Ana Mikadze, Fabio Hofer, Mohammad Abou Chucker, 2024
Wider die plattformbasierte Unsichtbarkeit
Besprechung der Ausstellung »Zwischen Pick-up & Drop-off. Wer unser Essen liefert« im WienMuseumÖffentliche Räume spiegeln die gesellschaftlichen Konflikte ihrer Zeit wider, in ihnen manifestieren sich globale Trends und werden die Umbrüche urbaner Verhältnisse verhandelt.
Die Ausstellung Zwischen Pick-Up & Drop-Off. Wer unser Essen liefert, die zwischen Februar und Mai 2025 in der Community Gallery des Wien Museums zu sehen war, beleuchtet einen ebensolchen Trend – die rasante Ausbreitung von Essenslieferplattformen in den vergangenen Jahren. Lieferant:innen auf Fahrrädern oder Elektrorollern verkörpern die damit einhergehende Umwälzung der Arbeitsverhältnisse hin zu algorithmisch gesteuertem ›Just-in-Time Work‹. Durch ihre bunten Uniformen und Rucksäcke fallen sie auf öffentlichen Straßen und Plätzen immer häufiger auf. In ihrer Subjektivität werden sie jedoch kaum wahrgenommen.
Fabio Hofer, Kurator der Ausstellung und selbst Essenslieferant, will diese Unsichtbarkeit aufbrechen. Der Galeriebesuch sollte die Begegnung mit Lieferant:innen und das Eintauchen in ihre Arbeitsrealitäten ermöglichen. Ausgangspunkt der Ausstellung war daher die Frage »Wer sind die Menschen hinter den bunten Uniformen und großen Rucksäcken? Mit welchen Herausforderungen sind sie im Arbeitsalltag konfrontiert?« Eine subtile Kritik an der Entfremdung zwischen Arbeiter:innen und Konsument:innen in Zeiten von plattformbasierter Arbeit, deren Prekarität durch Informalisierung, Fragmentierung und Unsichtbarkeit verstärkt wird.
Im Mittelpunkt der Ausstellung standen fünf Videoporträts von Lieferant:innen. Darin berichten diese von ihren Beweggründen, als Radbot:innen zu arbeiten, von den Vorzügen und Herausforderungen der Arbeit im öffentlichen Raum. Ihre Erzählungen räumen mit gängigen Mythen auf und zeichnen zugleich ein Bild von plattformbasierter Arbeit, das von vielschichtigen Ambivalenzen geprägt ist: Die niedrige Eintrittsschwelle in den Arbeitsmarkt, auch für Menschen mit geringen Deutschkenntnissen, ist mit prekärer Entlohnung und mangelnder Absicherung verbunden. Die Freude am Radfahren tritt in den Hintergrund angesichts der körperlichen und psychischen Anstrengungen, die notwendig sind, um in möglichst kurzer Zeit genügend Lieferungen zu erledigen, um einen angemessenen Stundenlohn zu sichern.
Die sehr persönlich erzählten Geschichten sind nicht nur Alltagsvignetten der Radbot:innen. Sie geben ihnen damit vor allem eine Stimme und die Möglichkeit, ein alternatives Narrativ zu entwerfen. Ein Zeichen des Widerstands gegen die Unsichtbarkeit. Dass auch hierin eine von den Lieferant:innen empfundene Ambivalenz der Arbeit liegt, bringt RASA zum Ausdruck, wenn sie eindrucksvoll unaufgeregt schildert: »you put on some kind of invisibility cloth, when you put on your uniform«. Eine Tarnkappe, die es einerseits ermöglicht, die eigene Rolle zu wechseln und die Stadt quasi unerkannt zu erkunden, andererseits aber auch marginalisierend wirkt.
Umrahmt wurden die Videoporträts von Erläuterungen zum Arbeitsalltag für eine der drei in Wien aktiven Essenslieferplattformen: ein typischer Lieferzyklus, die häufigsten Herausforderungen, eine exemplarische Vier-Stunden-Schicht eines Lieferanten in der Wiener Innenstadt. Trotz gemeinsamer Grundzüge unterscheiden sich die Arbeitsbedingungen und Vertragsverhältnisse von Lieferdienst zu Lieferdienst. So war es zumindest bis zur Eröffnung der Ausstellung Anfang März. Dann verkündete Lieferando Österreich, dass es mit Ende Juni 2025 alle angestellten Lieferant:innen kündigen und wie die Konkurrenz nur noch auf freie Dienstverträge setzen werde. Eine Nivellierung nach unten und ein gravierender Rückschritt im Kampf um bessere Arbeitsbedingungen in der Branche.
In der Ausstellung steckte der wichtige Bildungsauftrag, Besucher:innen über diese schwierigen Verhältnisse aufzuklären und dabei das abstrakte Phänomen der plattformbasierten Arbeit zu vermenschlichen. Dies gelang ihr, ohne bedrückend zu wirken – und das, obwohl wir im Kampf um faire Arbeitsbedingungen in der Plattformökonomie erst am Anfang stehen. Ein erster, positiver Schritt in diese Richtung ist die Gründung des RidersCollective, einer Initiative des Österreichischen Gewerkschaftsbundes. Mit einem festen Standort in den Wiener Gürtelbögen bietet es Lieferant:innen eine niederschwellige Anlaufstelle und dient ihnen zugleich als Sprachrohr. Wie organisierter Widerstand konkret aussehen kann, welche rechtlichen Möglichkeiten Arbeiter:innen haben und was sich durch die Umsetzung der europäischen Richtlinie zur Plattformarbeit ändern könnte, hätte in der Ausstellung durchaus mehr Raum verdient.
Zwischen Pick-Up & Drop-Off entließ eine:n dennoch mit einem Handlungsauftrag, was jede und jeder von uns tun kann, um Lieferant:innen die Arbeit zu erleichtern: Bestellungen aus der unmittelbaren Nachbarschaft zur Verkürzung der Lieferwege. Unterstützung bei der unkomplizierten Zustellung durch vollständige Adressangaben, Orientierungshilfen und die Abgabe beim Portier größerer Einrichtungen. Trinkgeld bar auf die Hand und Nachsicht bei verschütteten Suppen.
All dem sei hinzugefügt, dass es die plattformbasierte Unsichtbarkeit auch außerhalb des Galeriekontextes und ganz abseits von Bestellungen aufzubrechen gilt – etwa, wenn wir mit Zusteller:innen im Straßenverkehr interagieren und uns wieder einmal dabei ertappen, kreative Überholmanöver zu verteufeln, statt in Austausch zu treten.
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Zwischen Pick-up & Drop-off. Wer unser Essen liefert
WienMuseum, Community Gallery
27. Februar bis 25. Mai 2025
Emilia M. Bruck ist Stadtplanungs- und Mobilitätsforscherin am Institut für Raumplanung der TU Wien und war 2023—2024 Mobility Network Postdoctoral Fellow an der University of Toronto Mississauga.