When Spectres Return
Wohnungswesen, Wohnreform und die Vorstellung vom Guten WohnenDebatten um das Wohnen erleben gegenwärtig wieder Aktualität. Nachdem die Wohnungsfrage die Städte, das gesellschaftliche Zusammenleben in Städten und ihre Konflikte im 19. und 20. Jahrhundert über weite Strecken begleitet und maßgeblich geprägt hatte, war es um sie ruhig geworden. Nun ist sie wieder da – und mit ihr einige Themen, die auf die Debatte um die Wohnungsfrage eingewirkt haben.
Wohnungsfrage und Funktionalismuskritik
Wenige Jahre, nachdem sich nahezu jede zeitgenössische Architektur nach der Moderne mit Selbstvreständnis und dezidiert von den Wohnsiedlungen der Moderne abgegrenzt hatte, die einmal als Wohnbunker, ein anderes mal als Retortenstädte gebrandmarkt über Jahrzehnte schlechtgeredet wurden, ist das Wohnen wieder im Kanon der Architektur, der Planung und in der Öffentlichkeit angekommen. In Ausstellungen und Festivals, Konferenzen, Artikeln und Büchern wird wieder darüber nachgedacht, wie das Wohnen in Städten für die Masse gesichert werden kann[1] – ein Wort, das zwischenzeitlich aus den (Architektur-)diskursen verbannt schien.
Die Jahre der Kritik an der Monotonie und Langeweile der modernen Vorstadt, an der Funktionstrennung der modernistischen Stadtplanung und an ihrem strukturellen Mangel sind an Architektur und Planung nicht spurlos vorübergegangen.[2] Die Durchmischung von Funktionen, die Gleichzeitigkeit verschiedener Programme und das romantische Bild der historischen Innenstadt werden weiterhin bemüht, wenn es um die Wunschbilder der Stadt von morgen geht, schließt man aus Renderings und Collagen von PlanerInnen. Aber fast wirkt es, als wäre die Architektur von ihrer Wirklichkeit eingeholt worden: Die historischen Innenstädte bergen nicht länger die unsanierten, aber günstigen Nischen in sich, in denen scheinbar alles möglich ist, wie noch in den frühen Tagen der Funktionalismuskritik.
Sie sind nun Austragungsort in einem Wettkampf um hohe Mieten, um Aufwertung und der Frage, wer früher geht und wegzieht; und Funktionsmischung läuft oft auf die Ergänzung des Wohnungsbestandes durch Shopping hinaus oder aber auf das Einstreuen kurzzeitig mietbarer Apartments, mit denen sich über Online-Plattformen noch höhere Erträge erwirtschaften lassen als mit Wohnungsmieten. Die gegenwärtige Sorge gilt also dem Wohnen.
Die Mehrheit der europäischen Ballungsräume, vor allem die Zentren der Großstädte, sind mit rapide ansteigenden Wohnpreisen konfrontiert. Zieht man die Stadt Wien als ein Beispiel heran, eine Stadt, die derzeit stark wächst, deren Wohnversorgung im europäischen Vergleich aber stets als außergewöhnlich gut hervorgehoben wird, sind die Mietpreise im privaten Mietsektor im Zeitraum von 2008 bis 2014 um 34% gestiegen; das ist mehr als zweieinhalbmal so viel wie der Anstieg des allgemeinen Preisniveaus im gleichen Zeitraum.[3] Selbst wenn in Wien mehr geförderter, mietregulierter Wohnungsbau errichtet wird als in anderen Städten[4]: Es gibt zu wenig Wohnraum, oder genauer: zu wenig Wohnraum, der auch für alle zugänglich und leistbar ist. Gesucht werden also Möglichkeiten und Strategien, wie in kurzer Zeit eine möglichst große Zahl an leistbaren Wohnungen bereitgestellt werden können. Schon die Formulierung möglichst viel, möglichst rasch zu möglichst geringen Kosten zu bauen, kann einen zumindest unterschwelligen Bezug zum Funktionalismus nicht ganz leugnen. Denn genau diese Frage markierte den Ausgangspunkt sowohl der funktionalistischen Stadtplanung des Neuen Bauens als auch des Funktionalismus nach 1945, der in seiner an Technokratie und Bauwirtschaft orientierten Ausformung die Städte Europas maßgeblich geprägt hatte.[5]
Die Wiederkehr vergangener Debatten
Aber nicht nur das Thema selbst oder die Sicherung von Wohnungen zu tragbaren Mieten verweisen auf historische Debatten. In der gegenwärtigen Auseinandersetzung finden sich immer wieder Parallelen zur früheren Verhandlung der Wohnungsfrage. Sie betreffen sowohl das Zusammentreffen der Wohnungsfrage mit der gesellschaftlichen Rolle, die ihr zugesprochen wurde, als auch – zumindest in Grundzügen – mit Strategien und Instrumenten ihrer Abhilfe, etwa durch Wohnungsbau und Bodenpolitik, und Mustern, die auf ihrer Argumentation basieren und die Grundlagen des Wohnungswesens bilden.
Das Wohnungswesen lässt sich dabei nicht auf den Bau und die Bereitstellung neuer Wohnungen beschränken. Die Vorstellung und Wirklichkeit vom Wohnen umfasst eine Vielzahl von Praktiken, Techniken und Wissensformen, die von der statistischen Erfassung und von hygienischen Maßnahmen über moralische Urteile, ordnungspolitische Entscheidungen hin zur Administration, Architektur und Planung reichen; ein heterogenes Ensemble, das sich vielleicht am besten mit Foucaults Begriff des Dispositivs fassen lässt (Foucault 1978). Das Wohnungswesen ist also nicht als ein Steuern, ein Einwirken auf das Wohnen von oben herab – etwa durch einen Staatsapparat – zu verstehen, sondern als ein Zusammenwirken zwischen BewohnerInnen und anderen Involvierten, Institutionen und der gebauten und gelebten Welt; es ist nicht starr strukturiert, sondern in stetiger Veränderung. Seine Anfänge hat das Wohnungswesen nicht erst mit den Bauprogrammen der 1920er und 30er Jahre, die in einigen – oft sozialdemokratisch, manchmal liberal regierten – Städten Europas als Instrument gegen den Mangel an Wohnraum initiiert wurden, sondern sie reichen weiter zurück: Die Wohnungsfrage war eines der zentralen Themen der bürgerlichen Reformen des 19. Jahrhunderts. Sie kann als jene Angelegenheit verstanden werden, durch die die soziale Frage – die grassierende Ungleichheit, Verelendung des Proletariats, Arbeitslosigkeit und Pauperisierung im Zuge von Indus-trialisierung und sprunghaftem Stadtwachstum, die sich im Wohnungselend zeigen – in die Mitte der gesellschaftlichen Debatten getragen wurde.
Wohnungsreform und Wohnungselend
Die bürgerliche Wohnreform versammelt Ansätze unterschiedlicher Felder, die sich von Gesellschaftstheorie und Ökonomie über Moral und Erziehung bis hin zu Gesundheitswesen und Hygiene erstrecken. Gemeinsam ist diesen die zentrale Rolle der Wohnungsfrage für das gesellschaftliche Zusammenleben. In der Fülle der Literatur zeichnet sich allerdings ab, dass die Wohnreform zunächst nicht vorrangig der Verbesserung der Lebensbedingungen von ArbeiterInnen und anderen sozial Benachteiligten galt. Zwar gab es vereinzelt Initiativen von Industriellen im Werkwohnungsbau (etwa Jean Dollfus in Mulhouse), doch die Aufmerksamkeit der Wohnungsreform wurde nicht jenen Orten zuteil, an denen die Wohnungsnot konzentriert war – den rapide wachsenden Städten und Landstrichen der Industrie, sondern den Haupt- und Verwaltungsstädten. Dort hatte sich, mit der sukzessiven Kapitalisierung und der Teuerung des Wohnens, die Not auch auf Beamte, Angestellte und HandwerkerInnen ausgeweitet.
Im Zentrum der frühen Wohnungsreform stand also das Kleinbürgertum, dem nun die Verarmung und Proletarisierung drohte. Sie betonte dessen gesellschaftliche Bedeutung als jene Gruppe, die notwendig war, um die soziale Ordnung aufrecht zu halten. Mit dem sozialen Abstieg drohte, so die Autoren (in Wien etwa Friedmann 1857; Fischer 1860; Reschauer 1871; Ratkowski 1871), der sittliche Verfall, der Zerfall des Familie, die mögliche Solidarisierung mit einer aufkommenden Sozial-demokratie und vor allen das Aufklaffen nackter Klassengegensätze.
Dass in den Diskursen tatsächlich eine Umkehrung stattfand und die Wohnungsfrage nicht Ursache, sondern Konsequenz der gesellschaftlichen Verhältnisse sei, war der Kern der Polemik Zur Wohnungsfrage Friedrich Engels’, für den jede Reform in der Sackgasse endete (Engels 1872/73). Mit der Wohnungsfrage erhielt etwas Aufmerksamkeit und Behandlung, was bald stellvertretend für die Gesamtheit der sozialen Frage im öffentlichen Diskurs stand, mehr noch: den Anlass bot, ein Feld für den regulierenden Eingriff durch soziale Fürsorge, Erziehung und Reform zu eröffnen, ohne dabei die eigentlichen Ursachen – gesellschaftliche Ungleichheit oder Ausbeutung – anzutasten.
Die Schilderung des tatsächlichen Wohnungselends blieb in den Reformdiskursen allerdings oft ausgespart – es hatte dort, wo es als offenkundiges Resultat gesellschaftlicher Missstände in Erscheinung getreten wäre, keinen Platz. Stattdessen machte man sich an die detaillierte Behandlung jener Materie, die für die Wohnungsfrage zwar auch von Bedeutung war, aber stets auf sicherer Distanz zum materiellen Elend blieb. Die Angst vor Ansteckung und Seuche etwa ließ Luft zum häufig untersuchten Gegenstand der Wohnungsreform werden. Eine ganze Reihe von Techniken zur Belüftung von Räumen, zum Abführen, Filtern und gegebenenfalls zur Verbrennung verunreinigter Luft in eigenen Öfen, bis hin zur Bemessung von Höfen oder zur Anordnung von Baukörpern beschäftigte nicht nur Medizin und Hygiene, sondern auch die Disziplinen der Statistik, der Planung oder des Ingenieurwesens (exemplarisch dazu D’Avigdor 1874). Die Theorie von Miasmen, die sich als Überträger von Krankheiten als dunkle, schwere, verseuchte Luft aus Kellern und finsteren Löchern in die Wohnungen ausbreiteten, hielt sich hartnäckig bis zum Ende des 19. Jahrhunderts (und sollte sich in der enormen Bedeutung, die der Luft in der Architektur im 20 Jahrhundert beigemessen wurde, fortsetzen). Begleitet wurde dieser Glaube von der Vorstellung, dass Krankheit und Seuche von der Armut ausgehen, aber keinen Unterschied zwischen den Klassen machen; eine Sorge, in der sich die Angst des Bürgertums vor der Nähe zur Armut oder – anders formuliert – vor der städtischen Dichte manifestiert.
Grundeigentum und Mehrwert
Eine besondere Aufmerksamkeit kam auch dem Boden zu. Mit Gewerbereformen, dem Wandel der Produktion und der sukzessiven Trennung von Arbeit und Wohnen waren Boden und Wohnen langsam zu handelbaren Waren geworden. In der moralisierenden Sichtweise der konservativen Reform wurden Einkommen aus dem Grundeigentum stets als unverdient angesehen, resultierten sie doch nicht aus ehrlicher Arbeit und Mühe. (Dass sich auch andere Unternehmensgewinne keineswegs auf die persönliche Arbeit der Nutznießenden reduzieren und nicht nur im Grundeigentum gesellschaftlich produzierter Mehrwert angeeignet werden, blieb freilich unerwähnt.) Die Kritik am risikolosen, unverdienten Wertzuwachs, der ohne eigenes Zutun Mehrwert schafft, hatte sich im deutschsprachigen Bereich vor allem rund um Alfred Damaschke und Michael Flürschleim entwickelt (Damaschke 1915; Flürschleim 1884). Die Angriffe auf den »Moloch des Grundeigentums«, auf die Parasiten der »untätigen Bodenwucherer« (Kraft 1912, S.11) folgte dabei der Argumentationslinie des amerikanischen Ökonomen Henry George, der mit der Abhandlung Fortschritt und Armut die Grundlagen der Bodenreform schuf. George argumentierte, dass die sozialen Missstände nur eine sekundäre Folgeerscheinung des eigentlichen Hauptübels, der privaten Grundrente seien und plädierte dafür, Grund und Boden aus dem Privateigentum herauszulösen (siehe dazu: George 1879; Eberstadt 1911, S. 512). Alternativ schlug er vor, zumindest den Boden massiv zu besteuern und die Wertzuwächse (den unearned increment) durch den Staat abzuschöpfen – ein Vorschlag, der auf James Mill zurückgeht (Mill 1821), und der von dessen Sohn John Stuart Mill und der von ihm begründeten Land Tenure Reform Association weiter ausgearbeitet wurde (siehe Mill 1871a und 1871b).
Dieser Vorschlag, der Staat möge im Interesse des produktiven (Industrie-)Kapitals in die Mechanismen des Grund- und Immobilienkapitals eingreifen und Wertzuwächse abschöpfen, war folgenreich: Selbst dort, wo keine Wertzuwachsabgaben eingeführt wurden, fand er bisweilen über die Wohnungspolitik Eingang in den politischen Alltag. Der Beschluss des Mieterschutzgesetzes etwa, der das Einfrieren von Mieten während der ersten österreichischen Republik zur Folge hatte, resultierte in einer de-facto Entwertung des Immobilienkapitals zugunsten der Produktion, was ermöglichte, das Lohnniveau nieder zu halten, eine Maßnahme, die auch in der Zeit nach 1945 von Bedeutung blieb.
Überlegungen, wie sich Reformen tatsächlich umsetzen ließen, betrafen aber nicht nur den Bereich der politischen Ökonomie des Bodens. Sie wurden auch dort angestellt, wo man das Vorhaben fasste, mit dem Bau von Wohnungen aktiv gegen die Wohnungsmisere aufzutreten. Maßnahmen zur Finanzierung reichen im deutschsprachigen Bereich bis zu den Anfängen der öffentlichen Debatte um die Wohnungsfrage zurück: Schon Monate nach den schlesischen Weberaufständen von 1844 (mit denen das Bewusstsein einsetzte, dass die materielle Not der arbeitenden Bevölkerung in die Bedrohung der sozialen Sicherheit umschlagen konnte) wurden von staatlicher Seite Gelder für Sparprämienkassen für die Herstellung von Wohnungen vergeben – und zwar an die Industrie, mit der die ArbeiterInnenschaft dann in einer doppelten Abhängigkeit stand. Der Publizist und spätere Wohnreformer Julius Faucher schlug vor, Bauunternehmen mit Sparkassen in Häuserbau-Vereine zusammenzuführen, die von »fürsorglicher Hand« verwaltet Wohnungen bereitstellen sollten (Faucher 1845). Etwa zur gleichen Zeit brachte Victor Aime Huber unter dem Konzept der Selbsthülfe die Idee ein, das Genossenschaftsmodell mit der Errichtung von Cottagehäusern inklusive Gemeinschaftseinrichtungen für Familien und christlicher Erziehung zu verknüpfen. Das anvisierte Ziel war, dass Arbeiter und Arbeiterinnen über ihre Miete sukzessive ihre Wohnung erwerben, ihren »Mangel an Ordnung, Sparsamkeit, an Reinlichkeit« ablegen und mit dem »geordneten Familienleben« in der Gemeinschaft sesshaft werden (Huber 1857). Die Realisierung von Wohnraum und seine Finanzierung ging von Beginn an Hand in Hand mit der Erziehung zu Sparsamkeit, zur Häuslichkeit, zum sittlichen Leben und dem Modell der Familie.
Wohnen und Disziplinierung
Reformbestrebungen, die die Erziehung zum Wohnen als einen bedeutenden Beitrag zur Sicherung des sozialen Friedens sahen, gingen in Kontinentaleuropa wesentlich auch von Frankreich aus[6] wo von einem Kreis rund um Frederic le Play und einigen Saint-Simonisten Ideen entwickelt wurden, wie anstelle von polizeilichen Maßnahmen mit einer konservativen Sozialreform die Restauration der früheren sozialen Ordnung erreicht werden konnte (Rabinow 1989, S. 82 f.). Nachdem er, angetan von Modellhäusern auf der Weltausstellung in London 1848, eine Delegation zur Recherche englischer Arbeiterhäuser entsandt hatte und schon Henry Roberts The Dwellings of the Labouring Classes ins Französische übertragen ließ, veranlasste Louis Napoleon die Errichtung von Arbeiterwohnhäusern, die über die Stadt Paris verteilt, Wohnraum bieten und zugleich die soziale Kontrolle sichern sollten. Die Cité Napoleon von 1851 war einer der ersten Geschoßwohnungsbauten für ArbeiterInnen. Geplant für 500 Personen war die Cité Napoleon eines der frühen staatlichen Wohnprojekt mit Einrichtungen wie Wäschereien, Bädern und Gemeinschaftsräumen. Mehr als 100 Punkte umfasste die Hausordnung – von den vorgeschriebenen Zeiten, zu denen man zu Hause sein hatte, bis zur Kindererziehung –, die das Leben in der Cité regeln sollte. Unter der Arbeiterschaft galt sie als paternalistische Disziplinierungsmaschine und wurde trotz der Wohnungsnot boykottiert (Shapiro 1985, S. 52). Die Pläne für weitere Cités wurden eingestellt; die Idee aber breitete sich über ganz Europa aus und fand – in abgewandelter Form – in einigen Städten Nachahmung.
Dieser frühe soziale Wohnungsbau war weniger von der Arbeiterbewegung selbst getragen, als vielmehr von philanthropischen Gesellschaften, bürgerlichen Reformparteien, christlichen Arbeitervereinen und dem Sozialliberalismus. Erst später – mit dem Großwerden der sozialdemokratischen Bewegung, die, in die Regierungen gewählt, nach effektiven Instrumenten zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung suchte, fanden die Ideen der konservativen Sozialreform, umgebaut und adaptiert an das progressive Programm der Sozialdemokratie, Eingang in die großangelegten Wohnungsbauprogramme.
Minimalwohnung und Existenzminimum
Für Architektur und Planung bedeuteten Wohnungsfrage, -reform, vor allem aber die Bauaufträge der Städte eine grundsätzliche Neuausrichtung der Disziplin hin zur Masse. Die Neuausrichtung bedeutete zugleich die Hinwendung zu Wirtschaftlichkeit und Rationalität, zu Planung und Wissenschaft anstelle von Bautradition und historischer Bezugnahme. Der Enthusiasmus, die Widersprüchlichkeiten und die Abgründe in diesem Vorhaben treten nirgendwo deutlicher hervor als im 2. Kongress für Internationales Bauen (CIAM). Unter dem Titel Das Problem der Errichtung von Wohnungen zu tragbaren Mieten für die mindestbemittelte Schicht traf sich 1929 in Frankfurt eine Gruppe von Architekten und Architektinnen mit dem Ansinnen, für die besitzlose Klasse und eine neue Gesellschaft zu planen. Angesichts der Kluft, die sich zwischen den Einkommen und den Kosten in der Herstellung von Wohnraum auftat, war das Eingreifen des Staates für das Erreichen von guten und gesunden Wohnungen unabdingbar, so die Haltung der Gruppe. Man wollte sich aber Technik, Industrie und Rationalität zunutze machen, um so billige und effiziente Lösungen zu finden. Im Vorhaben für eine kommende aufgeklärte, demokratische Gesellschaft progressiv und modern zu bauen, fand man sich in der paradoxen Situation wieder, der Logik von Industrie und Markt auf der einen Seite und der* besitzlosen Klasse* auf der anderen Seite genügen zu wollen. Der Weg, den diese Avantgarde eingeschlagen hatte, war jener des gebauten Minimums: In Zahlen, Tabellen und Diagrammen sollten die notwendigen Grundbedürfnisse festgehalten werden und als Wohnungsminimum die Grundlage des Wohnens formen. »Die frage nach dem Wohnungsminimum«, so drückte es Walter Gropius aus – und damit auch jene der Gestaltung und Architektur – »ist die Frage nach dem elementaren Minimum an Luft, Licht, Raum, die der Mensch braucht, um bei Vollentwicklung seiner Lebensfunktionen durch die Behausung keine Hemmnisse zu erfahren.« (Gropius 1930, S. 18.)
In dieser Überlegung aber bleibt die Wohnung nur wenig mehr als ein Instrument für die Reproduktion von Arbeitskraft. Das Ansinnen, für eine neue Gesellschaft zu bauen, wich im Pragmatismus einer Technik, den sozialen Frieden zu sichern. Das Mittel, das angesichts sanitärer Notlage und drohender sozialer Unruhe vorgeschlagen wurde, war die Minimalwohnung. Die Architektur ließ sich auf diesen Auftrag ein und damit auf einen Wettbewerb, in dem man versuchte, sich in der Optimierung der Wohnfläche gegenseitig zu unterbieten – bis man am nackten Minimum angelangt war, wie Giancarlo de Carlo später festhielt (De Carlo 2007). Angesichts der Wohnungslage in Europas Städten war dieser Pragmatismus der Avantgarde des Neuen Bauens durchaus angebracht – es war letztlich das, was im Vermögen der Architektur lag. Allerdings stellte sich heraus, dass ohne zusätzliche Maßnahmen in der Finanzierung – etwa die Regulierung der Bodenpreise und die Bezuschussung durch den Staat durch steuerliche Umverteilung – auch Minimalwohnungen nicht die Wohnungsfrage oder gar die soziale Frage zu lösen vermochten; denn ansonsten waren die Wohnungen noch immer zu teuer. Und darüber hinaus sollte sich das Diktat des Minimums und der Optimierung bis weit in den neuen Funktionalismus nach 1945, die Zeit von Wirtschaftswachstum und Wohlfahrtsstaat, halten, zugunsten der Bauwirtschaft und zuungunsten derer, die dort wohnten. Die Wirklichkeit dieser Moderne war die der eingangs erwähnten Langeweile, der Monotonie und der Mängel, die sich dann jahrzehntelang der Kritik ausgesetzt fand. Was aber in der Kritik nicht vergessen werden sollte, ist, dass der Ausgangspunkt dieses Projekts ein anderer war – nämlich Architektur und Planung dorthin auszuweiten, wo sie notwendig und gebraucht wurde, als einer Architektur, die im Dienste aller stand.
Die Aktualisierung der Wohnungsreform
Die Parallelen zwischen den heutigen Debatten um das Wohnen und seinen historischen Vorläufern liegen nicht so sehr in der unmittelbaren Wiederholung von vergangenen Krisen. Der Wohnungsstandard von vielen liegt heute fernab der geschilderten Wohnwirklichkeiten des 19. Jahrhunderts – und das nicht zuletzt aufgrund einer Reihe von Reformen und Kämpfen, mit denen Mietenregulierungen, Mieterschutz, sozialer Wohnungsbau und andere Instrumente erst installiert wurden. Die Mechanismen der Wohnungsverteilung sind heute andere als noch im 19. Jahrhundert und auch die Verwertungslogik des Kapitals hat sich verändert. Die Parallelen treten vielmehr in den Mustern zutage, die den Diskursen zugrunde liegen, in ihren Argumentationslinien, in der Rolle, die der Wohnungsfrage zugeschrieben wird und in den Vorschlägen zur Abhilfe.
Die vielleicht größten Parallelen finden sich in der Aktualisierung der Debatte um die Bodenreform. Über die Besteuerung und Abschöpfung von Erträgen aus städtischem Grund und Boden, von Wertzuwächsen und Widmungsgewinnen findet eine andauernde Diskussion statt, die auch in den letzten Jahren wieder auflebte.[7] Sie wurde vor allem dort geführt, wo die Grundstücksreserven knapp sind und wo aufgrund erhöhter Nachfrage die Wohnungspreise in die Höhe schnellen. Drei Akteure standen und stehen hier einander gegenüber: Grundstückseigentum, produktives Kapital und Bevölkerung. Während die ersten beiden jeweils darauf abzielen, ihre Erträge zu maximieren und so in einem gegenseitigen Konkurrenzverhältnis stehen, hat die letztere ein Interesse an erschwinglichen Wohnungen; hinzu kommt die Öffentliche Hand – heute größte Bodeneigentümerin –, die die Infrastrukturen stellt, die allgemeinen Produktionsbedingungen sichert und zwischen den Interessen vermitteln muss.
Dass Wohnungsmärkte nicht einem Gesetz von Angebot und Nachfrage folgen – und nicht dort mehr leistbarer Wohnraum geschaffen wird, wo die Nachfrage nach günstigen Wohnungen groß ist –, hat sich seit dem Anwachsen der Städte und dem Herausbilden von Wohnungsmärkten immer wieder gezeigt. Die leistbare Miete ist aber, wenn sie die Finanzierung des Bodens abdecken muss, auf niedere Grundkosten auf der einen Seite angewiesen und von den Löhnen vom produktiven Kapital auf der anderen Seite. Die Regulierung der Erträge aus dem Geschäft mit dem Boden liegt daher nahe; der Vorschlag der Abschöpfung von Wertzuwächsen ist aber auch pragmatischer Natur: er lässt sich relativ leicht umsetzen und dabei leichter argumentieren, als die Abschöpfung von Erträgen von Unternehmen, die Arbeit und Produktion finanzieren müssen. Ganz ausblenden kann man in diesem Argument den moralische Unterton des unverdienten Wertzuwachses und der ehrlichen Arbeit, der schon die Bodenreform des 19 Jahrhunderts durchzogen hat, aber nicht.[8]
Während die Diskussion um Grund und Boden noch in großen Teilen der Argumentation der Bodenreform folgt, haben sich die Überlegungen zur Errichtung von leistbarem Wohnraum wesentlich gewandelt. Die Modelle und Strategien des sozialen Wohnungsbaus haben lange den erzieherischen Ton der Wohnreform hinter sich gelassen, der disziplinierende Gestus früher Projekte wich einer nüchternen Bereitstellung und das Genossenschaftswesen ist eine Organisationsform und schon lange nicht mehr eine Möglichkeit zur Erziehung zur Sparsamkeit. Reste der Moral der genossenschaftlichen Reform finden sich heute vielleicht paradoxerweise dort, wo man versucht, in neuen Genossenschaften Alternativen zu den etablierten Formen des Wohnungswesens zu entwickeln – im Bemühen von Gemeinschaft, die letztlich oft genug exklusiv wirkt. Allerdings war die organisierte Selbsthilfe damals wie heute eine, die sich aus den Reihen der Mittelschicht bildete und an selbige wandte.
Der Wandel in der Wohnungsreform begann bereits mit den großen Bauprogrammen der Zwischenkriegszeit und der Zeit des Wohlfahrtsstaates. In ihnen setzte sich die Idee der Wohnversorgung als ein soziales Recht durch (im Sinne Marshalls 1950), auf das sich Anspruch erheben ließ, und nicht länger als philanthropisches Mitleid oder christliche Karitas galt – aller-dings nur so lange, bis die Rekommodifizierung des Wohnens einsetzte. Sicher, auch heute noch umweht die staatliche Wohnversorgung ein Ruf der Bevormundung. Angesichts der Entwicklungen der freien Mietmärkte, zu immer noch prekäreren Konditionen noch teurere Wohnen zu mieten, verstummt allerdings langsam die Kritik, die sich einige Jahre zuvor noch der Disziplinierung durch den sozialen Wohnungsbau widmete.
Die Wohnungsfrage und die Mitte der Gesellschaft
Einmal mehr wird die Wohnungsfrage dann breit diskutiert, wenn sie in der Mitte der Gesellschaft angelangt ist. Die Sorge, sich die eigene Wohnung angesichts steigender Mieten nicht mehr leisten zu können, verknüpft mit dem Entfall früherer Privilegien, trifft wieder die Gruppen der mittleren Einkommen; von hier ausgehend wird der Ruf nach Reform laut. Die Realität derer, die die steigenden Mieten, die Verdrängung als erste erfuhren, weil das Geld nicht reichte oder aber durchgehend mit ihr konfrontiert waren, weil sie als vor kurzem Zugezogene, Geflüchtete oder Sans-Papiers im Raster sozialstaatlicher Versorgung erst gar nicht Platz fanden, blieben in einer Vielzahl der Beiträge zur Debatte über lange Zeit ausgeblendet. Das Bild der Armut blieb so lange zu hässlich und ausgespart, wie es nicht notwendig schien, ihm entgegenzutreten. Nun, da die Wohnungskrise einer etablierten Mehrheit drohend gegenübersteht, werden auch wieder die schaurigen Bilder (Bogdal 1978) bemüht. Und dort, wo es schlichtweg zu heftig war, der Wirklichkeit zu begegnen und Strategien zu entwickeln, wie dem Elend entgegengetreten werden könnte, war es wieder das Argument der Hygiene und der Sicherheit, das geltend gemacht wurde: Die Räumung des südlichen Teils des Jungles in Calais im März 2016, einem Lager von Refugees, das zeitweilig etwa 4.000 Menschen Obdach bot, die Zwangsräumung eines Lagers von Roma in Paris, Unterkunft von etwa 400 Menschen im Jänner desselben Jahres, und von einigen weiteren Siedlungen in den Jahren zuvor wurden stets mit der von den Lagern ausgehenden sanitären und hygienischen Bedrohung argumentiert. Ersatzunterkünfte waren nur für einen Bruchteil vorgesehen: Von den insgesamt 11.538 von Zwangsräumungen betroffenen Personen in Frankreich des letzten Jahres wurden in insgesamt 29 Fällen Ersatzquartiere angeboten (LDH-France & ERRC 2016).
Auch wenn keines der Lager mit dem regulären Wohnungsbestand in einer unmittelbaren Verbindung stand – aus den Mechanismen und der Wirklichkeit des Zugangs und der Verteilung von Wohnraum, aus dem Wohnungswesen und aus der Wohnungsfrage lassen sie sich nicht herauslösen.
Im Gegenteil: Früher wie heute ist die Wohnungsfrage Teil der sozialen Frage. Die Wohnungsfrage – die Frage, wie wir in unseren Städten zusammenleben – lässt sich nicht einfach vom Rest trennen, sie ist nur Teil der sozialen Frage: Auch heute lassen sich die gesellschaftlichen Widersprüche nicht über das Wohnen alleine lösen. Aber die Wohnungsfrage führt uns zu einem Teil jener Widersprüche, denen wir uns stellen müssen. Aufgeben kann man die Wohnungsfrage deswegen also nicht.
Fußnoten
Unter einer Vielzahl von Formaten, die sich eingehend und detailliert mit der Thema befasst haben, könnten stellvertretend Wohnungsfrage – The Housing Question im HKW Berlin oder die 15. Architektur-Biennale in Venedig genannt werden. ↩︎
Stellvertretend hier zwei Ansätze der Kritik: Lefebvre 1995)und Mitscherlich 1965. ↩︎
Zur Entwicklung der Mietpreise siehe Mooshammer & Tockner 2016; zur Entwicklung des Verbraucherpreisindex siehe www.statistik.at. ↩︎
Die Zahl der in Wien jährlich errichteten Wohnungen durch gemeinnützige Bauträger etwa ist ein Vielfaches der gesamten Neubauleistung Berlins, siehe dazu: Mattern 2016. ↩︎
Für eine Auseinandersetzung mit dem Funktionalismus in der Architektur siehe: Posener 1964, Swenarton et al 2015. ↩︎
Mit der früheren Industrialisierung war die Behandlung der Wohnungsfrage in England fortgeschritten. Die Ideen wurden von der deutschsprachigen und französischen Reform zwar übernommen, ihrer Umsetzung (z.B. von Gartenstädten) war aber aufgrund einer anderen Baustruktur, durch andere Besitzverhältnisse, andere Bodenpreise, wirtschaftliche und politische Unterschiede meist Grenzen gesetzt. ↩︎
Etwas im Jahresprogramm der ÖGFA 2013/14; siehe ÖGFA 2015, zur Debatte in den 1970er Jahren siehe: Brede, Dietrich, Kohaupt 1976. ↩︎
Im Nationalsozialismus gipfelte diese Debatte in der Rede von – selbstverständlich jüdischem – raffenden und – ehrlich deutschem – schaffenden Kapital. ↩︎
Michael Klein ist dérive-Redakteur, lebt und arbeitet in Wien. Er hat in Wien und Paris Architektur studiert und arbeitet am Forschungsbereich Wohnbau und Entwerfen der TU Wien.
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