombiniert Werke, in denen künstlerische Aufarbeitungen materieller Zeugnisse mit deren Einbindung in ortsspezifische Erzählungen einhergehen. Die Aneignung und Verfremdung von Fragmenten teils ikonischer Bauten legt die Sedimente des jüngst Vergangenen frei, schaut hinter vertraute Fassaden und fokussiert die dort lokalisierte soziale, ökologische wie ökonomische Dimension.
Gezeigt werden vor allem künstlerische Positionen, die ihre Faszination für bestimmte Materialien und Typologien mit einer kritischen Reflexion ihrer Präsenz in der gebauten, gelebten Umgebung verbinden. Wenn Lara Almarcegui die Menge an Baustoffen – Beton, Mörtel, Ziegelsteine, Stahl, Asphalt, Dachziegel und vieles mehr – berechnet, die für den Bau der brasilianischen Metropole São Paulo verwendet wurde (es sind allein fast 500 Millionen Tonnen Beton), entsteht ein abstraktes, die Vorstellungskraft übersteigendes Zahlenwerk, das lakonisch mit Klebebuchstaben auf die Wand geschrieben ist (Construction Materials, City of São Paulo, 2006). Und doch bilden die von ihr aus Architekturplänen und Inventaren zusammengestellten und summierten Baumaterialien das Fundament einer Metropole, die man sich unmittelbar als Stadtlandschaft vorzustellen beginnt. Andere künstlerische Positionen verarbeiten reale, ihrer Bestimmung bereits wieder entzogene Baustoffe, so etwa Cäcilia Brown, die Dachbalken aus Abrisshäusern mit selbstgegossenen Betonplatten zu labil anmutenden Konstruktionen irgendwo zwischen Lawinenverbauung und Panzersperre verbindet. Die Titel ihrer Werke – obdachlos und trotzdem sexy. Musterfliese Marmor Terrazzo (2020) – erzählen vom Stadtraum im Umbruch und einem Immobilien-Mindset, das Rendite über alles stellt.
Vermeintlich klassischer mutet Hannes Böcks 16mm-Film Sammlung Bau- und Schmucksteine altes Rom (2022) an, der Steinproben aus der Sammlung antiker römischer Bau- und Schmucksteine aus dem Naturhistorischen Museum Wien in statischen Einstellungen zeigt. Die Musterungen des Marmors und Granits werden zur bildfüllenden abstrakten Textur, während die Haptik des Steins schwindet. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts angelegt, spiegelt sich in der musealen Kollektion die Idealisierung der Antike ebenso wie die imperiale Aufladung des Materiellen in der politischen Repräsentation. Der analoge Film jedoch verwandelt Raum in Zeit und aktiviert das Vergangene im Licht der Projektion, sodass es sich wie ein Filter über die reale Architektur der Gegenwart legen kann. Bianca Pedrinas Installation Cipollino Galaxy (2017) reagiert geradezu auf dieses Motiv, wenn sich die Musterung des Marmors von Adolf Loos’ Haus am Michaelerplatz, großflächig auf PVC-Folie für Fußböden gedruckt, an die Wände des Ausstellungsraums schmiegt. In der originalgroßen Abformung des monumentalen Portals eines Offiziersheims aus dem Budapest der 1920er Jahre findet sich ein weiteres Echo der Hommage an Granit und Marmor, die in diesem Fall wie ein riesiger Vorhang die Halle durchteilt. Die militaristische Pathosformel gerinnt zum abstrakten Faltenwurf in Silikon, und der bauliche Kontext schwindet zugunsten der auch im Original pompös inszenierten Draperie. Das Werk des ungarischen Künstlerkollektivs Little Warsaw (Marble Street, 2000) ist Kommentar wie Verfremdung und präsentiert das historische Architekturelement selbst als Maskierung und Camouflage.
Es sind solche klugen Gegenüberstellungen und Dialoge, die in der Material Show Materialitäten eben gerade nicht nur zeigen, sondern in ihren verschiedenen Bedeutungsebenen spannungsreich miteinander verschränken. Markéta Othová richtet den Fokus ihrer Analogfotografien auf Elemente der Architektur, die im Nebeneinander selbst ins Gespräch zu kommen scheinen: die Treppe aus Mies van der Rohes Villa Tugendhat und das Eingangspodest zu dem von ihm entworfenen IIT Commons Building in Chicago treffen auf den Linoleumbelag der von Adolf Loos gestalteten Wohnung von Oskar und Jana Semler – ein welliger Fußboden, der sich wie ein Störfaktor zwischen die erhabenen Eingangssituationen schiebt. Konterkariert werden diese Ikonen des Modernismus von Christoph Webers Auseinandersetzung mit Beton als globalem Baustoff. Er geht mit sechs komma vier (2021) der Frage nach, wieviel Zement aus einem Kilo Kalkstein gewonnen werden kann und formte, ausgehend von einem 200 kg schweren Brocken, so viele Kopien, bis deren Gesamtmenge an Zement jener entspricht, die aus dem ursprünglichen Stein hätte gewonnen werden können. 6,4 Abgüsse liegen nun wie Findlinge im Raum und bilden ein Monument, das sich gegen den Beton als führende CO2-Emission richtet, ohne dessen Stellenwert für die gebaute Moderne zu diskreditieren. Die Faszination bleibt.
Die Material-Bibliothek im Eingangsbereich, ein Regalsystem, in dem verschiedene Baustoffe und elemente vom Glasbaustein bis zur Keramikfliese ausgestellt und mit kleinformatigen Werken der Künstler:innen kombiniert sind, wirkt wie eine Fußnote zu dieser sehenswerten Schau. Hier sind sie noch einmal versammelt, die Elemente der Architektur, in denen sich die Signatur ihrer jeweiligen Zeit mit ihren spezifischen Implikationen genuin spiegelt.
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The Material Show
We build houses. We take them apart
Kuratiert von Andreas Fogarasi und Astrid Peterle
Museumsquartier, Freiraum 26.02. – 31.05.2026
Mit Werken von Lara Almarcegui, Hannes Böck, Cäcilia Brown, Werner Feiersinger, Andreas Fogarasi, Daria Koltsova, LITTLE WARSAW, Markéta Othová, Bianca Pedrina, Nick Relph, Iris Touliatou, Christoph Weber
Vanessa Joan Müller ist Kuratorin, Kunsthistorikerin und Autorin.