Manfred Russo

Manfred Russo ist Kultursoziologe und Sozialforscher an der Universität Wien und ist Professor an der Bauhaus Universität Weimar.


Die frisch vorliegende, 15. Ausgabe des Architekturmagazins GAM (Graz Architektur Magazin) mit den Gastredakteurinnen Aglaée Degros und Eva Schwab vom Institut für Städtebau überrascht mit seiner neuen 300seitigen Ausgabe nicht nur mit einer Überfülle an Beiträgen, sondern macht mit der Wahl des Themas Territorial Justice auch die erweiterte Anwendung dieses Begriffs deutlich. Aus der Perspektive einer Begriffsgeschichte im Rahmen der Urbanistik und Raumplanung wird hier an die Tradition und Intentionen des Henri Lefebvre und auch dessen Wiederentdeckers Edward Soja angeschlossen, wenngleich die Analyse und Diagnose sich natürlich am aktuellen Stand der globalisierten Welt zu orientieren hat. Heute definiert GAM territoriale Gerechtigkeit als Verräumlichung, das heißt sie konzentriert sich auf die räumliche Dimension der sozialen Gerechtigkeit in dem Sinn, dass der Zugang zu öffentlichen Gütern und Dienstleistungen in Stadt und Land zu gewährleisten ist. Nicht ganz zu Unrecht sprechen die Herausgeberinnen selbst auch von einem Abenteuer, auf das sie sich eingelassen hätten. Denn die Fragestellungen verlassen den Mainstream der aktuellen Raumforschung, und es wird hier ein neuer, zukunftsweisender Fragebereich erschlossen, der eine partielle Verlagerung des Interesses von der Stadt zur Peripherie hin und auf das Land bedeutet. Dies geschieht nicht von ungefähr. Denn der regionale Wandel, der vor allem durch die Globalisierung angestoßen wird, hat eine neue politische Sichtbarkeit durch zahlreiche Ereignisse der vergangenen Jahre erfahren – denken wir an die Wahl Donald Trumps, die Protestbewegungen der gilets jaunes in Frankreich, den Brexit – und weist auf Bereiche der Vernachlässigung hin, die durch den mangelnden Zugang zu Ressourcen, Aktivitäten und sozialen Netzen gekennzeichnet sind. Allgemein könnte man dies unter dem Manko an Mobilitätsoptionen verbuchen, aber innerhalb eines politischen Maßstabs auch als die neuen Bruchlinien gesellschaftlicher Konflikte bezeichnen. Daher schwingt in den Beiträgen auch immer die Aufforderung mit, dass wir in dieser komplexen Welt der Globalisierung gezwungen sind, uns mit dem Lokalen neu auseinanderzusetzen.
Die Fülle der Beiträge, die durch Peer-Review-Verfahren ermittelt wurden, ist durch eine Gliederung in drei Teile geordnet. Semantics, Dynamics und Pragmatics lauten die Überschriften und erinnern ein wenig an die Theorie der Semiotik, die ähnliche Operationalisierungen vornimmt, um einen Bogen von der Ebene der Bedeutung zu der der Veränderung und hin zu den Handlungsoptionen zu spannen. Oder man könnte auch sinngemäß von einer Strecke sprechen, die mit der Analyse beginnt, der die Diagnose folgt und die auf innovative territoriale, vor allem auch umsetzbare Strategien verweist.
Daher kommen zunächst die Autoren Pierre Veltz und Michael Woods zu Wort, die vor allem die Dimension einer gespürten Benachteiligung und die Wahrnehmung ungerechter Behandlung in ländlichen Regionen von Frankreich und Wales in den Fokus der Überlegungen stellen, aber auch neue Lösungen anbieten. Zitieren wir einige Kernbegriffe des Local Turns, einer Neuformatierung der ländlichen Kultur bei Pierre Veltz: Autonomie, Sinn und Machen, wobei der letztere die Bewegung der Makers und der fab labs bezeichnet, der für eine Wiederkehr des Handwerks, des Do-it-yourself, der bescheidenen Materialien und des Recycling plädiert. Ein Ausschnitt aus Bernardo Secchis bekanntem Buch La città dei ricchi e la città die poveri ergänzt diesen Abschnitt mit italienischen Befunden. Zugleich wird die Entwicklung neuer Narrative über das Land thematisiert, die alte, auch verzopfte Bedeutungsmuster ablösen sollen. In diesem Sinne eröffnet Eva Schwab die Serie der Gemeindeporträts und führt abwechselnd mit Aglaée Degros auch in den weiteren Abschnitten lesenswerte Gespräche über Planungsstrategien in verschiedenen europäischen Gemeinden (Holland, Österreich und Belgien), um die Möglichkeiten kreativer Umsetzung zu erkunden.
Beteiligungskultur leben, kommunale Profilschärfung und Architektur vor Ort lauten die Empfehlungen eines Interviewpartners, Roland Gruber von nonconform. In Trofaiach hat man den schönen Job des Innenstadtkümmerers geschaffen, der die Stadtentwicklung betreut. Hilde von Seggern entwickelt den Begriff eines Raumgeschehens, um dieses merkwürdige Crossover von Stadt und Land zu beschreiben. Aglaée Degros widmet sich dem Parc Naturel des deux Ourthes in Belgien, einem Naturpark, der sich durch nachhaltige Bewirtschaftung auszeichnet. Degros und Schwab stellen zudem ihre Überlegungen zu besseren und alternativen Mobilitätsoptionen im ländlichen Raum vor. Shared Mobility, Shuttles oder Van-Pooling sind neben der Notwendigkeit öffentlicher Investitionen relevante Stichwörter der Smart Territories.
Im zweiten Abschnitt geht es auch um Veränderungen innerhalb territorialer Systeme in Dänemark und Frankreich und um die Frage, wie aufgrund des Abbaus von öffentlichen Investitionen in Industrie und Infrastruktur innovative Reaktionen erfolgten (Nicolas Escach). Peripheres Frankreich heißt eine von prominenten französischen Intellektuellen gegründete Bewegung, die zu einer Unterschriftenaktion mit dem poetischen Titel Territoires en colère führte. Während sich in Frankreich die Wutbürger versammeln, kreieren die Dänen das Modell Samso, das die Bewohner einer Nordseeinsel zu Eigentümern eines Kraftwerks aus Sonnenkollektoren und Windanlagen macht.
Ein Beitrag sei noch herausgegriffen: Paola Vigano versucht das Mysterium der amerikanischen Realität, nämlich den Rand der Megalopolis zu erkunden. Inspiriert von Baudrillards berühmtem Text Amerika plädiert sie dafür, die intellektuelle Arbeit der ArchitektInnen und PlanerInnen wieder mit der Wirklichkeit und deren Geheimnis zu verbinden. Ein Atlas soll als Ergebnis einer Kartierung der Appalachen-Region nach den Stichwörtern Physiokratie, Palimpsest und Ressourcen erstellt und gegliedert werden, um die Geschichte der räumlichen Ungerechtigkeit topografisch zu beschreiben. Auf weitere Autoren wie Yuri Kazepov und Michael Friesenecker, Emanuele Sommariva, Don Mitchell, Jost Meuwissen und andere kann aufgrund der Fülle der Beiträge nur mehr kursorisch verwiesen werden.
Resümee: Eine neue Ausgabe von GAM, übrigens reichlich mit Fotos und Karten ausgestattet, die für jeden, der sich für die neuen territorialen Fragen der Globalisierung und der Rückeroberung des Lokalen interessiert, als Pflichtlektüre ans Herz gelegt wird.


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