» Texte / Warum sollen die Kulturwissenschaften Stadtforschung betreiben?

Lutz Musner


Auf diese Frage gibt es gleichermaßen eine wissenschaftshistorische wie eine wissensstrategische Antwort. Die wissenschaftshistorische Antwort gründet in der Geschichte der Kulturwissenschaften selbst. Seit ihrem Beginn im Fin de Siècle haben sich die Pioniere der Kulturwissenschaften immer wieder mit dem Thema „Stadt“ beschäftigt. So veröffentlichte Georg Simmel 1903 seinen viel beachteten Essay zum Thema „Die Groß-Städte und das Geistesleben“.[1] Walter Benjamin schrieb sein berühmtes Passagenwerk über Paris als der Hauptstadt des 19. Jahrhunderts.[2] Siegfried Kracauer widmete seine analytische Aufmerksamkeit kulturellen Phänomenen des Großstadtlebens wie dem Kino und der Lebenswelt der Angestellten.[3] Und schließlich entwickelte Robert Ezra Park am Beispiel Chicagos aus dem eben entstandenen Genre der Stadtreportage eine eigenständige soziologische Forschungsrichtung (Chicago School of Sociology).[4] Die kulturwissenschaftliche Stadtforschung, die die sozio-technische Metropolenentwicklung im 20. Jahrhundert wie ein epistemischer Schatten begleitet, kann somit als ein frühes Phänomen der reflexiven Moderne (Ulrich Beck) verstanden werden, die sich über die Bedingungen und Risiken ihrer eigenen Herkunft, Ausdifferenzierung und Dynamik ein Bewusstsein zu verschaffen suchte. Die Großstädte boten wie kein anderes Phänomen fortgeschrittener Gesellschaften die Gelegenheit, die Wechselwirkungen von Industrialisierung, Kapitalisierung, Technologieentwicklung, Architektur, Medien und Lebensstilen auf die ihnen eingeschriebenen kulturellen Bedeutungen hin zu untersuchen. Die wissensstrategische Antwort auf die Frage nach dem Sinn von kulturwissenschaftlicher Metropolenforschung ergibt sich aus dem Umstand, dass die Großstadt quasi ein „natürlicher“ Gegenstand transdisziplinärer Sozial- und Kulturforschung ist. Die Metropolenforschung ist geradezu prädestiniert, verschiedene Paradigmen der Kulturwissenschaften und der Cultural Studies zu einer gemeinsamen analytischen Anstrengung zu versammeln. An den Metropolen lassen sich nämlich gedächtnispolitische Zusammenhänge ebenso studieren wie die Wirkungen der Medienumbrüche und die Überformung der Gutenberggalaxis durch audiovisuelle Medien und die rezenten Techniken des Cyber-Zeitalters. Metropolitane Images, Traditionen und Signaturen können sowohl text- und literaturwissenschaftlich wie auch historisch-anthropologisch als kumulative Text- und Bildspeicher interpretiert werden, in den sich kollektive Erfahrungen der StadtbewohnerInnen sedimentieren und als verdichtete und multipel codierte Zeichen- und Bildvorräte ihrerseits menschliches Verhalten und kulturelle Orientierungen in der Stadt beeinflussen. Die Untersuchung der Wechselwirkungen unterschiedlicher Raum- und Zeitvorstellungen ergibt darüber hinaus interessante Anschlussmöglichkeiten an Disziplinen wie Kulturgeographie, Stadtsoziologie und Architekturtheorie bzw. -geschichte. Der intensive Waren-, Kapital- und Informationsaustausch zwischen den Metropolen sowie die anhebenden Migrationsströme zwischen den Kapitalen und der Zweiten und Dritten Welt lassen transdisziplinäre Grenzüberschreitungen zu, bei denen sich genuin kulturtheoretische Fragestellungen mit politikwissenschaftlichen und wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsansätzen kombinieren lassen. Was die kulturwissenschaftliche Stadtforschung von mehr quantitativ und klassisch sozialwissenschaftlich ausgerichteten Disziplinen wie Stadtplanung, Wohn- und Siedlungssoziologie sowie demographischen Zugängen unterscheidet, ist, dass den Kulturwissenschaften daran gelegen ist, die Zeichen, Töne und Bilder, die eine konkrete Stadt konstituieren, als Artikulationen ihrer Repräsentation zu analysieren. Den Kulturwissenschaften geht es nämlich in der Analyse von urbanen Lebensformen nicht primär um deren soziale, politische und ökonomische Aspekte, sondern es geht ihnen vor allem darum, zu verstehen, wie sich soziale Schichtungen und ethnische Differenzen, Macht- und Geschlechterverhältnisse sowie wirtschaftliche Ungleichheiten in Bedeutungen und Sinnzusammenhänge „übersetzen“ und dieserart eine zunächst abstrakt erscheinende zu einer empirisch erlebten Stadt machen. Den Kulturwissenschaften ist somit daran gelegen, jene Prozesse zu beschreiben und zu erklären, die die materiale Struktur einer Stadt in jene symbolische Gestalt verwandeln, die den urbanen Lebenswelten erst ihre Identität und ihren kulturellen Zusammenhalt verleiht. Oder anders und auf den Punkt formuliert - die kulturwissenschaftliche Sicht auf die Stadt sucht die Stadtkulturen und die Kulturen (in) der Stadt als die andere, nämlich als die symbolische Ausformung des Sozialen zu begreifen. Kulturalistische Ansätze in der Stadtforschung werden zudem durch den Wandel urbaner Produktionsweisen von industriellen hin zu postindustriellen Gütern bzw. Dienstleistungen und die dadurch verursachte Explosion der urbanen Semiosphäre begünstigt. Die immense Flut von Werbebotschaften und vielfältigen Presse- und Medienprodukten forciert eine kulturalistische Sicht, die die (Groß)Stadt als ein komplexes Gewebe konzeptualisiert, das eine spezifische kulturelle Textur aufweist, deren „Fasern“ von der Stadtplanung und Architektur über Film, Video und virtuellen Medien bis hin zu den städtischen Mythen, Legenden und Narrativen reichen, die sich in verschiedenen literarischen Gattungen und Genres (Krimis, Belletristik, Sachbücher) materialisieren. Von diesem Blickwinkel her kann man Städte als „symbolische Landschaften“ auffassen, in denen (selbstreflexive) Potenziale der Identitätskonstruktionen und Ordnungsvorstellungen wie des kollektiven und historischen Gedächtnisses eingeschrieben sind. In der Verhandlung der kulturellen Texturen der Metropolen, in ihrer Produktion, Dissemination und Rezeption vollziehen sich so nicht nur die Auseinandersetzungen um Gedächtnis und Geschichte, sondern auch jene um die Verteilung von politischer und symbolischer Macht und damit die Festlegung von Zukunftsoptionen. Mit ihren Alltags- und Lebensstilen, der je spezifischen Vermischung von Sprachen, Kulturen und Traditionen, und den jeweiligen lokalen Ausprägungen von globalen Entwicklungen und ortsbezogenen Eigenheiten bietet das Gebilde der Stadt - als realer wie fiktiver Ort - eine vorgegebene Karte, die gelesen, interpretiert und verstanden werden kann. Die in Stadtplänen kondensierten wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Machtverhältnisse sind freilich nur eine „Lesart“ der Stadt. Straßen, Brücken, Plätze, Denkmäler, Regierungsgebäude und historische Bauten repräsentieren zugleich umkämpfte Stätten der Erinnerung und liefern die Kontexte, Utopien und akkumulierten Erfahrungen, die einer bestimmten Stadt ihre spezifische (historische) Aura verleihen. Jenseits relativ stabiler architektonischer, städteplanerischer und technischer Ensembles sind Städte zugleich offene, nur durch das Fortschreiten der Zeit strukturierte „atonale Ensembles“ (Edward Said), in denen sich die Heterogenität, Pluralität und Unordnung, kulturelle Hybridität und Internationalität manifestieren. Die zeitgenössischen Metropolen sind damit Bühnen, auf denen sowohl die klassischen Demarkationen von Massenkultur und Profanität vs. Ästhetizismus und Authentizität gespielt wie die Travestie einer die Systemgrenzen sprengenden Popularkultur inszeniert wird. Die Metropole als der Generator von modernen Lebens-, Denk-, Kunst- und Konsumstilen ist somit in vielfacher Hinsicht für die kulturwissenschaftlichen Forschung interessant. Denn zumindest in den letzten 100 Jahren haben von dort wesentliche Impulse für Literatur, für die Wissenschaften sowie für die bildende und darstellende Kunst, aber auch für die Entwicklung von Medien wie Zeitungen, Fotografie und Film ihren Ausgang genommen. Die Metropolen können somit als dichte Quellen aufgefasst werden, an denen sich die Wechselwirkungen politischer, wirtschaftlicher und sozialer Faktoren in kulturellen Prozessen und Artefakten beispielhaft analysieren lassen.

Fußnoten


  1. Jahrbuch der Gehestiftung zu Dresden, IX; 1903, S. 185 - 206. ↩︎

  2. Vgl. Walter Benjamin, Gesammelte Schriften (hrsg. von R. Tiedemann, H. Schweppenhäuser). FfM. 1972 - 1989. ↩︎

  3. Vgl. Siegfried Kracauer, Das Ornament der Masse. Essays. FfM. 1977 [1927] sowie Schriften 1. Soziologie als Wissenschaft. Der Detektiv-Roman. Die Angestellten. FfM. 1971. ↩︎

  4. Vgl. Robert E. Park, The City: Suggestions for the Investigation of Human Behavior in the City Environment. In: American Journal of Sociology, Vol. 20 (1915), S. 577 -612. ↩︎


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