Barbara Holub

Barbara Holub ist Künstlerin und Mitglied von transparadiso, einer Platform für Architektur, Urbanismus und Kunst.

Marusa Sagadin

Paul Rajakovics


Maruša Sagadin ist eine sehr präsente Künstlerin, wir sind erstmals beim Steirischen Herbst 2011 auf ihre Arbeit gestoßen, als sie in der Grazer Mariahilferstraße längs der Häuserfront Sitz- und Leuchtobjekte installiert hatte. Vielleicht hätten wir uns gar nicht hingesetzt, wenn nicht schon andere Bekannte dort gesessen wären. Die Objekte waren ein Hybrid zwischen Skulptur, Tisch und Bank. Der Ort hätte in seiner Ambivalenz nicht besser gewählt werden können, da die Mariahilferstraße in Graz als Zentrum des Kreativreviers Lend jenseits der Mur, als Kulturachse zwischen Kunsthaus und dem mittlerweile traditionsreichen Kulturzentrum bei den Minoriten gilt. Der Großteil der Grazer KünstlerInnen wandte sich – wie Maruša Sagadin – damals gegen ihre Instrumentalisierung für die dort in großem Maßstab stattfindende Gentrifizierung. (Die ursprüngliche Idee der 1980er-Jahre, den Bezirk Lend, bzw. die andere Seite der Mur, über die Intensivierung von Kulturproduktion aufzuwerten, war mit dem Steirischen Herbst 2011 endgültig in übliche Verdrängungsprozesse gesteuert worden. So schrieb Madeleine Napetschnig nach einem Interview mit der Künstlerin damals in der Tageszeitung Die Presse: »Hier soll man alles dürfen, nur bloß nicht konsumieren müssen, meint Sagadin, der die Ökonomisierung des öffentlichen Raumes generell viel zu weit geht.« Die Objekte der Künstlerin verstanden sich als Transmitter zu den in den Auslagen temporär ausgestellten Kunstprojekten.
Gerade deswegen ist sehr erfreulich, dass Maruša Sagadin die Arbeit Terra Cotta, Panna Cotta, die auch als eine Weiterentwicklung des damaligen Projektes gesehen werden kann, für dérive vorgeschlagen hat. Auch in dieser Arbeit, die sie Ende letzten Jahres in der Galerie Syndicate in Köln zeigte, kommen bunte Skulpturen aus Holz, Beton und Metall zum Einsatz. Der lustvolle Umgang mit den Objekten referenziert noch offensichtlicher die Postmoderne. So steht ein überdimensionales Betonlippenstiftobjekt (erste Seite des Inserts) in direktem Zusammenhang mit Philip Johnsons Lipstick Building in Manhattan (1986). Auf der Doppelseite ist dann der Meister selbst mit überzeichneten Brillen zu sehen. Neben ihm sieht man ein von einer Person gehaltenes Relief, welches sich der üblichen sorgfältigen Handhabung von Kunst mittels weißer Handschuhe entgegenstellt. Sagadin geht es um die direkte Aneignung und den Kontakt zu Objekt und Material von Seite der RezipientInnen. Daneben steht groß: Doris. Doris bezieht sich vermutlich auf Dorerin – also auf die Dorer, die dorische Ordnung und im Besonderen die gleichnamige Säulenanordnung. Die Säule ist ein weiteres Motiv, an dem die Künstlerin intensiv arbeitet. Dabei geht es ihr ebenfalls um ein Re-Reading postmoderner Motive, wie es Tina di Carlo in ihrem Text Doris Ionic Iconic zur gleichnamigen Einzelausstellung Sagadins im SPACE in London festhält. Sie leitet Sagadins Ansatz von Hans Holleins Beitrag zur ersten Architekturbiennale 1980 (La Strada Novissima) ab, in der Hollein neben einer hängenden und einer mit Efeu umhüllten Säule, auch den Entwurf des Chicago Tribune Tower in eine Säulenreihe stellt.
Maruša Sagadin, die vor ihrem Kunststudium an der Akademie der bildenden Künste in Wien und in Graz Architektur studiert hat, geht es hier nicht um die Funktion einer Säule, sondern um deren Mehrwert als architektonisches Fragment. Das Kippen der Säule zu einem Sitzobjekt – welches schlicht mit frischen Farben überzogen wird – stellt sich dem repräsentativen Charakter der klassischen Säule entgegen.

Barbara Holub/ Paul Rajakovics


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