» Texte / Wunschtraum und Albtraum: Suburbia im Wandel

Christoph Gollner


Einfamilienhaus. Zersiedelung. Ein Thema, das unter Fachleuten meist spürbares Unbehagen auslöst. Von ArchitektInnen mit Anspruch meist verächtlich links liegen gelassen und von engagierten PlanerInnen mit dem resignativen Prädikat „Dilemma“ versehen. Dilemmata und Missverhältnisse tun sich hier in der Tat einige auf: angefangen von der offenen Schere zwischen stagnierender Bevölkerungsentwicklung und rasant steigendem Wohnflächenbedarf über die Diskrepanz zwischen standardisierten Warnungen vor den ökologisch und sozial nachhaltig negativen Folgen von Zersiedlung und den in Umfragen dokumentierten Wohn-Bedürfnissen der Bevölkerung bis hin zu einer schizophrenen Politik, deren Lippenbekenntnisse häufig im Widerspruch etwa zur Praxis der Wohnbauförderung stehen. Aber wer möchte es ausgerechnet den PolitikerInnen angesichts von Umfragen, in denen 73% der West-Deutschen und 66% der Ost-Deutschen das freistehende Einfamilienhaus als bevorzugte Wohnform ansehen – Werte, die so ähnlich wohl auch auf Österreich zutreffen –, verdenken? Und wer möchte es ArchitektInnen verdenken, dass sie sich nicht in einem Bereich engagieren, wo kaum Lorbeeren zu holen sind? Wen wundert es also, dass, wie Tilman Harlander in der Einleitung zu Villa und Eigenheim schreibt, 80% aller Häuser in Deutschland ohne Beteiligung von ArchitektInnen gebaut werden?
Erklärt dieses Unbehagen ein weiteres Paradoxon – das Missverhältnis zwischen der tatsächlichen quantitativen und qualitativen Bedeutung des Phänomens suburbaner Siedlungsentwicklung und seiner im deutschsprachigen Raum vernachlässigten planerisch-wissenschaftlichen bzw. architekturtheoretischen Aufarbeitung? Tilman Harlander tritt nun an, zumindest einen Teil dieser „Forschungslücke im Bereich suburbaner Städtebau“ zu schliessen. Mit Villa und Eigenheim. Suburbaner Städtebau in Deutschland hat er, das lässt sich absehen, ein Standardwerk herausgegeben. Es ist ein aufwändiger, großzügig angelegter, reich und anschaulich bebilderter 520-Seiten-Hardcover-Schmöker geworden.
Im Vergleich zu vielen einschlägigen Abhandlungen eher ungewöhnlich und meiner Ansicht nach positiv auffallend ist der stringente Aufbau von Villa und Eigenheim. Wo man sonst häufig das Gefühl hat, dass ein Haufen individueller Beiträge prominenter AutorInnen eher mühsam unter einen Hut – und Titel – gebracht wurde, wurden die AutorInnen im vorliegenden Werk in ein konzeptives Korsett gezwungen, welches der Aussagekraft und durchgängigen Lesbarkeit sicher gut tut. Ergebnis ist eine wohltuend „konservative“ Gliederung: Die fünf Hauptkapitel folgen den gängigen Zäsuren der deutschen Geschichte: Vorgeschichte bis Mitte des 19. Jahrhunderts, Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Zeit und Deutschland seit 1945. Jeder dieser Abschnitte beinhaltet drei Kapitel mit einem Überblick über wesentliche Entwicklungen des Zeitabschnitts – und zwar jeweils unter den Titeln Suburbanisierung, Wohnungspolitik und Städtebau. An diese drei Kapitel schließen für jede Phase Fallstudien an, welche die Entwicklungen dokumentieren. Und auch hier: jede Fallstudie gliedert sich einheitlich in einen Planausschnitt mit Beschreibung der Strukturdaten und die Unterkapitel Entstehung, Städtebau und Haustypen, Nutzungsgeschichte und Resümee.
Mit diesem Aufbau wird ein Vorzug von Villa und Eigenheim deutlich: Im Gegensatz zu vielen anderen Auseinandersetzungen zum Thema beschäftigt sich der Band nicht nur problematisierend mit den Rahmenbedingungen und Entwicklungen der jüngeren Geschichte, sondern holt historisch weit aus. Harlander stellt damit das Phänomen des „Eigenheims“ in einen umfassenden Kontext und macht die Verschränkung von sozialen Entwicklungen, gesellschaftlichen Wertepräferenzen, politischer Macht, ökonomischen Rahmenbedingungen, planerischen Idealen und baulicher Machbarkeit deutlich. Villa und Eigenheim zieht den großen Bogen von den Villenkolonien des 19. Jahrhunderts über Gartenstädte, ArbeiterInnensiedlungen und NS-Propaganda („Eigenes Heim auf eigener Scholle“) hin zur massiven Verbreitung des freistehenden Einfamilienhauses nach dem zweiten Weltkrieg, streift die Siedlungspolitik der DDR und führt zu den Experimenten verdichteten Bauens in Form von „suburbanen Wohnquartieren“ in jüngster Vergangenheit. Dies führt vor Augen, was am Diskurs um Wohnformen im Allgemeinen bzw. an suburbanen Wohnformen im Speziellen der vielleicht spannendste Aspekt ist: seine massive gesellschaftspolitische Relevanz, baulich manifestiert in den zwei wichtigsten stark weltanschaulich grundierten Traditionen des suburbanen Städtebaus des 20. Jahrhunderts – dem sozialen Geschoßwohnungsbau einerseits und der Forcierung des Eigenheimbaus in Form unterschiedlichster Kleinsiedlungsvariationen andererseits. Den ideologischen Hintergrund – bzw. die vielen ideologischen Hintergründe – in der Debatte um das „Eigenheim“ nicht ganz aus dem Blickwinkel zu verlieren, erscheint in vermeintlich „ideologielosen“ Zeiten jedenfalls erkenntnisreich. Denn auch die von den Herausgebern als „rational“ bezeichneten Motive für die Schaffung von Wohnungseigentum – Wohnsicherheit, Selbstverwirklichungs- und Aneignungsspielräume, Vermögensbildung – sind wohl im Lichte gesellschaftlicher Wertepräferenzen zu sehen.
Bei aller Polarität der Ansätze – verkürzt: Vergemeinschaftung versus Privatheit, öffentliche Steuerung versus individuelle Freiheit – eint doch die gemeinsame Tendenz der Anti-Urbanität als Reaktion auf die industrialisierte Großstadt des 19. Jahrhunderts. Mit der „sozialen Öffnung“ des Eigenheimbaus für breite Bevölkerungsschichten geht neben dem bekannten Funktionsverlust der Kernstädte auch ein Funktionsverlust der öffentlichen Hand bzw. der Verlust öffentlicher städtebaulicher „Ordnungsmacht“ – ein die Stadt kennzeichnendes Element – einher. Villa und Eigenheim wird nicht müde, auf die in umfassendem Sinn fehlende städtebauliche Qualität des Siedlungstyps „freistehendes Einfamilienhaus“ hinzuweisen und verweist auf historische Ansätze, in denen privater Wohnungs- bzw. Hausbau nicht notwendigerweise mit planerischer Anspruchslosigkeit zu tun haben muss, Privatheit und Vergemeinschaftung nicht im Widerspruch stehen. Das Aufzeigen verloren gegangener städtebaulicher Qualitäten in der suburbanen Siedlungsentwicklung ist eine zentrale Anspruchshaltung der Herausgeber von Villa und Eigenheim, was konsequenterweise eine Auswahl praktisch ausschließlich positiver Fallbeispiele zur Folge hat – und etwa im Abschnitt zur Entwicklung seit 1945 zu einer gewissen Diskrepanz mit den kritischen Kapiteln über die Rahmenbedingungen führt. Da und dort ein Negativbeispiel hätte dem offensichtlich pädagogischen Anspruch vielleicht nicht schlecht getan.
Villa und Eigenheim begnügt sich nicht mit der Deskription und Problematisierung eines Themas – es ist ein Band mit Anliegen. Eingefordert wird nicht zuletzt die planerische Verantwortung der öffentlichen Hand – im Vertrauen auf die Tradition der „europäischen Stadt“, welche es im Gegensatz zur amerikanischen nicht zulassen sollte, öffentliche Anliegen wie den Wohnungsbau an die Marktforschung privater GroßinvestorInnen zu delegieren. Naiv angesichts sich ausbreitender Themensiedlungen? Was bleibt, ist jedenfalls ein fundierter und noch dazu höchst lesbarer Einblick in die Thematik des suburbanen Städtebaus, der historische Zusammenhänge ersichtlich macht und Zukunftsperspektiven aufzeigt.


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