Manfred Russo

Manfred Russo ist Kultursoziologe und Sozialforscher an der Universität Wien und ist Professor an der Bauhaus Universität Weimar.


Kinder beim Fußball-Spiel. Karl-Marx-Hof. Wien. Österreich. 1932, Foto: IMAGNO/ÖNB/Lothar Rübelt
Kinder beim Fußball-Spiel. Karl-Marx-Hof. Wien. Österreich. 1932, Foto: IMAGNO/ÖNB/Lothar Rübelt

Vielleicht hatte der deutsche Turnlehrer Karl Planck vom Eberhard-Ludwigsgymnasium in Stuttgart im 19. Jahrhundert nicht ganz unrecht, als er in einem Buch über die neue „Fusslümmelei“ das von ihm als Stauchballspiel bezeichnete Fußballspiel als die englische Krankheit bezeichnete. Vielleicht ahnte er, dass mit dem Niedergang des griechischen Schönheitsideals, das im deutschen Turnen noch aufgehoben war, und dem damit einhergehenden Aufstieg der unästhetischen Bewegung der Fußballlümmel völlig neue Zeiten anbrechen, die von einer Dominanz der Massen und entsprechenden Formen des Umgangs geprägt sein würden. Dieses Beispiel einer zeitgenössischen Kritik macht deutlich, dass es sich beim Aufstieg des Fußballs um ein Phänomen handelte, das in seiner Wahrnehmung durchaus mit der damaligen Rezeption der modernen Kunst vergleichbar war, wenngleich der zentrale Unterschied darin bestand, dass die moderne Kunst nie in vergleichbarer Weise massenwirksam geworden ist. Anders hingegen der Fußball, der schon in den ersten Jahrzehnten seines Bestands erfolgreich auf Massentauglichkeit hin getestet wurde und damit auch seine Fähigkeit unter Beweis stellte, zum Ausdruck der Masse selbst werden zu können. Vor allem deshalb – dies muss freilich erwähnt werden – weil den Massen oftmals gar kein anderer Ausdruck möglich war. Das merkwürdige ist nun aber der Umstand, dass mittlerweile auch der Fußball schon nach den Regeln der Kunst und Kultur präsentiert und rezipiert wird, wie es in der Ausstellung Herz:rasen im Wiener Künstlerhaus nachdrücklich und gekonnt unter Beweis gestellt wird. Fußball wird nicht mehr als eine bestimmte Sportart, sondern als ein kulturelles Phänomen gesehen, das mit einer massiven kapitalistischen Verwertung einhergeht. Die Entdeckung des Fußballs als kulturelles Phänomen erfolgte durch die cultural studies, wo eben diese symbolische Expressivität der Arbeiterklasse durch den Fußball Eingang in die Forschung fand. Diese Besetzung des Fußballs war allerdings nur deshalb möglich, weil es sich bei diesem in der Anfangsphase um einen freien Signifikanten handelte, dessen Signifikat neben der rein sportlichen Dimension noch zu einer zusätzlichen Aufladung mit Fankult fähig war, die nun den Fußballfan mit seiner Mannschaft verschweißte und auf diese Art eine Phantasie- und Ideenwelt mit einer Mischung von antiker Arena, Vasallentum aus der Feudalzeit mit den entsprechenden territorialen Konnotationen und modernem Pop herstellte. Der Fan ist nun das sonderbare Double des Spielers und der Mannschaft.

Nach dieser Logik ist auch die Ausstellung aufgebaut, indem sie die zwei unterschiedlichen Wege zeigt, die in die Arena führen, den des Fans und den des Spielers. Tatsächlich handelt es sich eher um zwei Welten, die nichts Wirkliches miteinander verbindet, außer eben das Aufeinandertreffen von Signifikat und Signifikant, von Fußballer und Fan in der Arena. Der Fußball ist sozusagen nur durch eine Zwei-Welten-Theorie erklärbar, die das Leistungssystem Fußball auf der einen und die Lebenswelt des Fußballfans auf der anderen Seite behandelt, die sich wie Signifikat und Signifikant aufeinander beziehen, aber dennoch zwei unterschiedliche ontologische Einheiten darstellen.

Zu welcher Gruppe man gehörig wird, diese Entscheidung scheint durch höhere Bestimmung zu erfolgen. Der Fan infiziert sich mit dem Virus des Fußballs durch das Erlebnis in der Arena, der Fußballer durch seine ersten Spiele im Käfig, im Park, auf der Gstättn. Eine bemerkenswerte Differenz besteht nun darin, dass der Fan vom Clan der Fangruppe wie in einer Familie aufgenommen wird, während der Spieler zunächst in den Verein eintritt, aber sobald er von Karriere und internationalem Ruhm träumt, ihn auch wieder verlassen wird. Der Fan ist der Treue verpflichtet, während der Fußballer nicht nur den aktiveren, sondern auch den wesentlich moderneren, selbstbestimmten Part spielt und den Verein auch verlässt, wenn ihm ein besseres Angebot gemacht wird. Gerade die in der Ausstellung vorgenommene Kontrastierung zeigt die Differenz zwischen dem vormodernen Bewusstsein des Fans und dem postmodernen des Fußballers. Entsprechend gibt es auch völlig unterschiedliche Kategorien von Objekten. Der dem Fan gewidmete Ausstellungsbereich stellt gewissermaßen ein Museum der Kultgegenstände dar, in dem die Devotionalien der Fußballreligion ausgestellt werden, von den Mannschafts- und Spielerporträts über die gewonnenen Pokale, Pressebilder mit triumphierenden Spielern, Reliquien wie alte Fußballschuhe, die von den Füßen heiliger Spieler berührt wurden, Bälle, die in mythischen Endspielen eingesetzt waren, bis hin zu den Dressen der Fußballgötter und Bildern der berühmten Fußballtempel, den Stadien. Das Ganze wird ergänzt durch Videos, die medial aufbereitete Spitzenszenen aus dem Fußballgeschehen darstellen und die Bilder mit entsprechenden Sounds unterlegen. Besonders sehenswert ist die Abteilung die music, fashion und football vereinigt und zeigt, wie vornehmlich in England Kleidungsstile von Jugend- und Subkulturen zu einer kreativen Fanmode weiterentwickelt wurden, ehe sie vom Vereinsmarketing vereinnahmt wurden. Nett sind auch die alten Poesiealben und die beklebten Schulhefte, die bald von Zigarettenbildern und WM-Alben abgelöst wurden.

Wesentlich nüchterner gestaltet sich der Bereich der den Spieler betreffenden Objekte, da es sich dabei um das Ziel der Leistungsrationalisierung handelt, das weniger spektakulär umsetzbar ist. Das spielerische Element, das einst aufgrund seiner Interesselosigkeit, um eine Kant’sche Formulierung aus dem Bereich der Ästhetik zu verwenden, eine wichtige ethische Dimension des Sports erfüllte, ist heute im Mannschaftssport Fußball allenfalls in der Unterliga anzutreffen.

Jubel im Publikum bei einem Ländespieltor des österreichischen „Wunderteams“ auf der Hohen Warte in Wien. Um 1932. , Foto: IMAGNO/ÖNB/Lothar Rübelt
Jubel im Publikum bei einem Ländespieltor des österreichischen „Wunderteams“ auf der Hohen Warte in Wien. Um 1932. , Foto: IMAGNO/ÖNB/Lothar Rübelt

Der moderne Fußballprofi agiert in einem technisch höchst komplexen System, das eben die zweite Welt darstellt, das die Leistungsmaximierung als einziges Ziel kennt, um die dahinterstehenden Profitinteressen und die Medienpolitik der Vereinsbesitzer zu realisieren. Daher ist ständige Kontrolle und Beobachtung des Körpers durch modernste Diagnosegeräte und avancierte Sportmediziner, wie auch durch den kritischen Blick des Trainers, der durch ein Team von Spezialisten unterstützt wird, notwendig. Zahlreiche Methoden der Messung und Spielanalyse ergänzen dieses Instrumentarium der Leistungskontrolle. LPM-Systeme können auf Knopfdruck darüber Auskunft erteilen, wie viel ein Spieler gelaufen ist, wie groß seine Deckungsarbeit war, und wie viel Prozent seiner Laufleistung im anaeroben Bereich stattfand. Selbst der Rasen ist Gegenstand der Rasenforschung. Selbstverständlich haben mittlerweile auch die Psychologen Eingang in den Profibetrieb genommen und arbeiten am Innenleben der Kicker, um die mentale Stärke der Spieler zu erhöhen und um aus egoistischen Einzelspielern eine Mannschaft zu formen, die nicht auf die Shareholder des Vereins vergisst. Selbst der Schiedsrichter ist Objekt permanenter Rationalisierungsversuche und sollte schon längst einem Team von Elektronikspezialisten Platz gemacht haben, die jeden Moment des Spieles unter Kontrolle haben.

Kontrolle ist auch das Stichwort der modernen Stadiontechnologie mit ihrer Videoüberwachung, die gewissermaßen die Idee des Panoptikums realisiert. Immer dann, wenn manche Fans die Trennung der Zwei-Welten-Einteilung überwinden wollen, aus ihrer Welt auszubrechen drohen, um in die Realität der Welt des Fußballs hinüberzuwechseln, um selbst Teil des realen Geschehens zu werden, muss eingegriffen werden. Psychodynamisch ist völlig klar, dass die vom Spiel ausgehende motorische Spannung sich auch auf die Körper der ZuschauerInnen übertragen muss und sie durch Katharsis zu entladen sucht. Aber die Kanalisierung genau dieser Triebkräfte muss genauestens überwacht werden, um die Zwei-Welten-Trennung aufrecht zu erhalten, derzufolge kein Fan in die Konstruktion des Sakralen eingreifen kann. Daher prügelt man sich aus Verzweiflung gegenseitig – wenn es sein muss – halbtot.

Die gut gemachte Ausstellung, die auch durch riesige Videoinstallationen für einen gehörigen Soundteppich sorgt, zu dem auch die BesucherInnen ihren Beitrag leisten können, wenn sie der Einladung zum Mitsingen in einer eigenen Kammer Folge leisten oder die Ballmaschine bedienen bzw. im kick off für einen guten Zweck selbst ein Tor erzielen können, ist eine spezielle Mischung aus Infotainment und Museum, die offenbar nach den pädagogischen Praktiken des Technischen Museums eingerichtet wurde, das hier ja auch als Veranstalter in Erscheinung tritt, unterstützt von einer Riege renommierter Sporttheoretiker und Journalisten. Wer sich über diesen Sport nach wie vor etwas den Kopf zerbrechen möchte, dem sei der informative Katalog anempfohlen, der zeigt, warum eine Nebensache zur Hauptsache werden kann.

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Ausstellung
Herz:rasen
Die Fußballausstellung
Künstlerhaus am Karlsplatz, Wien
4. April bis 6. Juli


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