Daniela Hohenwallner


„Im Jahr 2000 werden mehr als ein Dutzend Großstädte 20, einige von ihnen mehr als 30 Mio. Einwohner haben.“ (Herbert Sukopp & Rüdiger Wittig 1998)

Begriffsdefinition

Der von Ernst Haeckel geprägt Begriff „Ökologie“ bezeichnet im ursprünglichen Sinn die Lehre vom Haushalt der Natur. Um diesen analysieren zu können, müssen die gegenseitigen Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen den Organismen untereinander und zu ihrer unbelebten Umwelt bekannt sein. Im Falle des Begriffes der „Stadtökologie“ reicht diese Herangehensweise allerdings nicht mehr aus, da die Stadt als Produkt der menschlichen Gesellschaft dies nicht zulässt. Geistes- und Kulturwissenschaften, Politik etc. müssen in einer modernen Form der Stadtökologie ebenfalls in die Betrachtungsweise mit einbezogen werden. Herbert Sukopp und Rüdiger Wittig (Sukopp & Wittig 1998), beide führende Wissenschaftler zum Themenkomplex Stadtökologie, geben folgende Definition:

„Stadtökologie i. e. S. ist diejenige Teildisziplin der Ökologie, die sich mit den städtischen Biozönosen, Biotopen und Ökosystemen, ihren Organismen und Standortsbedingungen sowie mit Struktur, Funktion und Geschichte urbaner Ökosysteme beschäftigt.„

Eine angewandtere Definition ergibt sich, wenn man diese um den Versuch, das Ökosystem Stadt „menschenfreundlich“ zu gestalten, erweitert:

„Stadtökologie i. w. S. ist ein integriertes Arbeitsfeld mehrerer Wissenschaften aus unterschiedlichen Bereichen und von Planung mit dem Ziel einer Verbesserung der Lebensbedingungen und einer dauerhaften umweltverträglichen Stadtentwicklung.“

'Urban ecology' versus 'Stadtökologie

Der Wissenschaftszweig Stadtökologie hat verschiedene Traditionen und in dieser Hinsicht auch unterschiedliche Ansatzweisen:

In der amerikanischen Literatur spricht man von „Urban ecology“, was nicht mit dem deutschen Begriff der „Stadtökologie“ gleichzusetzen ist. “Urban ecology" war in ihren Anfängen auf dem Gebiet der Soziologie angesiedelt. Robert Ezra Park, eines der führenden Mitglieder der so genannten Chicagoer Schule, hielt bereits im Jahre 1926 eine Vorlesung mit dem Titel „urban ecology“, die zum Inhalt “die Vielfalt der Beziehungen zwischen Stadt und Gesellschaft” (Park et al. 1925) hatte. Die Chicagoer Schule thematisierte in ihrem humanökologischen Ansatz die Beziehungen zwischen Menschen und ihren natürlichen Umwelten. Sie entstand, als sich Chicago von einem Ort für Getreidehandel und Fleischverarbeitung des landwirtschaftlichen Mittelwestens zu einer Industriestadt entwickelte. Für Park galt es, den Zusammenhang zwischen den natürlichen und kulturellen Elementen der lokalen menschlichen Gesellschaft zu untersuchen. Unter natürlichen Grundlagen werden Ressourcen verstanden und unter kulturellen Elementen Weltbilder, Organisationen, Brauchtum etc. Die Dimension der Natur blieb infolge übermächtiger organisatorischer und technischer Probleme der industriellen Großstadt ausgeklammert. Die Richtung der Forschung ging in die Untersuchung der sozialen Verhältnisse in der Großstadt ein. Der Zusammenhang mit der natürlichen Umwelt wurde vorwiegend theoretisch behandelt. Erst in den 60er-Jahren wurden zunehmend Stoffkreisläufe und Energieströme in dieses sicher erweiternde Konzept einer „urban ecology“ eingebaut bzw. um diese Information ergänzt. In Europa wurde der Wissenschaftszweig der „Stadtökologie“ in Deutschland und vielen europäischen Ländern von NaturwissenschaftlerInnen, insbesondere von BotanikerInnen gegründet. Das Interesse war in der Tradition der Naturgeschichte auf Fauna und Flora gerichtet. Nylander beobachtete bereits 1866 im Jardin du Luxemburg den Einfluss von Luftverschmutzung auf die Flechtenflora von Paris. Arnold 1891, Hoeppner u. Preuss 1926 beschäftigten sich ebenfalls mit diesen Themen in der Großstadt. Diesen ersten Untersuchungen von Großstädten ist das Erstaunen darum, dass der gängigen Meinung der Großstadt als lebensfeindlichen Raum nicht nachgekommen werden konnte gemein. Es wurde vielmehr festgestellt, dass sogar in diesen Lebensräumen regelmäßig wiederkehrende Artkombinationen auftraten und dieses Auftreten keine Zufallsprodukte darstellten und darstellen. Nach dem Ende des Nationalsozialismus schenkte man besonders der „Trümmerflora“ besonderes Augenmerk (Kreh 1955) Die eigentliche Begründung der Stadtökologie erfolgte in Mitteleuropa zuerst in Berlin (Sukopp 1973, 1990). Bei diesen Ansätzen ging und geht es um die „spezielle Situation der Natur in der Stadt“, d. h. um die Untersuchung des Lebensraumes Stadt im Sinne der Biologie mit dem Methodeninventar der Ökologie (diese inkludieren die Untersuchung des Stadtklimas, der Böden, des Boden- und Grundwasserhaushaltes, der Flora und Fauna etc.).
Berlin als geteilte Stadt mit einem - aus botanischer Hinsicht - toten Zentrum - bot diesem Wissenschaftszweig die Gelegenheit, an der Wiederbesiedelung der Trümmerflächen durch Fauna und Flora teilzunehmen. Weiteres Augenmerk wurde auf die Flächen, die durch die Nichtnutzung durch den Menschen plötzlich zum Ausgangspunkt von Sukzessionsprozessen wurden, gelegt. Aus einer strikt wissenschaftlichen Grundlagenforschung einer „Berliner Schule der Stadtökologie“ entstand die Biotopkartierung (punktuelle oder flächendeckende Erhebung und Inventarisierung der verschiedenen Lebensräume). In weiterer Entwicklung führte diese Biotopkartierung zu einer Art “Biotopmanagement” und zu Umweltdatenbanken. Eigenständige Forschungskomplexe sind über Flora, Fauna und Stadtklima entstanden.
Nach der zunächst thematisch getrennten Entwicklung von „urban ecology” und „Stadtökologie” im amerikanischen und europäischen Raum haben sich diese beiden Forschungsansätze inhaltlich getroffen. In Europa beginnt man zunehmend, Stadtökologie umfassender zu definieren, und in Amerika wird „urban ecology“ um planungsbezogene, naturwissenschaftliche Beiträge erweitert (z. B. Anlage von Grünanlagen, Bedeutung von Stadtbäumen etc.). Bestandsaufnahmen von Pflanzen und Tieren haben jedoch - verglichen mit dem europäischen Ansatz - immer noch eine viel geringere Bedeutung. Derartige Untersuchungen werden in Nordamerika unter dem Begriff „urban wildlife” subsumiert.

MAB-Projekte

Aus dem so genannten Man-and-Biosphere-Programm der UNESCO resultieren schließlich weitere Versuche einer Gesamtuntersuchung urbaner Räume. Diese Studien fassen sowohl naturwissenschaftliche als aus humanökologische und soziologische Aspekte zusammen und können als Versuche einer synoptischen Herangehensweise, wie sie in den beiden Strömungen der urban ecology und der Stadtökologie entwickelt wurden, gesehen werden. Diese Man-and-Biosphere-Programme wurden in Hongkong (Boyden et al. 1981), Tokio (Numata 1981) etc. umgesetzt.

Sektorale versus integrale Stadtökologie

Abgesehen von dieser zunächst unterschiedlichen Herangehensweise in Nordamerika und Europa kann man 'Stadtökologie' in die so genannte sektorale bzw. integrierte Stadtökologie unterteilen. Von sektoraler Stadtökologie spricht man, wenn lediglich ein Teilbereich (z. B. nur die Flora) einer Stadt bearbeitet wird. Dieser Ansatz erhebt den Anspruch einer überwiegend angewandten Wissenschaft. Integrierte Stadtökologie setzt sich aus verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen zusammen und soll zunächst eher theoretische Ansätze liefern.

Räumliche Abgrenzung von Stadt

Egal ob sektorale oder integrierte Stadtökologie, die Abgrenzung der Untersuchungsgebiete vom Umland sind folgende: Städtische Ökosysteme unterschieden sich durch eine Reihe von Eigenschaften von nicht-städtischen. Typisch städtisch ist das gehäufte, verdichtete Auftreten zahlreicher anthropogener (menschlicher) Nutzungen (wie z. B. Wohnen, Industrie, Handel, Verkehr oder Administration). Nur Bereiche, in denen eine oder mehrere dieser Nutzungen in starkem Maße auftreten, gehören zum Untersuchungsgebiet der Stadtökologie. Untersuchungsgegenstand (vor allem der Naturwissenschaften) sind somit typisch urbane Ökosysteme (Industriebrachen, Verkehrsanlagen, Gewerbeflächen, Pflasterritzen, Dächer etc.). Ökosysteme die dem Faktorenkomplex 'Stadt' zugerechnet werden können und Ökosysteme, die vorhin genanntem Komplex ihre Existenz verdanken, auch wenn sie auf dem Land liegen ( z. B. Flughäfen, Deponien etc.), werden ebenfalls untersucht.

Daniela Hohenwallner. Institut für Ökologie und Naturschutz, Abteilung für Naturschutzforschung, Vegetations- und Landschaftsökologie, Uni Wien


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Literaturliste

Kreh, W. (1955): Das Ergebnis der Vegetationsentwicklung auf dem Stuttgarter Trümmerschutt. Mitt. Flor.-soz. Arb. Gem. N.F. 5: 69-75.

Park, R.E., Burgess, E.W., McKenzie R.D. (eds.) (1925): The City. The University of Chicago Press, Chicago.

Sukopp, H. (1973): Die Großstadt als Gegenstand ökologischer Forschung. Schr. Ver. Verbreitung naturwiss. Kenntnisse 113: 90-140.

Sukopp, H. (Hrsg.) (1990): Stadtökologie. Das Beispiel Berlin. Reimer. Berlin.

Sukopp, H. & Wittig R. (1998): Stadtökologie - Ein Fachbuch für Studium und Praxis. G. Fischer Verlag, Stuttgart.

Weiterführende Literatur zum Thema Stadtökologie

Ritter, E.-H. (Hrsg.) (1995): Stadtökologie - Konzeption, Erfahrung, Probleme, Lösungswege. Zeitschrift für Angewandte Umweltforschung, Sonderheft 6. Analytica-Verlag, Berlin.

Klotz, S., Gutte, P., Klausnitzer, B. (1984): Literaturübersicht: Charakterisierung und Gliederung urbaner Ökosysteme. Hercynia N.F. 21: 218-234.

Nature Conservacy council (1980): Wildlife in the city. Information and libaray services. Bibliography Series, Natrue Conservacy Council, Bambury, Oxon.

Sukopp, H., Werner, P. (1982): Nature in cities. A report and review of studies and experiments concerning ecology, wildlife and nature conserveration in urban and suburban areas. Council of Europe Nature and Environment Series, Strassbourg.