Mathieu Wellner


Das Architekturmuseum in der Pinakothek der Moderne zeigt die Ausstellung: Ort und Erinnerung - Nationalsozialismus in München. Vergeblich wird man in dieser Ausstellung des Architekturmuseums nach Grundrissen, Schnitten oder Modellen von NS-Gebäuden suchen. Auch zur Form- und Material-Spezifik von Troosts und Speers Propagandabauten wird der Besucher hier nicht fündig werden. Diese architektonischen Aspekte sind auch irrelevant, da es de facto keinen einheitlich gebauten NS-Stil gab. Diese Ausstellung geht einen anderen Weg – sie will die von den Nationalsozialisten gebauten oder angeeigneten Orte wieder zu Trägern von konkreten Ereignissen werden lassen. Zu lange haben deutsche und österreichische Städte ihre „braune“ Geschichte ignoriert. In den drei jeweils 200m2 großen Ausstellungsräumen geht es um den Umgang mit der Vergangenheit und um die Frage, ob Städte und Gemeinden ihre Geschichte sichtbar machen oder vertuschen. In den ersten vierzig Jahren nach Kriegsende hat man eigentlich nur der Opfer gedacht – und das zumeist auch noch auf deren Initiative. Denkmale, Mahnmale und Dokumentationszentren, die nicht unbedingt an konkrete Orte oder Gebäude gebunden sind, mahnen auf repräsentative, aber abstrakte Weise. Diese Orte sind symbolische, ganz artifizielle Räume, die, im phänomenologischen Sinn von Norberg-Schulz, den „Menschen Halt geben“[1]. Sind sie aber nicht auch, gegensätzlich dazu, das was Foucault eine Heterotopie[2] nennt, nämlich die Utopie eines einzelnen Raumes, der für mehrere (oft völlig unterschiedliche) Räume steht? So hat die Stadt München Mitte der achtziger Jahre einen Wettbewerb für ein „Denkmal für die Opfer der NS-Gewaltherrschaft“ ausgeschrieben. Gewonnen hat der Deggendorfer Bildhauer Andreas Sobeck mit einer Basaltsäule auf der eine Gasflamme hinter einem Stahlgitter lodert. Diese steht auf der nachträglich zum „Platz der Opfer des Nationalsozialismus“ umbenannten Verkehrsinsel, schräg gegenüber der ehemaligen Gestapo-Zentrale. Um solche Fauxpas in Zukunft zu verhindern und der politisch motivierten Geschichtsverdrängung entgegenzuwirken, zeigt die Ausstellung auf Tafeln, Karten, Projektionen und Fotografien einhundert konkrete Orte Münchens, die den dortigen Aufstieg und die Schreckenszeit des NS-Regimes lokalisierbar machen sollen. „Wer jedoch die vorgestellten Bauten, an denen er vielleicht häufig achtlos vorbeigegangen ist, mit Wissen um Zusammenhänge und Hintergründe betrachtet, der kann mit den Steinen Geschichte verbinden, der wird hinter die Fassaden geführt und über Ereignisse, Mechanismen und Strukturen informiert, die ihn auch heute noch betreffen können“ erklärt Museumsdirektor Prof. Nerdinger im ausführlichen Katalog[3]. Denn München ist wie wenige andere Städte eng mit dem Nationalsozialismus verknüpft, ist sie doch die Stadt, in der alles begann: der Aufstieg Hitlers, die Gründung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), der Sturmabteilung (SA) und der Schutzstaffel (SS) - die „Hauptstadt der Bewegung“. Viele dieser historischen Ereignisse sind mit bestimmten Gebäuden verknüpfbar und im Stadtraum, falls nicht im Krieg zerstört, noch sichtbar. Erst seit etwa zwanzig Jahren vollzieht sich ein Wechsel in der Forschung, da nun eine neue Generation von HistorikerInnen nicht mehr die Auseinandersetzung mit den TäterInnen scheut, von denen viele noch bis in die siebziger Jahre wichtige öffentliche Positionen besetzten. In acht thematischen Schwerpunkten, vom „Aufstieg der NSDAP“ über „Verwaltung und Verbrechen“ oder „Zwangsarbeit und Lagersystem“ bis zu „Widerstand“, zeigen die ausgestellten Stadtpläne die Adressen der besprochenen Gebäude und Plätze. Man sieht beispielsweise in welchen Bierkellern die Partei gegründet wurde, von welchen Verlagshäusern die Nazis unterstützt wurden oder in welchen Stadthäusern Hitler ins Bürgertum eingeführt wurde. Auf der Karte über die „Selbstdarstellung des Nationalsozialismus in München“ kann man den für München geplanten städtebaulichen Gigantismus Hitlers ablesen. Ein regelrechter Umbau der Stadt in die „Hauptstadt der Bewegung“ sollte nach dem „Endsieg“ das Stadtbild völlig verändern. Hierfür konnte das Architekturmuseum auf eine Diplomarbeit eines Architekturstudenten zurückgreifen, der diese nicht realisierten Planungen auf den aktuellen Stadtplan übertrug. Drei, jeweils in Autobahnen endende Achsen, sollten die Stadtstruktur verändern. Am äußeren Endpunkt der Achsen, als eine Art Stadttor waren jeweils ein Forum der HJ, der SA und der SS geplant, die die Stadt bewachen sollten. Nach Innen waren die Achsen auf symbolische Orte (Feldherrnhalle und Bürgerbräukeller) und Monumente (Denkmal der Erinnerung) ausgerichtet, um glorifizierend und als Mittel der Trivial-Interpretation auf die Massen zu wirken. Die Monumentalität und Maßlosigkeit der Formen als Machtdemonstration und das axiale Ordnungsschema als Zeichen der Unterordnung sind ja schon in ähnlicher Weise aus den Planungen für Nürnberg und Berlin bekannt. Ein wesentlicher Unterschied aber zu diesen beiden Städten war die realisierte räumliche Konzentration an Verwaltungsbauten auf dem Areal zwischen Königsplatz und Karolinenplatz. Nur zwei realisierten Neubauten von Hitlers Architekten Troost standen hier knapp fünfzig angemietete Gebäude gegenüber, in denen insgesamt ungefähr 5000 BeamtInnen des Terrorregimes arbeiteten. Ein eigenes Heizkraftwerk, eine eigene Post, ein Netz an unterirdischen Gängen und ein eigener Luftschutzbunker machte aus diesen Einzelbauten eine fast autarke Einheit. Der klassizistische Königsplatz von Leo von Klenze aus dem frühen 19. Jahrhundert wurde mit Granitplatten bedeckt und um zwei Ehrentempel ergänzt, die den Platz zur „nationalen Gedenkstätte“ veränderten. Die sechzehn „Blutzeugen“, denen Hitler schon „Mein Kampf“ gewidmet hatte, waren in gusseisernen Särgen in den offenen Ehrentempeln aufgebahrt und das seit 1933 jährlich stattfindende Marschritual fand vor diesen „Märtyrern der Bewegung“ statt. Die Karte, die in der Ausstellung für die größte Verwunderung sorgt, ist sicherlich jene, in der Lager eingezeichnet sind. Seit Beginn des Krieges waren in München über 400 Lager auf die gesamte Stadtfläche verteilt. Diese Kriegsgefangenen-, Arbeiter- und KZ-Außen-Lager gehörten so offensichtlich zum Stadtbild, dass jeder Münchner die Häftlinge gesehen haben muss. In Vergessenheit scheint dies auch deswegen geraten zu sein, weil die ausbeutenden Firmen erst in den letzten fünfzehn Jahren zu Ausgleichszahlungen bereit waren. Paul Virilios Aussage „wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt, gibt es auch keine Erinnerung mehr“[4] kommt einem in diesem Fall vor, wie eine bewusste Strategie der deutschen Wirtschaft im Umgang mit der eigenen Vergangenheit. Aber nicht nur Opfer und Täter werden in dieser Ausstellung lokalisiert - es ist auch sehr interessant, Orte des Widerstands zu sehen. Von der „Weißen Rose“ weiß man zwar, dass deren Mitglieder ihr letztes Flugblatt in der Ludwig-Maximilians-Universität auslegten, aber dass sie sich im Atelier des Architekten Eickemeyer trafen, ist sicher für viele neu und Balsam für die Architektenseele. Im letzten Raum der Ausstellung sind aktuelle Farbfotografien von manchen der exemplarisch ausgewählten Orte auf die Wände tapeziert worden, um nach den historischen Dokumenten nun auf das aktuelle Stadtbild hinzuweisen.Angesichts der Fülle an Texten und der kartografischen Übersetzung in den Stadtplan, gelingt es den Kuratoren der Ausstellung in einer nüchternen und rationalen Weise, dieses schwierige Thema frei von Emotionalisierung und Personalisierung zu vermitteln. Natürlich sind Gebäude unschuldig, aber das ist noch lange kein Grund zu vergessen, was sich in ihnen abspielte.

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Ausstellung
Ort und Erinnerung
Nationalsozialismus in München

Architekturmuseum der TU München in der Pinakothek der Moderne
22. Februar bis 28. Mai 2006

Fußnoten


  1. Christian Norberg-Schulz, Genius Loci. Mailand: Eclecta, 1979. ↩︎

  2. Michel Foucault, Andere Räume. In: Die Reparatur und Rekonstruktion der Stadt. Berlin: Senator für Bau- und Wohnungswesen, 1984. ↩︎

  3. Winfried Nerdinger (Hg.), Ort und Erinnerung - Nationalsozialismus in München. München: Verlag Anton Pustet, 2006. ↩︎

  4. Paul Virilio, Ereignislandschaft. München Wien: Carl Hanser Verlag, 1998. ↩︎


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