Stolen Statues (Licked)
Kunstinsert von Lotti BrockmannLotti Brockmann interessiert sich in ihrer Arbeit für Vergänglichkeit, das Bewahren und Aufnehmen von Erinnerungen. Für ihre 2022 begonnene Serie Stolen Statues (Licked) nimmt sie Abdrücke von Statuen im öffentlichen Raum. Sie formt den Mund-Nasen-Bereich berühmter Persönlichkeiten ab, die – freistehend oder an Fassaden angebracht – in steinerner Form geehrt und verewigt sind und gießt sie anschließend in Zucker zu überdimensionalen Lollipops. Diese lehnen an Stahlstangen an der Wand, sind zum Verzehr angeboten, oder tropfen langsam zu Boden. Christoph Kolumbus, Sigmund Freud oder Erwin Schrödinger sind so schon zur Süßware geworden.
Für Brockmann, die am Wattenmeer aufgewachsen ist, dessen stetiger Wechsel von Ebbe und Flut die Landschaft prägt, ist alles in Bewegung. Ihre Werke sind unbeständig, sie transformieren ihre Gestalt, breiten sich als klebrige Masse auf dem Boden aus und lassen sich nicht einfach bewahren. Für Ausstellungen werden sie regelmäßig neu gegossen, ihr zähes Rinnen gleicht einer Sanduhr, die sich über die Dinge legt.
Die Agency von Materialien und Formen steht im Fokus ihrer Recherche. Zucker, als vom Kolonialhandel ermöglichter Genuss, war einst wertvoll und rar. Bis sich um 1800 der Rübenzucker in Europa verbreitete, stammte er aus den monokulturellen Zuckerrohrplantagen des globalen Südens, häufig aus Sklavenarbeit. Als Gewürz und Dekorationsmaterial war er den Reichen vorbehalten, an herrschaftlichen Tafeln etwa waren kunstvolle Tischaufsätze aus Zucker gebräuchlich, die am Ende des Mahls verspeist wurden.
Brockmann macht daraus ein kollektives transgressives Ereignis. Die abgeformten Gesichtsfragmente toter, männlicher Heroen können geleckt, geküsst und geteilt, oder teilnahmslos in ihrem langsamen Verfall betrachtet werden. In dieser subversiven Aneignung künstlerischer Werke ebenso wie hegemonialer Geschichtsschreibung stecken Begehren und Ekel zugleich. Und Humor.
Lotti Brockmann ist 1995 in Cuxhaven geboren und lebt in Wien. Ende Juni präsentiert sie ihre Diplomarbeit an der Akademie der bildenden Künste, Wien. Von 13.—31. Mai ist ihre Arbeit Stolen Statues (Licked) Teil der Ausstellung dérive — Horizont Stadt (siehe Seite 69), im Oktober eröffnet ihre erste institutionelle Einzelausstellung in der Kunsthalle Wilhelmshaven.
Andreas Fogarasi
Lotti Brockmann ist 1995 in Cuxhaven geboren und lebt in Wien. Ende Juni präsentiert sie ihre Diplomarbeit an der Akademie der bildenden Künste, Wien.
Andreas Fogarasi ist bildender Künstler und Redakteur von dérive.