Peter Arlt


Cottbus, eine Stadt im Osten Deutschlands, 100.000 EinwohnerInnen, nahe der polnischen Grenze, eine Stunde südöstlich von Berlin, erregt immer wieder die Aufmerksamkeit der überregionalen Medien. Zum einen durch den Bundesligaverein Energie Cottbus, der nun – gegen alle Prognosen der Fachleute – doch nicht absteigt. Geschichte schrieb Energie Cottbus im April dieses Jahres, als der Verein als erster in der deutschen Fußballbundesliga ausschließlich Nicht-Deutsche einsetzte. Zum anderen taucht der Name Cottbus des Öfteren im Zusammenhang mit rechtsextremen Vorfällen auf. Im Jänner 01 – laut Polizeibericht – 30, im Februar 13 und im März 22 Vorfälle mit rechtsextremen Hintergrund. Diese Zahlen sind aber nur die Spitze eines Eisbergs. Die Polizei spricht lieber von Körperverletzung oder Auseinandersetzung unter Jugendlichen, wenn Rechte gegen AusländerInnen, Obdachlose, Linke, Punks losschlagen. Die Zahlen vernebeln aber in anderer Hinsicht den Blick auf die Problematik Was heißt das – befreite Zonen? Wir betrachten die befreiten Zonen aus militanter Sicht, also aus der Sicht des politischen Aktivisten. Es geht keinesfalls darum, eigenständige staatliche Gebilde oder ähnlichen Unsinn ins Leben zu rufen. Nein, befreite Zonen bedeutet für uns zweierlei. Einmal ist es die Etablierung einer Gegenmacht. Wir müssen Freiräume schaffen, in denen wir faktisch die Macht ausüben, in denen wir sanktionsfähig sind, d.h. wir bestrafen Abweichler und Feinde, wir unterstützen Kampfgefährtinnen und –gefährten. Wir helfen unterdrückten, ausgegrenzten und verfolgten Mitbürgern. Das System, der Staat und seine Büttel werden in der konkreten Lebensgestaltung der politischen Aktivisten zweitrangig. Entscheidender wird das Verhalten derer sein, die für die Sache des Volkes kämpfen, unwichtig wird das Gezappel der Systemzwerge sein. Wir sind drinnen, der Staat bleibt draußen. Aus: Zeitschrift des nationaldemokratischen Hochschulbundes (NHB) Vorderste Front, 1993. Weder in Cottbus noch anderswo beherrscht die gewalttätige rechte Szene Teilbereiche öffentlicher Räume im Sinne von no-go-areas, in denen sie eine räumliche Hegemonie innehaben. Aber in weiten Teilen der Stadt, besonders in Stadtteilen Sachsendorf und Schmellwitz – Plattenbaugebiete aus den 70er-Jahren – muss man von einer faktischen Machtausübung sprechen. Rechte Jugendliche, erkennbar an Haarschnitt, Kleidung und Gehabe stehen an Tankstellen, Tramhaltestellen und vor Geschäften – und tun nichts. Das Vernichten bzw. Verjagen des ihnen Anderen, ist gleichsam die Grundlage einer Kontrolle öffentlichen Raums, die sich dann alleine durch Präsenz organisiert: man steht oder geht einfach – in Gruppen – rum und besetzt so gewisse Orte und übt dort Macht aus. Ziel ist immer, Stärke zu demonstrieren, nicht zu weichen und dem Anderen Angst zu machen, einzuschüchtern, ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen. Dieses alltäglich gewordene Phänomen hat das Verhalten der Menschen im öffentlichen Raum verändert. Es ist stärker normiert, und die Möglichkeiten für den Einzelnen und die Einzelne, den öffentlichen Raum zu nutzen, sind eingeschränkt. Nur noch an Orten und zu Zeiten des Feierns, des Außeralltäglichen (Rummel, Fußballspiele, Konzerte, Weihnachtsmärkte) testen die Rechten die Reizschwellen für ziviles wie staatliches Einschreiten aus. Man hat sich an die Herumstehenden gewöhnt – man verhält sich unauffällig und weiß, was man besser unterlässt. Man unterlässt auch Hilfeleistungen. ZeugInnen für Zwischenfälle finden sich selten. Man hat nichts gesehen und nichts gehört. Man weicht aus – und sieht prophylaktisch weg. Man ist an den Anderen nicht interessiert, man will keine Schwierigkeiten. Aber was heißt öffentlicher Raum? Nach Hannah Arendt: (vita activa, S. 62): „Das Wort öffentlich ... bedeutet, dass alles, was vor der Allgemeinheit erscheint, für jedermann sichtbar und hörbar ist, wodurch ihm die größtmögliche Öffentlichkeit zukommt. Dass etwas erscheint und von anderen genau wie von uns selbst als solches wahrgenommen werden kann, bedeutet innerhalb der Menschenwelt, dass ihm Wirklichkeit zukommt.” Das was man nicht sieht und hört existiert nicht. Der öffentliche Raum ist auch der Ort, an dem sich jedermann aufhalten darf, zu jeder Zeit, kostenfrei, und wo die Freiheit besteht, das zu tun, wozu ich Lust habe (im Rahmen der Gesetze).

Im öffentlichen Raum gelten auch gewisse Regeln. Die Einhaltung dieser Regeln des Miteinander-Umgehens obliegt zuallererst dem Staat. Der öffentliche Raum wird aber auch, quasi permanent, durch die in ihm präsenten Personen hergestellt. Das permanente Herstellen orientiert sich im Normalfall an den gesetzlichen Regelungen, die aber zeit- bzw. situationsweise auch außer Kraft gesetzt werden. Es bestehen auch orts- bzw. länderspezifische Eigenheiten. Sind in Hamburg rote Ampeln auch von FußgängerInnen uneingeschränkt akzeptiert, so haben sie in Neapel selbst für AutofahrerInnen eher appellativen Charakter. Die gesetzlichen Grundlagen sind die gleichen – bestimmend ist aber die Macht des Faktischen. Die im öffentlichen präsenten Personen prägen durch ihre Handlungen denselben solange, bis der Staat gegen diese Überschreitungen einschreitet. Verhalten sich nun lediglich einzelne Personen außerhalb allgemein akzeptierter Normen, dann kann es sein, dass andere NutzerInnen des öffentlichen Raums dagegen einschreiten. Diese Zivilcourage beruht auf einer eindeutigen Verletzung der vereinbarten Regelungen. Sie fehlt, wenn nicht klar ist, was allgemein anerkannt ist, und wenn man Angst hat. Durch das Wegsehen und Weghören verschwindet eine gemeinsame Wirklichkeit und eine andere, auf physischer Macht basierende Wirklichkeit tritt an ihre Stelle. Der öffentliche Raum ist dann nicht für alle – und gerade für die Schwächsten ist er der Ort an dem sie sein dürfen und vor den Augen und Ohren aller erscheinen - da, und er basiert nicht mehr auf demokratisch-zivilgesetzlicher Grundlage. Rechte Gewalt benötigt für ihre Existenz das Wegsehen und Weghören.

Für eine Andere Präsenz im Öffentlichen Raum: Zwei Aktionen

Im Rahmen des Seminars „controlled space“ von Gastprofessor Philipp Oswalt und Dr. Peter Arlt haben StudentInnen zwei exemplarische Aktionen entwickelt und am 17. 1. 01 durchgeführt. Diese sollen die Aufmerksamkeit der BürgerInnen auf den öffentlichen Raum lenken, und ein anderes, freundlicheres und lustvolleres Miteinander-Umgehen demonstrieren.

Aktion 1

Begrüßung im öffentlichen Raum. Am Mittwoch, den 17. 1. zwischen 14 und 15 Uhr begrüßen wir an der Straßenbahnhaltestelle Gelsenkirchner Allee aussteigende Fahrgäste und Wartende im öffentlichen Raum.

Aktion 2

Präsenz der BürgerInnen im öffentlichen Raum. Am Mittwoch, den 17. 1. zwischen 18 und 19 Uhr projizieren wir Bilder von Cottbuser BürgerInnen in den öffentlichen Raum an der Kreuzung Gelsenkirchner Allee/ Kantstraße in Sachsendorf. Wenige Tage davor haben sich in Schmellwitz über 40 BürgerInnen bereit gefunden, sich hierfür fotografisch porträtieren zu lassen. Die Lausitzer Rundschau titelt am Tag nach den beiden Aktion: „Freundlichkeit schockiert – und bringt zum Reden“. Weiter heißt es: „mit einer Schockaktion kamen gestern in Sachsendorf Studenten mit Passanten ins Gespräch über rechte Gewalt. Mit Blumen und Kaffee wurden die Cottbuser an der Straßenbahnhaltestelle Gelsenkirchner Allee überrascht...“ Bei der (scheinbaren) Harmlosigkeit der Aktionen vermutet man als OrtsunkundigeR Ironie des Reporters. Welche aber die alltägliche Atmosphäre im öffentlichen Raum in Sachsendorf, speziell nach Einbruch der Dunkelheit, kennen, wissen um die Brisanz, wenn Andere und Anderes den öffentlichen Raum in Beschlag nimmt.

Vor allem abends sind rechtsradikale Jugendliche allgegenwärtig und auf der Suche nach dem Kick. So hat auch die Abendaktion: „Schmellwitz grüßt Sachsendorf“ deren „Interesse“ geweckt, aber indem sie von uns aus angesprochen und zu Glühwein eingeladen wurden, fanden sie keinen richtigen Ansatzpunkt zum Aktiv-Werden. Mit einer gehörigen Portion Naivität (die der heiligen Narren) und – im wahrsten Sinne - entwaffnender Freundlichkeit sind bestehende Muster aufzubrechen und führen eine andere Präsenz in den öffentlichen Raum ein, die auf freundschaftlichen Gesten und dem sich daraus ergebenden Gespräch basiert.


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