Foto — Klaus Pichler, Wien Museum
Welt, durchs Piktogramm betrachtet
Besprechung der Ausstellungen »Gesellschaft & Wirtschaft, Zeitgenössische Positionen zu Otto Neurath« im Musa und »Wissen für alle« im Wien MuseumDas von Otto Neurath gegründete Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum, zwischen 1927 bis 1934 in der Volkshalle des Wiener Rathauses zu Gast, bestand aus Stellwänden, die Josef Frank in dezent moderner Ästhetik entworfen hatte: zweckdienliche Stellwände aus Holz, an denen die innovativen Illustrationen der »Wiener Methode der Bildstatistik« gut lesbar platziert waren. Im Musa findet sich aktuell eine Rekonstruktion eines dieser Module, das jetzt als Display für heutige Kunstwerke dient. Auch diese bereiten Datenmaterial anschaulich auf. Sie interpretieren die auf akkumulierten Piktogrammen basierenden ›Isotype‹ jedoch als Abstraktionen, deren aktualisierende Applikation auf Heutiges auch eine kritische Relektüre impliziert. Wo Neurath in Allianz mit dem Künstler Gerd Arndt und der Mathematikerin Marie Neudecker ein bildbasiertes ›Lehrmuseum der Gegenwart‹ schaffen wollte, das der Arbeiter:innenklasse sozioökonomische Zusammenhänge begreiflich macht und das Projekt Rotes Wien als progressive Fortschrittsgeschichte erzählt, sucht die von Jelena Micić kuratierte Ausstellung eine Annäherung aus der Perspektive der Gegenwart, die diese visuelle Weltbetrachtung aus ihrem ungebrochenen Glauben an die Kraft des Faktischen löst.
So zeigt Florian Mayr abstrahierte textile Kalenderansichten, die seine Arbeitstätigkeit in verschiedenen Bereichen im Zusammenspiel von Ökonomie und Zeit visualisieren. Da das künstlerische Tun zum Lebensunterhalt nicht reicht, arbeitet Mayr auch als Kunsthandwerker, hinzu kommen meist unsichtbare Care-Tätigkeiten. Das Farbspektrum dieser aus Stoff für Arbeitskleidung genähten Bahnen mit Notationssystem gleicht dem von Neurath, ist jedoch anders kodiert: Rot steht für Fürsorge, Grün für künstlerische Arbeit, Blau für Erwerbsarbeit. Neurath und sein Team kannten allein Formen klassischer Erwerbsarbeit: Landwirtschaft (grün), Industrie (rot) sowie Blau für die Übergange dazwischen. Es gab Piktogramme für Arbeiter:innen, Angestellte und Beamte, für Arbeitslose und Hausfrauen, Mehrfachzuschreibungen hingegen sprengten das System.
Vasilena Gankovska wiederum widmet sich der Stadtentwicklung in schematischen Darstellungen von Transformationsprozessen im städtischen Grünraum – ein zentrales Thema auch für Neurath, der die Gestaltung des Urbanen als zentral für die proletarische Bewegung erachtete. Als führende Figur des Roten Wiens galten ihm Architektur und Stadtplanung als Instrumente zur Entwicklung kollektiver Lebensformen und Förderung eines organisierten sozialen Austauschs. Gankovska greift exemplarisch den Yella-Hertzka-Park in der Seestadt auf, dessen Begrünung sie im Stil der Isotype darstellt. Das Motto »1 Baum für 2 Wiener:innen« und der Anspruch »95 m2 Grünfläche pro Person« verdichten sich so in einer einzelnen Konifere.
Und auch ein Problem der Internationalisierung der Bildsprache, die wie designt schien für eine niederschwellige Propaganda für das fortschrittliche Wien der Zwischenkriegszeit, wird in dieser kleinen, aber wichtigen Schau im Musa adressiert. Als sich Otto Neurath und der Konstruktivist El Lissitzky am Moskauer Izostat-Institut, das für die sowjetische Bau- und Wirtschaftsstatistik zuständig war, trafen, entstand ein reger Austausch über innovative Möglichkeiten der Gestaltung. Lissitzky setzte diese Ideen später in seiner eigenen Bildsprache um, beispielsweise für die Weltausstellung 1939 in New York, wo die Sowjetunion ihren industriellen und sozialen Fortschritt präsentierte. Natalia Gurova deutet in einer radikal konzeptuellen Installation an, wie sich das Ideal der Isotype im Sinne eines zugänglichen Bildungsinstruments in der UdSSR in ein ideologisches Propagandainstrument verwandelte: Aus Information wurde Manipulation, aus aufbereiteten Statistiken das, was wir heute wahrscheinlich ›alternative Fakten‹ nennen würden. Gurova präsentiert ›ihren‹ Platz im rekonstruierten Modul des historischen Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums konsequent als Leerraum und entfaltet stattdessen ein schwer entzifferbares Ensemble aus Keramiken und getrockneten, invasiven Pflanzen, stellvertretend für verzerrte visuelle Daten, im Raum.
Im Wien Museum zeigt man Neurath, dessen Todestag sich heuer zum 80. Mal jährt, gemäß seinem Motto ›Wörter trennen, Bilder verbinden‹ wesentlich klassischer – originale Blätter auf einer im Raum stehenden Schauwand treffen auf Reproduktionen und neue, von der Arbeiterkammer entwickelte Anwendungen der Isotype, die beispielsweise die Anzahl der Wiener Arbeiter:innen und Angestellten ohne Wahlrecht im Jahr 2024 darstellen.
Eine ganze Wand widmet sich den von Gerd Arndt (der aus dem Künstlerkreis der ›Kölner Progressiven‹ stammte) gestalteten Piktogrammen, vom Elefanten bis zum Staudamm, von der Textur der Wiese bis zum medizinischen Personal. Statistiken präsentieren die Säuglingssterblichkeit nach Wiener Bezirken, wie viele Frauen in welchem Bezirk daheim eine eigenes Bett beanspruchen können oder jemanden haben, der ihnen im Haushalt hilft. Der Vorher-Nachher-Vergleich zwischen einst und jetzt fällt stets zugunsten des Roten Wien aus, und auch der Vergleich der Anzahl von Automobilen, Telefonen und Radios in Europa und den USA deutet auf Fortschritt durch Technik. Es ist ein von Optimismus geprägtes Bild, das sich entlang von Kapiteln wie Gesundheit, Wohnen, Arbeit und Bildung, Wirtschaft, Politik und Mobilität entfaltet. Auch die Architekturikone dieser Epoche darf nicht fehlen: das Amalienbad. Neben der Rekonstruktion eines auf Grundrisse reduzierten Etagenmodells hängt die schwarz-weiße Reproduktion eines verloren gegangenen Ölgemäldes von Gerd Arndt, das einen reich illustrierten Schnitt durch die Badeanstalt zeigt – und es aussehen lässt wie ein modernes Kreuzfahrtschiff.
Die Bilderbücher von Marie Neudecker zeigen das Fortleben der Isotype nach dem Weg seiner Erfinder:innen ins Exil und dem Tod Neuraths im Jahr 1945. Zahlreiche ihrer für Kinder und Jugendliche konzipierten Sachbücher widmen sich Naturwissenschaft, Technik und Geschichte, vom ›Inneren des Atoms‹ über die Dinosaurier bis zur Fortpflanzung im Tierreich. Der edukative Anspruch von früher – hier tritt er noch einmal in progressivem Gewand, aber ideologisch unverdächtiger, auf.
Es ist spannend, die Genese des vermeintlich universellen Zeichensystems zu verfolgen und die intuitive Überzeugungskraft der seriell auftretenden Piktogramme nachzuvollziehen. Die von Günther Sandner, Werner Michael Schwarz und Susanne Winkler kuratierte Ausstellung setzt auf die kulturgeschichtliche Annäherung und zeigt sich, wie die Wiener Methode der Bildstatistik selbst, einem zugänglichen, deskriptiven Ansatz verpflichtet. Deren umfangreiche, auch kritische Aufarbeitung findet sich im begleitenden Katalog.
Vor allem der Sieg des Balken- und Tortendiagramms, das die heutige Aufbereitung statistischer Daten prägt, macht deutlich, dass ›Wissen für alle‹ kein Ideal mehr darstellen dürfte. Die Welt zu erklären, heißt schließlich auch, sie zu interpretieren – als anschauliches Piktogramm oder als abstrakte, mit Zahlenwerk versehene Fläche, die letztlich alles zu einer austauschbaren grafischen Einheit erklärt.
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Gesellschaft & Wirtschaft, Zeitgenössische Positionen
zu Otto Neurath
Startgalerie im Musa, bis 25. Januar 2026
Wissen für alle. ISOTYPE – die Bildsprache aus Wien
Wien Museum, bis 5. April 2026
Vanessa Joan Müller ist Kuratorin, Kunsthistorikerin und Autorin.