Anna Jermolaewa

Barbara Holub

Barbara Holub ist Künstlerin und Mitglied von transparadiso, einer Platform für Architektur, Urbanismus und Kunst.

Paul Rajakovics


»Ein morgendliches Ritual in Havanna: Ein Brotverkäufer schiebt laut rufend seinen Wagen durch die Straßen. Sofort werden von links und rechts Körbe und Plastiktaschen abgeseilt. Er nimmt das abgezählte Geld aus diesen und legt seine Brote hinein. Schon geht es wieder für die Taschen und Körbe hinauf.« So lautet die Kurzbeschreibung auf Anna Jermolaewas Webseite, wo dieser Film, Basis für das Kunstinsert dieser Ausgabe, zu sehen ist (http://www.jermolaewa.com/works/video/untitled.html).
Anna Jermolaewa beschäftigt sich in ihrer künstlerischen Arbeit seit vielen Jahren mit dem Umgang von unterschiedlichen Ökonomien und Machtsystemen, die oft in autobiographischem Bezug zu ihrer Herkunft aus der Sowjetunion stehen. Die Wiederholung von Handlungen und gleichförmigen Bewegungen steht meist den von außen gesetzten Konditionierungen gegenüber. Dabei lenkt sie den Fokus auf die performative Äußerung der Handlung, die im Fall des panadero (Bäckers) zuerst einmal das ständige Ab- und Aufseilen der Taschen für das Brot ist. Im 15-minütigen Video hört man aber auch das laute Knarren des Wagens, das sich mit der Stimme des Brotverkäufers mischt. Der Wagen wird lautstark weitergeschoben. Es zeigt, wenn man die romantische Perspektive des Mitteleuropäers fallen lässt, eine Sisyphusarbeit. Mitten in der letzten Enklave einer Planwirtschaft (übrigens auch Titel einer älteren kritischen Arbeit von Anna Jermolaewa) verdient sich der Bäcker in der sich ständig wiederholenden Handlung des Brotverkaufes und des Weiterschiebens mühsam sein Geld.
Die Mittelseite zeigt die an der Hauswand herunterhängende Plastiktasche. Man sieht weder den Brotverkäufer noch die Person, die die Plastiktasche an der Schnur herunter-gelassen hat. Das verbindende Werkzeug, der Korb oder die Plastiktasche, verweist auf das alltägliche Ritual des Hinaufziehens und Hinunterlassens. Es steht der Charme einer Alltagspraktik im Vordergrund.
Michel de Certeau widmet sein Buch Arts de faire (dt. Kunst des Handelns) gleich zu Beginn dem »gemeinen Mann«, den er auch als einen aktiven Konsumenten oder »verkannten Produzenten« bezeichnet. Das Ritual der Kommunikation über Schnüre und Körbe entspricht genau diesem letztlich »liebenswürdigen« Szenario, welches als Praktik des »gemeinen Mannes« bezeichnet werden könnte.
Diese informelle Praktik einer Erwerbstätigkeit ist auf Grund von (globalen) Veränderungen im Kaufverhalten und zunehmenden Reglementierungen auch in Kuba vom Verschwin-den bedroht. Bereits der Titel der Installation Nostalgia, im Rahmen derer Anna Jermolaewas Film erstmals in der Camera Austria in Graz (2012) zu sehen war, verweist auf eine Alltagshandlung, die es vermutlich auch bei uns früher einmal gab. Man denke da etwa an den Film »Händler der vier Jahreszeiten« von Rainer Werner Fassbinder, der auch in dieser Arbeit von Anna Jermolaewa eine Hintergrundreferenz war.
Diesen Sommer wird Anna Jermolaewa eine Klasse bei der Salzburger Sommerakademie leiten. Parallel dazu werden Arbeiten von ihr im Salzburger Kunstverein in der Ausstellung Punctum (26.07 – 21.09) und in der Galerie im Traklhaus in Salzburg (16.07– 13.09) zu sehen sein. Weiters stellt Anna Jermolaewa dieses Jahr noch im Gwangju Museum of Art in Südkorea (1.8 – 1.11) und im Martin-Gropius-Bau in Berlin in »Memory Lab. The Sentimental Turn – Photography Challenges History« (17.10 – 15.12) aus. In Wien wird sie im MUSA an der Ausstellung Eyes On – Europäischer Monat der Fotografie (28.10 – 24.01.2015) teilnehmen und in der Galerie der Stadt Wels wird sie zwischen 4.7. und 12.10 in der Ausstellung »Wunder Katze« ebenfalls vertreten sein.

http://www.jermolaewa.com


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