» Texte / Urbane Gärten als Schule demokratischer Konfliktkultur

Ernst Gruber

Ernst Gruber ist Architekt, Vermittler und Stadtforscher.


Das umkämpfte Grün ist in den zehn Beiträgen des gleichnamigen Sammelbands jeweils Ausgangspunkt weiterreichender Betrachtungen zu Stadtentwicklung und BürgerInnenbeteiligung. Was in den größtenteils wissenschaftlich gehtaltenen Beiträgen jeweils unter Grün verstanden wird, reicht von selbst initiierten und angeeigneten, gemeinschaftlich bewirtschafteten Nutzgärten bis hin zu einem auf Freiwilligenarbeit aufbauenden Umgang mit kommunalen Parks und Freiflächen. Die Beschreibungen bedienen sich dabei auch der aktivistischen Forschung und Fallstudien, um sowohl die Sicht der Kommunen und Projektentwickler als auch der am Gärtnern beteiligten Menschen widerzuspiegeln.
Anknüpfend an eine Diskussion im Rahmen eines dreijährigen Forschungsprojekts mit dem Titel Green Urban Commons entstanden die Beiträge, die sich eher an ein im Diskurs gefestigtes Publikum richten. Für eine niederschwellige Vermittlungsleistung, die Titel und Cover zunächst vermuten lassen könnten, sind die theoretischen Ausführungen zu stark betont, Fotos und Illustrationen hingegen zu spärlich eingesetzt. Mitunter wird dem Lesepublikum auch durch recht eigenwillige Übersetzungen einiges an Durchhaltevermögen abverlangt. Querverweise zwischen den einzelnen Beiträgen stärken hingegen die Lesbarkeit.
Mit urbaner Landwirtschaft versteht aus Sicht der AutorInnen die Stadtentwicklung Nachbarschaftsgärten, AnwohnerInnen mögen den Begriff eher als landwirtschaftliche Gemüseproduktion auffassen. Dort, wo die Produktion von Lebensmitteln durch die Produktion von Gartenbildern abgelöst wird, zeigt sich der politische Bedeutungswandel zum Image, dem Bild von Grün.
Im Spannungsfeld neoliberalen Handelns stellt sich die Frage, wer sich für das Thema begeistert und vor allem aus welchen Motiven. Für InvestorInnen und ProjektentwicklerInnen ist das urbane Gärtnern Träger von Image, mehr noch als von Früchten. Sie freuen sich über die Möglichkeit der Aufwertung und der Verschönerung für ihre Projekte. Für Kommunen ermöglicht urbanes Gärtnern, über den Umweg der externalisierten Gartenarbeit im Sinne einer Austeritätspolitik, Kosten für Instandhaltung einzusparen. Ein angenehmer Nebeneffekt kann dabei sein, die Rolle der Bürger und Bürgerinnen sowie deren Beziehung zum Staat neu zu definieren, der nun als Ermöglicher auftreten kann. Durch unbezahlte Arbeitsleistung vollzieht sich die Umwandlung vom Bürgertum zu BereitstellerInnen von Umwelt-Dienstleistungen. Dafür erklären sich vor allem diejenigen bereit, für die Freiwilligenarbeit Teil einer Karrierestrategie ist. Dennoch oder vielleicht auch gerade deswegen werden Gruppen mit geringerem sozialen Kapital tendenziell eher ausgeschlossen, wie eine Untersuchung von sechs Gemeinschaftsgärten in Wien zeigt.
Die Fallstudien zeigen, dass die Politik ihren BürgerInnen über das Gärtnern weit weniger Spielraum lässt, als diese selbst (ohne die Politik) zu leisten im Stande sind. Am Beispiel Wiens und konkret am Entwicklungsgebiet Donaufeld (siehe dérive 67) zeigt sich die Kommune als Nutznießerin von Grün als eines Images, das sich auch im internationalen Städtewettbewerb gut verkaufen lässt. Der Erfolg dieses Wettlaufs geht in hohen Rankings in einschlägigen Studien zur Lebensqualität ein und ist zugleich eine der Ursachen für den Entwicklungsdruck. Dieser wird den BürgerInnen wiederum als schlicht unumgänglicher Druck von außen vermittelt, unter dem landwirtschaftliche Flächen dem steigenden Bedarf an Wohnraum weichen müssen, wenn die Betriebe nicht selbst über eine kritische Größe hinaus wachsen (»Wachsen oder Weichen«).

Wo solche Maßstäbe gelten und nur mehr über die Verteilung vorab definierter Baumassen, nicht aber über deren Quantität und Standort diskutiert werden darf, wird aus Partizipation (nach Klaus Selle) Particitainment. Zur Mitentscheidung derart grundsätzlicher Entscheidungen ist es nicht nur in Wien noch ein langer Weg, solange echte Aneignung wie die Landnahme zum Zweck nicht-kommerzieller landwirtschaftlicher Bewirtschaftung mit der gegenwärtigen Vehemenz unterdrückt wird, ist dieser Weg auch noch ein steiniger.
Was tun? Antworten auf diese Fragen zu liefern ist nicht zentrales Element des Bandes. Der Fokus liegt auf dem Beschreibenden, auf dem In-Beziehung-Setzen der AkteurInnen, ihrer Interessen und Handlungsfelder. Doch auch zart formuliert dringen optimistische Ausblicke durch, wie der am Beispiel Donaufeld beschriebene Weg der Aneignung der von oben angebotenen Partizipationsprozesse. Die aktive Zusammenarbeit zwischen privilegierten Gruppen und solchen in prekären Situationen stellt einen weiteren dar. Die Wiedererlangung kollektiver Kontrolle über städtischen Raum bildet gewissermaßen die Quersumme, auf die sich die Beiträge einigen: Die Gärten werden zum Sprungbrett für die Kritik der gegenwärtigen sozialen Verhältnisse und sind Orte des Einübens basisdemokratischer Fähigkeiten. In ihnen vollzieht sich die Aushandlung von Utopien, der Suche nach Alternativen, nach einer grüneren und gerechteren Stadt.
Kaum ein anderes Thema vermag der sehnsüchtigen Suche nach einer Alternative zum Neoliberalismus mehr Boden zu verschaffen als die Idee der Gemeinschaftsgärten als real existierende Commons. Die politische Aufgabe liege nun vor allem darin, sich nicht nur für urbanes Gärtnern, sondern auch gegen Verdrängung einzusetzen.


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