Elke Rauth

Elke Rauth ist Mitglied des Vorstands von dérive - Verein für Stadtforschung.


Im Jahr 2003 beschloss Dieter Böhmdorfer, FPÖ-Justizminister der damaligen österreichischen Bundesregierung, die Auflösung des Wiener Jugendgerichthofs mit angeschlossener Haftanstalt. Fortan sollten jugendliche und erwachsene Straftäter in gemischten Gefängnissen untergebracht werden. Der geschützte Raum für die mit dem Gesetz in Konflikt geratenen 14- bis 18-jährigen, vor denen sich ihrerseits wiederum die Gesellschaft zu schützen trachtete, musste den Sparplänen weichen.

Drei Jahre nach der Auflösung der in den 1920er Jahren errichteten Institution und kurz vor dem endgültigen Verkauf an einen privaten Investor, entschloss sich der Eigentümer, die Bundesimmobiliengesellschaft BIG, zu einer künstlerischen Dokumentation des Gebäudes. Der daraus resultierende Bildband Jugendgericht der Fotografinnen Eva Schlegel und Eva Würdinger stellt den Versuch einer Annäherung an das Gebäude dar, mit seinen der Disziplinierung und Unterwerfung dienenden Grundrissen, seinen Hafträumen, den unzähligen Zeichnungen, Ritzungen und Inschriften, die von der nicht enden wollenden Langeweile des Gefängnisalltags zeugen. Ergänzende Texte von Ute Woltron und Sabine Folie liefern inhaltliche Versatzstücke sowohl zum Haus und seiner Geschichte, als auch zu den Photoarbeiten.

Während Eva Würdinger mit formaler Strenge im Format 6x6 die Architektur mit der Anordnung der Zellen und den langgestreckten Gänge erfasst, nähert sich Eva Schlegel den Räumen auf emotionaler Ebene. Fasziniert vom Gebäude und dessen unerwarteter Farbigkeit habe sie direkt „anfotografieren“ müssen gegen die Schönheit und Pastelligkeit der Räume, um deren dunkle Dimension freizulegen, meint die Künstlerin im Vorwort zu ihrer Arbeit. Und tatsächlich: Leuchtend orange begegnen einem die Räume, hellblau und gelb. Eine Folge des Arbeitsmangels in der Verwahranstalt: Alle sechs Monate wurde von den Insassen neu ausgemalt, um auf diesem Weg Beschäftigung zu schaffen.

Die Anordnung der atmosphärischen Fotografien folgt der funktionalen Abfolge der Maschine Gefängnis: Der Weite der repräsentativen Gerichts- und Amtsräume folgt die Enge des Gefängnistrakts und seiner entmenschlichenden Zellenstruktur, die keine auch noch so kleine Form von Rückzug und Intimität gestattet. Danach folgen die Schaltzentralen – Heizungskeller, Küche, Werkstätten, Archiv. Wie Schatten aus der Vergangenheit positioniert Eva Schlegel immer wieder schemenhaft Menschen in ihren Aufnahmen. Frei sich zu bewegen, und – wie Sabine Folie in ihrem Beitrag schreibt – „das utopistische Gegenteil dessen, was hier geschehen ist, (...) das Versprechen einer ungewissen, aber verheißungsvollen Zukunft.“


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