Installationsansicht Ramps, 2014, Missions, 2025; Foto — Simon Vogel
Museale Kontaktaufnahme
Besprechung der Ausstellung »Park McArthur, Contact M« im mumok Wien»Projects 195 Park McArthur« steht in riesigen Lettern auf den Wänden des Ausstellungsraums im Wiener mumok. Es ist eine Arbeit, die 2018 anlässlich einer Ausstellung der Künstlerin im New Yorker MoMA entstanden ist. Damals waren die Bauarbeiten zur dortigen Museumserweiterung noch im Gange. Der von Diller + Scofidio entworfene Westflügel sollte unter anderem weitere neue Ausstellungsflächen im unteren Bereich eines Wohnturms erschließen. In dem Turm selbst waren private Luxusresidenzen geplant.
McArthurs Wandarbeit, die nichts anderes als ihre Ausstellung benannte, aber den Titel Is this an investment, pied-à-terre, or primary residence? trägt, wurde im MoMA von einer modularen Struktur aus rostfreiem Stahl begleitet, die als Architekturmodell figurierte und im Laufe der Ausstellung mehrmals umgestellt wurde. Sie war als skulpturaler Gegenvorschlag zu den Luxuswohnungen gedacht und imaginierte ein gemischt genutztes Gebäude, das Künstler:innenateliers, eine öffentlich zugängliche Galerie und preisgünstige Wohnungen für behinderte und nicht behinderte Menschen umfassen sollte. Ihre einfache Rasterform brachte stellvertretend soziale Realität, institutionellen Selbstanspruch und fiktive Möglichkeiten in Beziehung: die korporativ geprägte Logik des Museums einerseits, die Lebensrealität der Künstlerin andererseits. Park McArthur sitzt nämlich im Rollstuhl. Ihr kluges, von der Formensprache der Konzeptkunst geprägtes Engagement für Teilhabe und Barrierefreiheit entspricht eigenen Erfahrungen, versteht Zugänglichkeit jedoch nicht nur im Sinne physischen Zugangs oder in ihrer sozialen Komponente als Abhängigkeit, sondern stets auch politisch. Zu Beginn ihrer künstlerischen Laufbahn verfasste sie einen Wikipedia-Eintrag über die Aktivistin Martha Russell, die argumentierte, dass eine umfassende Teilhabe von Menschen mit Behinderungen nicht allein an Mängeln in der gebauten Umwelt scheitert, sondern bereits strukturell auf der ökonomischen Ebene.
In ihrer Ausstellung Contact M, die parallel im mumok und im Museum Abteiberg in Mönchengladbach zu sehen ist, zeigt McArthur Werke aus den vergangenen Jahren, die Begriffe wie Care in räumlichen Bezugssystemen denken, diesen Systemen aber auch die eigene Biografie einschreiben. Kritik an Institutionen wird sichtbar, wenn sie Rampen auf dem Boden auslegt, mit denen Zugänglichkeit ermöglicht werden soll (Ramps, 2014): einfache improvisierte Holzkeile, aber auch elaboriertere bauliche Konstrukte. Es sind Rampen, mit denen sie selbst in Ausstellungshäusern und Residency-Programmen konfrontiert war und die teilweise speziell für sie dort installiert wurden. Sie symbolisieren sowohl Ausschluss wie auch Versuche der Überbrückung – und bleiben letztlich doch Reparaturen an einer negativ besetzten Umgebung. Im mumok separiert eine Wand im Ausstellungsraum einen Teil der zu einem rechteckigen Feld arrangierten Rampen von den anderen. Auch dies eine Barriere, die trennt.
Andere Werke stehen für den Kontakt zwischen Körpern oder zwischen Körpern und Objekten. So sind auf drei im Raum verteilten Sockeln Tabletts aus Edelstahl platziert, auf denen Einwegartikel liegen: Corona-Tests, Kondome, antiallergene Cremes, Latexhandschuhe oder Katheter. Alle diese Dinge verbinden sich für McArthur mit Formen der Interaktion – sei es die intime, die medizinische, die gewollte oder auch jene, den der Körper abwehrt.
Ein Reihe von Schlafanzügen der Künstlerin, teilweise mit sichtbaren Spuren des Tragens und der Beschädigung durch medizinische Apparaturen, hängt fast warenförmig auf metallenen Displays im Zentrum der Ausstellungsfläche. In einen Durchgang sind Laderampenpuffer geschraubt, die Beschädigungen wahlweise des Autos oder des Gebäudes im Falle eines ungewollten Kontakts verhindern sollen. An einer angrenzenden Wand bilden übereinander montierte Beatmungsfilter eine abstrakte Skulptur. Sehr persönlich wirkt Carried and Held, ein einfacher, DIN-A4-großer Zettel. Er listet die Namen aller Personen auf, die Park McArthur seit 2012 »getragen und gehalten« haben: Angehörige, Ärztinnen, Freund:innen, Künstler:innen, aber auch Flugbegleiter:innen.
Andere Werke hingegen wirken wie Neuinterpretationen minimalistischer Kunst: ein großer Kubus aus hellblauem Polyurethanschaum, der mitten im Raum steht (Polyurethane Foam, 2025), oder verschiedene Werke aus Aluminiumplatten, die bildhaft an der Wand hängen (Softly, Effectively, 2017). Es handelt sich um jene Metallplatten, die für österreichische Autobahnschilder verwendet werden. Hier präsentieren sie sich unbedruckt und übereinander montiert – schimmernde, aber nicht reflektierende Flächen. Statt Richtungen anzuzeigen oder Entfernungen, tauschen sie das mit ihnen verbundene Mobilitätsversprechen gegen eine suggestive Leere.
Und so treten in dieser scheinbar reduzierten, tatsächlich aber diskursiv dichten und auch sinnlich unmittelbar erfassbaren Ausstellung unterschiedliche Ebenen miteinander in Kontakt: weicher Schaumstoff und harter Betonboden, Alltagsobjekte und abstrakte Formen, institutioneller Kontext und soziale Realität.
McArthur, die ihre Ausstellungen in Wien und Mönchengladbach aus der Ferne choreografiert hat, lenkt den Blick präzise auf die Herausforderungen zwischen Menschen mit Behinderungen und ihrer Umwelt: Was erschwert oder verunmöglicht die Beziehung? Was bedeuten Abhängigkeiten, was grenzt aus? Ein wichtiges Element ihrer Ausstellung ist ein Audioguide, den die Künstlerin als eigenes Kunstwerk, als eigene Ausstellung konzipiert hat. Er beschreibt auf ganz eigene Weise die Werke und das Museum, in dem sie zu sehen sind – auch dies eine Kontaktaufnahme mit der Institution Kunst, für die Barrierefreiheit oft noch immer primär eine bauliche Komponente meint.
--
Park McArthur, Contact M
mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien
Bis 7. September 2025
Vanessa Joan Müller ist Kuratorin, Kunsthistorikerin und Autorin.