Udo W. Häberlin


Von New York lernen ist eine leicht lesbare, erfrischend unprätentiöse (Bilder-)Geschichte über New Yorker Plätze und Parks und ambitionierte AkteurInnen, die ihre Handschrift darin hinterließen. Die Beiträge von Susanne Lehmann-Reupert lesen sich wie ein unterhaltsames Tagebuch und beinhalten dennoch wertvolle Informationen für die Stadtentwicklung(-spolitik). Jahrzehntelange Vorurteile gegenüber Amerikanern und ihrer Global City mit der einstigen Wolkenkratzer-Ära habe ich beim Lesen dieses Buches revidiert! Wie kam’s?
Bekannt ist, dass Städte weltweit an Bevölkerung zunehmen und auch wenn New York nicht die größte Stadt ist, dürfte es kaum eine andere Metropole auf der Welt geben, »in der so viele Menschen aus unterschiedlichen Einkommensklassen, Nationen, Religionen, Kulturen und Sprachen so friedlich nebeneinander leben und sich ständig in dem von allen genutzten öffentlichen Raum begegnen«. Gleichzeitig wird in den urbanen Agglomerationen ein Großteil der erzeugten Energie verbraucht. Die internationale Energieagentur warnt vor einem neuerlichen Ansteigen des fossilen Brennstoffverbrauchs und verlangt deutliche Maßnahmen, um Klimawandel und Erderwärmung einzudämmen. »Doch ist dies auch schon bei uns Bürgern angekommen?«, fragt die Autorin und meint: »In NY habe ich erfahren, dass eine Stadt aber nicht nur das soziale Verhalten ihrer BewohnerInnen, sondern auch deren nachhaltiges Handeln zu beeinflussen vermag.« Dazu passend zitiert sie Jan Gehl: »Erst formen wir die Städte, dann formen sie uns.«
Warum New York 2012 die Auszeichnung, die nachhaltigste Stadt der Welt zu sein, erhalten hatte, wird mit der Lektüre anschaulich erläutert. Die Stadt an der Ostküste der Vereinigten Staaten wird als Vorbild einer nachhaltigen Stadtentwicklung und als beispielhafte Bottom-up-Bewegung durch bürgerschaftliches Engagement dargestellt. Denn ausgerechnet New York möbliert die Straßenschluchten gemütlich mit Stuhl, Tisch und Sonnenschirm. Und ausgerechnet hier (und nach Rudolph Giuliani) funktioniert eine Strategie der Rückbesinnung auf zivilgesellschaftliches Engagement?
Klar, mit 15.000 BewohnerInnen pro Quadratkilometer ist die größte Stadt der USA prädestiniert für urbanes Leben. »Die große Dichte fordert permanente Bereitschaft zum Wandel, zur Umgewöhnung und Neuorientierung.« Doch erst Bürgermeister Bloomberg wagte 127 neue Schritte zur Lebensqualität, die im ehrgeizigen Leitbild plaNYC beschlossen wurden. Die Autorin nennt sieben konkrete Ansätze für eine nachhaltige Stadtentwicklung einer wachsenden Stadt: Darunter die Qualifizierung des öffentlichen Raums, ein schlüssiges Mobilitätskonzept, insbesondere kurze Wege, d.h. Siedlungsstrukturen mit Funktionsmischung, die auch lokale Nahrungsmittelproduktion integriert, Energieeffizienz und die Einbeziehung bürgerschaftlichen Engagements. Damit wird die lebenswichtige Verbindung zur Natur wieder hergestellt bzw. werden Ökokreisläufe mit Urbanität verknüpft.
Umgesetzt sind bereits eine City-Maut, die Umstellung der Taxis auf Hybrid-Antrieb, die Vervierfachung vorbildlicher Fahrradwege, neue Grün- und Verweilräume und begrünte Dächer. Diese Maßnahmen dokumentieren einen smarten Gesellschaftswandel. Denn es entstanden Initiativen, die den öffentlichen Raum als »wichtigsten Bestandteil des urbanen Alltags« in der Millionenmetropole grüner und gemeinschaftlicher gestalten.
Die Autorin berichtet von ihren Streif-zügen, etwa über den Brooklyn Bridge Park nach Red Hook und vom High Line Park, der durch die Umnutzung der 2,3 Kilometer langen ehemaligen Hochbahntrasse (nach Pariser Vorbild) entstand, und von weiteren aufsehenerregenden Veränderungen im öffentlichen Raum. Sie entdeckt neue Erholungsflächen an Hudson und East River oder anderswo Pocket Parks, Gemeinschaftsgärten und Stadtfarmen, zum Teil auf Dächern. Diese zeugen von sichtbaren Qualitätsverbesserungen.
Lehmann-Reupert macht Lust auf Umgestaltungen und schürt die Hoffnungen für Urban Farming und »sustainable Streets«. Doch sie stellt ebenso soziale Pioniere und engagierte ExpertInnen wie Janette Sadik-Khan vor, die Leiterin der Verkehrsabteilung. Diese treibt die rasante Einrichtung von bisher 450 km Fahrrad-routen ebenso voran, wie den Rückbau von Straßen – selbst am Broadway entstanden breitere Gehwege für Stühle und Tische und Pflanzkübel. Außerdem wird beispielsweise Liz Christy präsentiert, die der Gemeinschaftsgarten-Bewegung Vorschub leistete.
Und scheinbar nebenbei legt die Autorin mustergültige Grundsätze einer nachhaltigen Stadtentwicklung dar, wie die Begrünung von Flachdächern für die Nahrungsmittelproduktion in der Stadt. Den Schlüssel für diese Erfolge sieht Lehmann-Reupert im Zusammenspiel zweier Kräfte: »zum einen die mit einer übergreifenden Entwicklungsstrategie ausgerüsteten Entscheidungsträger der New Yorker Stadtverwaltung, zum anderen die Bürgerinitiativen.« Dieses Zusammenwirken von öffentlicher Hand und privaten Initiativen wird anhand der Entwicklungsprozesse vorgestellt. Deren Ergebnisse nützt die Autorin, um zur Nachahmung aufzurufen und ein motivierendes Plädoyer für Nachhaltigkeit und Eigeninitiative zu halten: »If I can make it there, I’ll make it anywhere!« So zeitgemäß und aufregend alternativ kann New York sein.
Spätestens mit der Vermehrung (und kreativen Ersteigerung) von Parks wie im Fall des »Clinton Community Garden« schwanken die Fundamente der Logik einer einst autogerechten Stadt, und das Ziel Michael Bloombergs – jede New Yorkerin, jeder New Yorker soll künftig nicht mehr als zehn Gehminuten von einem Park entfernt wohnen – rückt in vorstellbare Nähe. Jetzt müsste es New York nur mehr schaffen die Gentrifizierung zu stoppen, günstige Wohnungen zu errichten und die Überwachung und Kontrolle seiner vor allem afro- und hispanoamerikanischen BürgerInnen zurückzuschrauben. Bloombergs Nachfolger, Bill De Blasio, hat diese Vorhaben zumindest im Wahlkampf angekündigt.


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