Silvester Kreil

Student an der Akademie der bildenden Künste Wien - Institut für Kunst und Architektur. Beschäftigt sich mit den Themen Raum, Grenzen und Territorien in urbanen Feldern und Stadträumen.


We understood that the act of picturing alternative worlds is no longer enough. We should start a journey of constructing them instead. (STEALTH.unlimited)

Ausgehend von der Finanzkrise 2008 beschreibt das Buch Upscaling, Training, Commoning. Constructing a Future That is Yet to Be die folgende zehnjährige Schaffensperiode der multidisziplinären Praxis von STEALTH.unlimited (Ana Džokić und Marc Neelen). Frei zwischen den Feldern Kunst und Architektur wechselnd, werden dabei das bewusste Sehen, das entschlossene Entdecken, die Neuinterpretation, das Verhandeln urbaner Räume und das Austesten gesetzlicher Graubereiche zu zentralen Arbeitsmethoden. Die dadurch aktivierten Orte definieren ein breites Handlungsfeld zwischen umkämpftem Stadtraum, urbaner Nische, Galerien und Biennalen sowie dem nicht-physischen Dialog kollektiven Zusammenlebens.
In den letzten Jahren war zu beobachten, wie AkteurInnen alternativer Stadt- und Architekturproduktion vermehrt ins Rampenlicht getreten sind, auch STEALTH.unlimited sind Teil dieser Bewegung. Doch während sich dieser Diskurs oftmals noch im Theoretischen, Akademischen befindet, sich dort verfängt, sind Džokić und Neelen schon einen Schritt weiter. In dem selbst-editierten Buch zeigen sie uns Projekte, die sich mit den gewandelten Umständen und den dadurch neu entstandenen Problemfeldern nicht nur beschäftigen, sondern diese auch kontinuierlich als Anlass nehmen, die eigene Praxis zu hinterfragen und neu zu definieren.
Unterstützung für die Reflexion holen sich Džokić und Neelen bei KomplizInnen mit den unterschiedlichsten Expertisen – sinnbildlich für die Arbeitsweise von STEALTH.unlimited, die Vielschichtigkeit urbaner Räume und die daraus resultierende Notwendigkeit interdisziplinärer Produktion.
Neben einer ausführlichen Einleitung finden wir fünf thematische Schwerpunkte. Besonders der letzte Abschnitt, ein fiktiver Blick in die Zukunft, geschrieben von Paul Currion zeigt, dass dieses Buch keine endgültige Position präsentieren will. Mithilfe der dargestellten Projekte werden Themen wie Ökonomien der Ausdauer, Trainingsplätze für ein anderes Leben, das Umgestalten des Wohnungswesens und die Neu-Konstituierung von Machtgefügen besprochen. Das vorliegende Buch ist alles andere als ein Werkbericht, sondern vielmehr die Möglichkeit, die beiden HauptakteurInnen auf ihren Stationen zu begleiten und die Transformation ihrer Praxis detailreich nachzuvollziehen. Insofern offenbart sich die Konzeption des Buches in Form eines Travelogs (Reiseberichts) als wahrer Kunstgriff. Einerseits wird man zum Mitreisenden und andererseits erhält man einen angenehm niederschwelligen Zugang in die Welt von STEALTH.unlimited. Mittendrin statt nur dabei, verlässt man die passive Position des Architekturbetrachters und begibt sich von Bordeaux über Stockholm, Konjic, Belgrad, Wien bis nach Rotterdam und an viele Orte mehr. Und was finden wir in dieser Welt? Definitiv keine Hochglanz-Architektur oder monumentale Prestigebauten. Es sind provisorische, improvisierte Installationen und Aktionen, die direkt an Ort und Stelle entstehen. In bester DIY-Manier ist es dieser kollektive Ansatz, der alle Beteiligten Selbstermächtigung erfahren lässt.
How it could work? fragen sich Džokić und Neelen, eine eindeutige Antwort haben sie selbst nicht. Das Buch allerdings zeigt Ansätze, wie wir als mutige, selbst-organisierte Gemeinschaft einer Beantwortung dieser Frage näherkommen können und vielleicht eine Zukunft (abseits der Ausbeutungslogik) erreichen, die noch unvorstellbar ist. Besonders die beiden Langzeitprojekte Stad in the Maak (city in the making – Rotterdam) und Ko Gradi Grad (Who builds the city – Belgrad) sollte man sich diesbezüglich und aufgrund ihrer Dimension und Möglichkeiten genauer ansehen.
Die beinahe intimen Bilder und Alltagsfotografien sind ganz im Sinne des Travelogs die richtige Erzählform, um die prozessorientierten Projekte greifbar zu machen – ein guter Ansatz, um der schwierigen Darstellbarkeit kreativer Prozesse entgegenzutreten. Ob es jedoch notwendig ist, die DIY-Ästhetik auch in grafischen Belangen zu übernehmen, stelle ich in Frage, eine reduzierte und klare Gestaltung hätte dem Buch in punkto Lesbarkeit nicht geschadet und auch den Inhalt besser transportiert.
Toll an diesem Buch ist jedenfalls, dass STEALTH.unlimited in den Texten und Projekten ihre eigene Praxis ständig hinterfragen, offenlegen und uns an der Transformation teilhaben lassen. Es geht nicht darum, erfolgreich abgeschlossene Projekte zu zeigen, sondern die Entstehung mit all ihren Problemstellungen, Entdeckungen, Kompromissen und ortsspezifischen Eigenheiten begreiflich zu machen. Ein How-to-book für all jene, die ihre Umwelt mit eigenen Händen gestalten wollen, STEALTH.unlimited auf dieser inspirierenden Reise zu begleiten wird wärmstens empfohlen.


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