Wollige Wunderware
Besprechung von »Wollbau. Wolle – eine unterschätzte Ressource« von Folke KöbberlingAm Cover zufriedene Schafe auf grüner Wiese vor zotteligem Baukörper. Im Hintergrund der Idylle steht das Berliner Hansaviertel, als bauprogrammatisches Zukunftsversprechen für Die Stadt von morgen, wie auch der Titel der Städtebau-Sonderschau auf der Interbau 1957 lautete, mit der die Berliner Nachkriegsmoderne gefeiert wurde. Nicht zufällig nimmt sich die Künstlerin Folke Köbberling mit Nachbarn auf Zeit (2023) genau hier Raum, verbinden ihre Arbeiten doch seit 2018 die Visionen um die Zukunft des Bauens und der Stadt mit der Erkundung des Potenzials der natürlichen Ressource Rohwolle.
11.000 Tonnen davon fallen alleine in Deutschland jährlich an und werden großteils ungenutzt vernichtet. Während eine Schafschur drei bis vier Euro kostet, erhalten die Schäfer:innen für die drei bis fünf Kilo Rohwolle pro Tier nur einen Kilopreis von 10 bis 40 Cent. Eine Rechnung, die nicht aufgehen kann und für die Schäfer:innen vor allem Prekarität bedeutet. »Was können wir tun?« fragt Köbberling also, und erkundet Möglichkeiten, um diesem hochwertigen biogenen Rohstoff, der seinen Marktwert in Europa verloren hat, erneut Wertigkeit zu verleihen.
Mit der Zusammen- und Parallelführung von künstlerischer Arbeit und angewandter Forschung generieren Köbberlings Projekte Aufmerksamkeit und Wissen zur Anwendbarkeit von Rohwolle – etwa als natürliche Armierung und regenerative Dämmung, als wärmende Wandinstallation und für akustische Maßnahmen, als effizienter Schadstoff-Filter, Wasserspeicher und biologischer Dünger, als kompostierbarer Pflasterstein, und als lebendige Fassade, die gleichzeitig Dämmung, Holzschutz und Habitat für Pflanzen und Tiere darstellt. Unter ihrer Leitung sind am Institut für Architekturbezogene Kunst (IAK) an der TU Braunschweig zahlreiche Projekte mit Studierenden entstanden, die sich mit Wolle als nutzbare Ressource im Architekturkontext befassen.
Die Publikation Wollbau. Wolle – eine unterschätzte Ressource, erschienen im Hamburger adocs Verlag, dokumentiert dieses Arbeiten und Forschen mit gesellschaftlichem und künstlerischem Anspruch auf 192 großformatigen Seiten mit zahlreichen Fotografien. »Wie kann so eine wertvolle Ressource Abfall sein?«, fragt Köbberling in ihrer Einleitung, mit der sie ihren eigenen Weg der Auseinandersetzung und die prekäre Lage der europäischen Schafzucht, ebenso wie die Schönheit und Eigenheit verschiedener Schafrassen illustrativ zeigt. Vom Zusammenleben mit Schafen erzählen humorvoll zwei Essays: Angela Köckritz berichtet in Geliebtes Schaf vom Stellenwert des Tieres in Senegals Hauptstadt Dakar, wo sich rund 1,3 Millionen Menschen und die zigfache Menge an Schafen den Stadtraum teilen, während Neo-Schafhalter Werner Nasahl vom nachbarschaftlichen Aufruhr im 800 Einwohner:innen zählenden Örtchen Schlagenthin in Sachsen-Anhalt erzählt, wo Köbberlings fünf Schafe eine Bleibe gefunden haben.
Jule Reuter analysiert Köbberlings zeichenhafte Fassadenarbeit Living Elements (2023), ein Kontrapunkt zum Konsumrauschen am neuen Standort der NGBK nahe dem Alexanderplatz, vor dem Hintergrund der langjährigen Auseinandersetzung Köbberlings mit einer neoliberalen, profitgetriebenen Stadtentwicklung. Christian Holls Text Es war eine Demonstration widmet sich den vielfältigen Bedeutungsebenen des durch die Mitte Berlins verlaufenden Protestmarschs
mit 200 Schafen als Teil des Projekts Nachbar:innen auf Zeit, und ruft dazu auf, das idyllische Leitbild der durchmischten Gründerzeit-Stadt zu hinterfragen, in dem Nutzungskonflikte nur mehr als theoretische Behauptung eines Raums der Aushandlung existieren, während sie in der Praxis des überregulierten und segmentierten öffentlichen Raums tunlichst ausgeschlossen bleiben sollen.
Die zahlreichen Fotografien im Band rücken die wilde und zugleich weiche Schönheit der Rohwolle in den Fokus, und zeigen auch die Entfremdung der gegenwärtigen europäischen Stadt von einer Jahrtausende zurückreichenden Beziehung zwischen Mensch und Tier. Mit melancholischem Humor legen die Aufnahmen aus der Arbeit Nachbarn auf Zeit den Finger in die Wunde der Unwirtlichkeit der autogerechten und konsumgetriebenen Stadt: Der Kontrast könnte kaum größer sein zwischen dem zotteligen, mit Rohwolle gedämmten Stall auf der grünen Wiese, umrahmt von grasenden Schafen, und der direkt dahinter liegenden, ambitionslosen, grauen Shoppingcenter-Architektur im neuen Stadtteil Grüne Mitte Essen.
Von einer eigentümlichen Faszination sind auch die Fassaden und Wände aus Rohwolle, wie etwa die zehn mal vier Meter große Fassadenarbeit Wolf im Schafspelz für den Grazer Club Hybrid (2021–2023), oder die Rauminstallation Tribute to Oud (2022) im Kunstverein Neuhausen, ein Eins-zu-eins-Modell eines Arbeiterhauses von J. J. P. Oud, 1927 realisiert in Gussbeton für die IBA. Mit Wandverkleidung aus sichtbarer Rohwolle und verputzten Lehm-Woll-Verbund-Wänden thematisiert die Installation die Frage nach der heutigen Bedeutung von Fortschritt und Zukunft im Bauwesen und zeigt gleichzeitig die Möglichkeiten einer regionalen Kreislaufwirtschaft. Zum 150. Jubiläum der Universität für Bodenkultur Wien entstand im Auftrag von BIG Art die Arbeit Lasting Signs of Jubilee (2022): Ein begehbarer Jubiläumswagen aus rezykliertem Holz, Schurwolle und Pflanzkästen begab sich in Zusammenarbeit mit KÖR Wien in den Stadtraum und lud zu Austausch und Diskussion über die Zukunft unserer Lebensräume in Zeiten der Klimakrise.
Breiten Raum gewährt Wollbau den aufschlussreich dokumentierten Versuchsanordnungen der vielen Projekte mit Prozessdesign, Forschungsergebnissen, Daten und Fakten, die in die Kapitel Akustik, Armierung, Dämmung, Schutz, Schadstoffe, Dünger gegliedert sind. Sie bilden verschränkt mit der künstlerischen Praxis den größten Teil der Publikation und bieten mit Materialanalysen, Anwendungsbeispielen, Erkenntnissen aus der künstlerischen Forschung und Verweisen auf andere Forschungsarbeiten umfassendes Wissen und Inspiration für die Anwendung. Wollbau, so die Autorin, »richtet sich an Studierende und Erfahrene in Architektur, Kunst und Design, an Schäferinnen und Schäfer und an Personen, die mit diesem wertvollen nachwachsenden Rohstoff arbeiten wollen.« Die Publikation ist zugleich künstlerische Dokumentation und Praxishandbuch und zeigt exemplarisch auf, wie Kooperationen zwischen Kunst, Wissenschaft, Manufakturen, Hochschulen und Erzeuger:innen in eng verwobener Arbeitsweise gestaltet werden können und welchen Mehrwert sie zu generieren vermögen.
Die ansprechende grafische Gestaltung mit vielen großformatigen Fotografien und Illustrationen sowie die übersichtliche Gliederung machen Wollbau zu einer wertvollen Wissensressource. Das Buch eignet sich zum theoretischen Einstieg ins Thema ebenso wie für eine weiterführende, angewandte Praxis. Man wünscht sich die Publikation nicht nur in die Hände von Kunst, Architektur und Design, sondern auch auf die Tische von jenen Akteur:innen, die in Politik, Verwaltung und Wirtschaft über die Gestaltung von Förderprogrammen, Normen und Gesetzen entscheiden und damit den Weg für eine klimagerechte, regionale Kreislaufwirtschaft ebnen können: Für die Anwendung von Rohwolle ebenso wie für eine Vielzahl weiterer natürlicher Rohstoffe für das Bauwesen.
–
Folke Köbberling
Wollbau. Wolle – eine unterschätzte Ressource
Hamburg: adocs, 2024
192 Seiten, 28 Euro
Elke Rauth ist Obfrau von dérive - Verein für Stadtforschung und Leiterin von urbanize! Int. Festival für urbane Erkundungen.