Installationsansicht Foto — Yusuke Sano
Walk! Walk! Walk! Stadtwanderung als soziales Kunstprojekt
Besprechung der Tokyo BiennaleDie diesjährige Tokyo Biennale versteht sich unter dem Titel Wander for Wonder als ein soziales Kunstexperiment, das die Stadt Tokio durchdringen und Bewohner:innen, Geschäftsleute, Besucher:innen, Künstler:innen und Expert:innen zur aktiven Teilnahme motivieren will. Speziell gefragt sind künstlerische Praktiken, die aus einem lokalen Kontext heraus operieren und deren sozial engagierte Projekte eine Veränderung im sozialen Verhalten bewirken sollen. Wie die lautstarken antimigrantischen Demonstrationen von japanische Flaggen schwingenden Nationalist:innen auf den Straßen Tokios drastisch zeigen, spiegelt sich die Brüchigkeit der japanischen Gesellschaft bereits im Stadtbild wider.
Im sozialpolitisch engagierten Gegenzug dazu lädt die Tokyo Biennale mit Einwohner:innen, Künstler:innen und Kreativen der spezifischen Region zur Erkundung der Stadtbezirke Chiyoda, Chuo, Bunkyo und Taito im Nordosten Tokios ein. Unter Heranziehung eines Bürger:innenkomitees und auf »community outreach« und »community grounding« ausgerichteten gemeinsamen urbanen Wanderungen wird tiefer in die kulturellen Komplexitäten Tokios eingetaucht. In Kooperation mit der Sanpo University organisiert die Biennale unter dem Motto Learn How to Wander and Discover the Excitement in Tokyo spezielle Stadtspaziergänge zur Erforschung urbaner Topografien, Uferlandschaften und Zwischenräumen. Mit Empathie für das Unerwartete wird eine neue Kunstkarte Tokios erstellt.
Social Dive ist ein Projekt, in dem internationale Künstler:innen wie Adam Roigart, Elke Reinhuber, Nalaka Wijewardhane, Camila Svenson oder Mariam Tovmasian mit dem Blick von außen verborgene Verbindungen in der Stadt aufdecken, die selbst für diejenigen, die in Tokio leben, bis dato unbemerkt blieben. Auffällig ist, dass sich im öffentlichen Raum Tokios kaum Mülleimer befinden und jede/r aufgefordert ist, seinen Müll mit nach Hause zu nehmen, um ihn dort zu sortieren. Urban Beautician, das Performance-Alter-Ego der Künstlerin Elke Reinhuber, lädt in ihrem Workshop die Teilnehmer:innen dazu ein, sich gemeinsam mit ihr um vernachlässigte Dinge der städtischen Umgebung wie Brückengeländer oder Getränkeautomaten
zu kümmern.
Das Sukima Project in Nihonbashi Muromachi-Honcho von einer ganzen Reihe von Künstler:innen gestaltet sich als Prozess, die Struktur der Stadt aus der Perspektive ihrer physischen und konzeptuellen Lücken zu begreifen und deren Zwischenräume für die Installation von Kunstwerken wie wohlriechende Pflanzeninstallationen und skulpturale Miniaturgebäude nutzbar zu machen. Die Stadtarchitektur des erdbebengefährdeten und durch Vereinzelung gekennzeichneten Tokios weist viele Zwischenräume zwischen Gebäuden auf. 39 Künstler:innen aus acht Ländern treffen aufeinander, um Kunst in der urbanen Landschaft Tokios und im semiöffentlichen Raum zu etablieren. In der Realisierung von Installationen im öffentlichen Raum stößt allerdings selbst die Tokyo Biennale auf Komplikationen von Seiten der Stadtverwaltung, forciert werden deshalb Kooperationen mit Firmen wie Mitsubishi. Im Zentrum Tokios gibt es viele schöne alte Holzgebäude, darunter historische Geschäfte, die von Architekturplakaten bekannt sind, die für Werbezwecke eingesetzt wurden. Wenn sie infolge von Gentrifizierung abgerissen werden, geraten sie in Vergessenheit. In einem dieser Gebäude, Ebihara Shoten, finden in Kooperation mit Tenthaus, einem norwegischen Kunstkollektiv und The OVEN Network, einer transnationalen Gruppe von Künstler:innen aus Bangkok, Seoul, Jakarta und Singapur, Workshops zu urbanistischen Themenstellungen statt.
Als zentraler Schauplatz fungiert der vor 400 Jahren in der Edo-Zeit gegründete Toeizan kann’ei-ji-Tempel. Während die Tempelleitung ihren regulären Betrieb aufrecht erhält, kommt jede:r Besucher:in in einen unerwarteten Kunstgenuss. Direkt am Tempel und an anderen Orten können die Teilnehmer:innen ihren Kopf dank der Skulptur Powerchord-Prayinghands (2025) von Osamu Mori in einen Stein stecken, um dessen erholsamen Vibrationen zu lauschen.
Meist erlaufen wir die Welt im Vorwärtsschritt. Doch was passiert, wenn wir rückwärts laufen? Wie sehr können wir der Stadtlandschaft vertrauen, dass sie unseren Rhythmus aufnimmt? Wie sehr verändern wir unseren Rhythmus, sobald wir uns in Epizentren bewegen? Unsere Körperbeweglichkeit ist eng mit unserer geistigen Fitness verbunden. Wie wir gehen, ob schnell, koordiniert oder langsam hat Auswirkungen. Die Geschwindigkeit unseres Gehens beeinflusst die differenzierte Wahrnehmung, die Denkfähigkeit, das Erkennen und Bewusstwerden von Vorgängen in uns selbst und unserer Umgebung, Gedächtnis, Problemlösungen und den Bereich von Fantasie und Kreativität. Walk, Walk, Walk (2025), eine Intervention von Transcultural Emancipation, appelliert an eine Sensibilisierung unserer kognitiven Sensoren im Erlaufen der Stadt. Durchatmen lässt sich in der Installation Breathe (2025), eine Zusammenarbeit zwischen Nguyễn Phu’o’ng Linh und Tr’o’ng Quễ Chi: aus zwei unterschiedlichen, miteinander verbundenen Werkgruppen bestehend, entfaltet sich Breathe wie ein lebender Organismus, wie der Herzschlag und Lungenrhythmus. In ihrem Ansatz, diverse Formen des experimentellen Verhaltens zu kultivieren und unterschiedliche Stadtmilieus zu durchqueren, zeigt die diesjährige Tokyo Biennale starke Parallelen zu den urbanen Praktiken des Dérive (Umherschweifens), wie sie von den Mitgliedern der Lettristischen und Situationistischen Internationale praktiziert wurden. Guy Debord definierte die Technik in Théorie de la dérive (1956) als eine Form experimentellen Verhaltens, das mit der Erkundung von Wirkungen psychogeografischer Natur verbunden ist.
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Tokyo Biennale. Wander for Wonder
17.10.–14.12.2025
www.tokyobiennale.jp/tb2025/?lang=en
Ursula Maria Probst ist Kulturarbeiterin, Kritikerin und Kuratorin in Wien.